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4. Juli 2009, 13:58 Uhr

"Onlinesucht muss anerkannt werden"

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung hat mehr Therapiemöglichkeiten für Online-Süchtige gefordert. Am Freitag fand in Berlin ein Kongress zu dem Thema statt. stern.de sprach zuvor mit dem Psychologen Kai Müller. "Onlinesucht wird bis jetzt sehr unterschiedlich diagnostiziert, wir brauchen ein einheitliches Verfahren", sagt er.

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Damit das Surfen und Spielen nicht zur Sucht wird, müssen schon Kinder den Umgang mit Onlineangeboten lernen© Colourbox

Herr Müller, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing, hat eine Ausweitung der Therapiemöglichkeiten für Online-Süchtige gefordert. Haben wir tatsächlich eine Versorgungslücke?

Ja. Die Onlinesucht ist eine spezifische Sucht, die auch eine spezifische Intervention erfordert. Man braucht also Experten, die kompetent genug sind, um Onlinesucht zu behandeln. Davon gibt es in Deutschland immer noch zu wenige.

2008 hat an der Johannes Gutenberg Universität in Mainz eine Spielsucht-Ambulanz eröffnet - deutschlandweit ein einmaliges Angebot. Wie viele Therapieplätze haben Sie? Unsere Kapazitäten sind leider begrenzt. Parallel können wir maximal 20 Patienten im kompletten Therapieprogramm versorgen. Unsere Warteliste beträgt derzeit ungefähr drei Monate, dringende Fälle ausgenommen. Seit vergangenem März haben sich 180 Menschen bei uns gemeldet. Bei einigen Jugendlichen lag keine Onlinesucht vor. Sie haben das Internet lediglich intensiv genutzt, was von den Erziehungsberechtigten falsch gedeutet wurde. Bei einem Teil handelte es sich um andere psychologische Störungen, die meisten Hilfesuchenden haben wir allerdings hier behandelt. Wächst der Bedarf?Wir haben viele Anfragen und sind ausgelastet. Nach unseren Forschungen und praktischen Erfahrungen in der Therapie ist Onlinesucht ein Problem, das zunimmt.

Wie viele Onlinesüchtige gibt es in Deutschland?

Aktuelle Studien gehen davon aus, dass drei Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen betroffen sind. Die Erkrankung gibt es aber auch bei älteren Menschen. Der älteste Patient, der bei uns in Behandlung ist, ist 48 Jahre alt. Es ist also kein Phänomen, das nur auf die 20-Jährigen beschränkt ist. Die meisten Studien beschäftigen sich aber mit dieser Altersgruppe.

Warum werden Menschen onlinesüchtig?

Onlinesucht hat viele Gesichter: Zum einen gibt es die Spielsucht, bei der es vor allem um Online-Rollenspiele geht. Daneben beobachten wir eine Sucht nach Communities und neuerdings auch ein suchtartiges Recherchieren von eigentlich irrelevanten Informationen. Betroffene geben einen Begriff in Suchmaschinen ein und verlieren sich dann in den Tiefen des Netzes. Dahinter steht ein übersteigerter Neugiertrieb, der Versuch, alles herauszufinden und das berauschende Gefühl, auf das ganze vorhandene Wissen zugreifen zu können. Das beobachten wir vor allem bei älteren Patienten, ab dem 35. Lebensjahr. Anders als bei der Spielsucht scheint es dabei keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen zu geben. Bei all diesen Arten der Online-Sucht wirken Mechanismen, die ein Suchtverhalten auslösen können. Zum einen bereitet es Betroffenen einfach Vergnügen. Bei Spielen im Netz stellen sich Erfolgsmomente ein, die vielleicht im realen Leben nicht vorhanden sind. Ein wichtiger Punkt ist auch, dass die Kommunikation im Netz stärker als in der realen Welt kontrollierbar ist. Man steht seinem Gesprächspartner nicht gegenüber, ein Kontakt kann durch einen Knopfdruck abgebrochen werden. Das ist für manche Menschen verlockend.

Welche Menschen sind besonders gefährdet?

Ein Risikofaktor für Onlinesucht ist eine starke Introversion, also ein auf das eigene Innenleben ausgerichtetes Verhalten, und soziale Unsicherheit. Menschen, die im alltäglichen Leben Probleme haben, auf andere zuzugehen, Vertrauen aufzubauen, Freundschaften zu pflegen, sind besonders gefährdet. Ihnen kommt das Internet mit seinen unpersönlichen und anonymen Kommunikationsformen entgegen.

In einer Studie der Uniklinik Münster zum Thema Onlinesucht haben Teilnehmer angegeben, durchschnittlich 5,7 Stunden am Tag im Netz zu sein. Ist die Zeit, die man im Netz verbringt, ein Warnzeichen?

Die reine Zeit, die ein Mensch online verbringt ist kein Anzeichen. Wenn jemand fünf Stunden pro Tag im Netz surft, heißt das noch lange nicht, dass er süchtig ist. Wenn er allerdings vor einem Jahr nur eine Stunde online war und mittlerweile bei drei Stunden angelangt ist, dann sollte diese Entwicklung beobachtet werden. Wird das eigene Leben nur noch auf das Online-Angebot ausgerichtet, werden Freundschaften nicht mehr gepflegt, die Schule oder Ausbildung vernachlässigt, sind dies Warnzeichen. Wenn die eigenen Gedanken nur noch ums Netz kreisen und ein unkontrollierbarer Drang vorhanden ist, online zu gehen, deutet dies ebenfalls auf ein Suchtverhalten hin.

