Ob in Pillenform oder als Kraut: Heilpflanzen gehören zu den Lieblingsarzneien der Deutschen. Aber helfen Kamille, Minze und Sonnenhut tatsächlich? Der Alternativmedizin-Forscher Edzard Ernst hat die wissenschaftlichen Belege zusammengetragen - und kommt zu erstaunlichen Ergebnissen. Von Ute Eberle

Die grüne Medizin hat eine lange Tradition. Moderne Phytotherapie kann Pflanzliches auch in exakter Dosierung und gleichbleibender Qualität liefern© Picture-Alliance
Wenn der Allgemeinarzt Erwin Häringer in seiner Schwabinger Praxis den Rezeptblock hervorholt und Patienten eine Arznei aus dem Arsenal der Pharmaindustrie verschreibt, dann weiß er: Statistisch gesehen werden gut 30 Prozent der Kranken das Mittel niemals anrühren. Weitere 30 Prozent werden es nur probieren und die Schachtel dann in den Müll verfrachten. Therapeutisch ist das ein Debakel. "Das schlechteste Medikament ist eins, das nicht genommen wird", sagt Häringer, der seit 40 Jahren praktiziert.
Wo er nur kann, zieht der Doktor deshalb den "grünen Rezeptblock" und verordnet Pflanzliches. Knoblauch bei zu hohem Cholesterinspiegel, Weißdorn für das Herz, Rosskastanie zur Behandlung schwellender Krampfadern. Denn dann weiß er: Diese Mittel müssen die Patienten zwar in der Apotheke selbst bezahlen. Aber sie nehmen sie auch. Und zwar "zu 90 Prozent".
Ob Goldrute, Baldrian, Ginkgo oder Sonnenhut: Deutsche lieben Pflanzenheilmittel. 1,45 Milliarden Euro gaben sie laut dem Gesundheitsbranchendienst IMS 2008 dafür aus. Gerade wenn es im Magen zwickt, die Gelenke schmerzen, die Nase läuft, der Schlaf nicht kommen will oder wenn sie sich allgemein abgeschlafft fühlen, greifen Bundesbürger mehr als jedes andere Volk Westeuropas zu Tees, Extrakten, Dragees und Tinkturen aus der Natur. Mehr als 70 Prozent der Deutschen, so eine Umfrage, benutzen natürliche Heilmittel. Und obwohl sogenannte Phytopharmaka (von griechisch phyton = Pflanze und pharmakon = Heilmittel) seit 2004 nur noch in Ausnahmefällen von den Kassen bezahlt werden, wollen mehr als 80 Prozent bei Krankheiten lieber erst einmal damit als mit chemischen Präparaten behandelt werden.
Medikamente aus Pflanzen gelten als sanft, naturverbunden und nebenwirkungsarm. Ein Ruf, der viel damit zu tun hat, dass Heilmittel aus dem, was um uns wächst, eine beeindruckende Tradition aufweisen. Als Archäologen 1991 in den Alpen den "Ötzi" bargen, entdeckten sie neben der gefrorenen Leiche zwei walnussgroße Klumpen, aufgefädelt an einem Lederriemen. Es waren Birkenporlinge - Pilze, die antibiotische Stoffe enthalten. Womöglich hatte der Mann aus der Jungsteinzeit damit Verdauungsmolesten behandelt, in seinem Darm fanden sich Eier des Durchfall auslösenden Peitschenwurms Trichuris trichiura. Schon vor 5000 Jahren benutzten Menschen demnach Heilmittel aus der Natur.
Doch hat etwas, das in der Jungsteinzeit gängig war, immer noch Platz in der modernen Medizin? Wie Akupunktur und Homöopathie zählt die traditionelle Pflanzenheilkunde zu den alternativen Therapien - ein Bereich, in dem die Hoffnung oft groß ist, der Nutzen jedoch fragwürdig. Viele dieser Therapien bieten nicht mehr als den Placeboeffekt: Der Kranke fühlt sich besser, womöglich sind Schmerzen oder Stimmungstief verschwunden - aber nicht durch einen Wirkstoff im Medikament, sondern durch menschliche Zuwendung, durch das Vertrauen in die Behandlung. Damit ist manchem geholfen. Aber ein wirksames Medikament muss mehr bieten, muss über den Placeboeffekt hinausgehen. Tun das die Naturheilmittel? Sind sie, wie viele meinen, nur clever vermarktete Scheinmedikamente, und damit eine Ausnutzung des Patientenvertrauens und Geldverschwendung? Oder ist, wie andere behaupten, die Phytomedizin gar der konventionellen Medizin überlegen?
Ein Mann, von dem man verlässliche Antworten auf diese Fragen erwarten darf, arbeitet in einem Reihenhaus in Exeter im Südwesten Englands. Professor Edzard Ernst empfängt in auberginefarbener Kordhose, hellgrünem T-Shirt und gelbem Pulli hinter einem zerkratzten Schreibtisch, der vor einem Druck des hippokratischen Eids steht. Deckenhohe Bücherregale, übermannshoch gestapelte Papierablagefächer, Fotos und Auszeichnungen an fast jedem Fleck der Wände, ein Teppich im Orientmuster auf dem Boden. Neben der Tür prangt eine chinesische Schriftrolle, die Ernst einst auf einer Konferenz in Asien überreicht wurde. "Vermutlich sagt sie 'Professor Ernst ist ein Idiot'", witzelt er.
1993 wurde der in Wiesbaden geborene Wissenschaftler an die Universität Exeter berufen, um der weltweit erste Professor für Komplementärmedizin zu werden. Seither studiert er dort die Wirksamkeit alternativer Behandlungsmethoden. In einem Labor im Keller lässt er Heilmittel prüfen und klinische Studien durchführen, in einem halben Dutzend Büros darüber sichten Assistenten, was medizinische Journale weltweit über alternative Therapien berichten. Nicht die einzelne Studie interessiert Ernst, sondern die Beweislage, die sich ergibt, wenn möglichst Dutzende oder gar Hunderte streng kontrollierter Tests zum Gesamtbild vereint werden.
Gemeinsam mit dem Wissenschaftsautor Simon Singh fasste er jüngst in Buchform zusammen, was er in den vergangenen 15 Jahren gelernt hat. Ein ganzes Kapitel widmete er der Pflanzenmedizin. Und kommt zu dem Fazit: Längst nicht alles in der Phytotherapie überzeugt, und manches ist nicht so harmlos, wie es das Etikett "natürlich" vermuten lässt. Aber es gibt eine Reihe von Gewächsen, deren medizinische Anwendung uns völlig zu Recht überliefert wurde - weil sie auch nach heutigem Kenntnisstand über eine spezifische Wirkung verfügen (siehe Interview im Mehr-zum-Thema-Kasten).
Patienten, die in die Abteilung für Naturheilkunde der Charité in Berlin kommen, sind gewöhnlich zwei Gruppen zuzuordnen: unerschütterliche Anhänger natürlicher Medizin und solche, die schon alles andere versucht haben. Gabriele Grahl zählt zu den Letzteren.
Seit 30 Jahren plagt die 60-Jährige eine Art rheumatische Erkrankung. Sie leidet an Schmerzen in der Wirbelsäule, den Knien und der Hüfte. Sie wurden so stark, dass die Berlinerin vor fünf Jahren ihren Beruf als Diätassistentin im Krankenhaus aufgeben musste. Die immer stärkeren chemisch-synthetischen Pharmazeutika, die sie dagegen nahm, halfen irgendwann nur noch für wenige Stunden. Dafür belasteten sie Grahls Leber, machten sie teils so benommen, dass sie nicht mehr Auto fahren konnte. Die Qualen ließen sie oft nicht schlafen. "Ich wusste mir keinen Rat mehr", sagt sie. "Ich war verzweifelt."
Zufällig las sie in der Zeitung über Schmerztherapien mit Pflanzen. Sie meldete sich zu einer Studie an und begann ein Trockenextrakt aus der Rinde des Weidenbaums zu schlucken. Drei Jahre ist das her. "Zwei Wochen nach der ersten Kapsel waren meine Schmerzen fast weg", schwärmt Grahl. "Und das mit einem pflanzlichen Präparat. Für mich war das wie ein Wunder."
Gute Erfahrungen machte Grahl auch mit dem Johanniskraut, das sie seit Jahren immer wieder nimmt, um die Depressionen zu bekämpfen, die sie - wie viele chronisch Schmerzleidende - quälen. Das Kraut helfe ihr besser als die Psychopharmaka früher, sagt sie. "Und ich wollte einfach nicht mehr so viele Medikamente in mich hineinschütten."
Dass Pflanzenmittel starke Effekte auf den Organismus haben können, ist keineswegs verwunderlich. Kräuter und Bäume können nicht weglaufen, und so haben sie im Lauf der Evolution chemische Stoffe entwickelt, um sich gegen Fressfeinde, Parasiten, Viren und Bakterien zu wehren. Einige der tödlichsten Gifte, die wir kennen, stammen aus Pflanzen, und bis vor etwa 200 Jahren waren Aufgüsse und Extrakte aus ihren Blättern, Früchten, Wurzeln und Rinden die wichtigsten Hilfsmittel, um Krankheiten zu bekämpfen.
1820 gelang es den französischen Chemikern Pierre-Joseph Pelletier und Joseph-Bienaimé Caventou, aus der Rinde des Fieberbaums den medizinisch aktiven Bestandteil - Chinin - zu extrahieren. Danach begann eine Ära, in der Pharmakologen zunehmend geschickter wurden, Moleküle aus Gewächsen zu isolieren, gegebenenfalls nachzubauen und zu verfeinern. Die bei Herzleiden eingesetzten Digitalisglykoside etwa stammen aus dem Fingerhut, das Morphin aus der Mohnblume, und die Salicylsäure der Weidenrinde stiftete das Vorbild für das berühmte Aspirin. Dazu kamen bald rein synthetische Mittel, und es wurde zum Standard der Pharmazie, Stoffe zu produzieren, die möglichst rein waren, schnell wirkten und bei denen sich eine Linie zwischen jeder Molekülklasse und ihrem Effekt im Körper ziehen ließ.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 13/2009