Wann beginnt die Sucht?

Die Sucht beginnt, wenn für den Betroffenen persönliches Leid aus seinem Verhalten erwächst. Wenn das Netz also die Lustkomponente verloren hat und der Nutzer einen inneren, zwanghaften Drang verspürt, sich online aufzuhalten. Bei einer Sucht treten Entzugssymptome wie depressive Verstimmungen, Reizbarkeit und innere Unruhe auf, wenn der Zutritt zum Netz verwehrt wird.

Was sind die Folgen der Sucht? Das reicht von Konsequenzen wie Schulabbruch, Exmatrikulation oder Kündigung bis hin zu einem Zerbrechen von Beziehungen und Freundschaften. Viele Süchtige manövrieren sich in die soziale Isolation. Bleibt eine Onlinesucht über Jahre unbehandelt, steigt das Risiko, dass sich eine andere Störung dazu entwickelt - zum Beispiel eine Depression oder eine Angststörung. Wie wird Onlinesucht therapiert? In Mainz bieten wir eine ambulante Verhaltentherapie an. Die Teilnehmer erhalten erst einmal einen Crashkurs in Psychologie zum Thema Sucht. Wie entstehen Süchte? Was erhält sie aufrecht? Onlinesüchtige haben nicht mit dem Computer oder dem Netz an sich Probleme. Die Sucht bezieht sich auf bestimmte Inhalte. Das können Spiele sein, Communities oder Sex-Seiten. Zu Beginn der Therapie schauen wir, mit welchen Portalen der Betroffene kontrolliert umgehen kann und mit welchen nicht. In den Einzeltherapiesitzungen untersuchen wir dann, welche Symptomatik sich bei den Betroffenen hinter der Sucht verbirgt. Vor Therapiebeginn muss es eine akkurate Diagnostik geben: Dabei schauen wir, wie stark die Onlinesucht bereits ausgeprägt ist. Ist es schon Abhängigkeit oder erst Missbrauch? Der Therapieerfolg steht und fällt mit dieser Diagnostik.

Sind die Kriterien für eine Diagnose festgelegt?

Nein, noch nicht. Das ist ein großes Problem. Onlinesucht wird bis jetzt sehr unterschiedlich diagnostiziert. Schwierig ist dabei auch, dass wir zwar schon viele Untersuchungen zu diesem Thema haben, diese bis jetzt allerdings schlecht zu vergleichen sind. In Mainz haben wir daher ein klinisches Diagnostikinstrument entwickelt, ein Verfahren, mit dem man feststellen kann, ob eine Abhängigkeit vorliegt, ein Missbrauch, ein problematisches oder ein unbedenkliches Verhalten. Wünschenswert wäre, dass man sich deutschlandweit endlich auf ein Verfahren festlegt.

Onlinesucht ist eine junge Krankheit, der Begriff "Sucht" umgangssprachlich. Die International Classification of Diseases (ICD-10) spricht von Abhängigkeit - meist stoffgebundenen wie bei Drogen. Als einzige nicht-stoffgebundene Krankheit gilt die Spielsucht. Onlinesucht ist in der IDC-10-Klassifikation noch nicht enthalten. Handelt es sich dabei überhaupt um eine echte Sucht?

Ja. Zum einen sehen wir, dass das Verhalten bei Onlinesucht dem bei klassischen Abhängigkeitserkrankungen ähnelt. Zudem haben wir neurowissenschaftlich die gleichen Hirnmuster bei Onlinesüchtigen gefunden wie bei Cannabis- und Heroinabhängigen. Zwischen den stoffgebundenen und den stoffungebundenen Abhängigkeitserkrankungen gibt es daher ein Bündel an Ähnlichkeiten.

Wird die Therapie von den Krankenkassen bezahlt?

Nein, die Therapie wird von den Krankenkassen in der Regel nicht übernommen. Da wir eine Forschungseinrichtung sind, kommen auf unsere Patienten allerdings keine Kosten zu. Einer der nächsten Schritte muss es sein, Onlinesucht endlich als eigenständiges Störungs- und Krankheitsbild anzuerkennen.

Wie lange dauert die Therapie?

Insgesamt 20 Wochen. Pro Woche findet eine gruppentherapeutische Sitzung an einem festen Termin statt, variabel dazu gibt es Einzelgespräche.

Wie sind die Erfolgschancen?

Die Erfolgsquoten sind gut, nach unseren Erfahrungen liegen sie bei 80 Prozent. Das sind aber Richtwerte, da es die Ambulanz erst seit einem Jahr gibt.

Welche Möglichkeiten der Prävention gibt es?

Das Internet ist heute nicht mehr wegzudenken, weder aus dem beruflichen Alltag noch aus der Freizeit. Im Prinzip ist das nicht schlimm. Das Netz ist kein Teufelswerkzeug. Je früher Jugendliche allerdings einen kompetenten Umgang mit Onlineangeboten und den vielfältigen Möglichkeiten erlernen, desto eher sind sie später immun gegen Onlinesucht. Medienpädagogik ist daher sehr wichtig. Zudem muss verstärkt Aufklärungsarbeit betrieben werden. Es ist bekannt, dass Alkohol und Zigaretten abhängig machen können. Dass das Internet ein Suchtpotential in sich birgt, ist im kollektiven Bewusstsein noch nicht angekommen.

Interview: Lea Wolz

Ambulanz für Spielsucht an der Uniklinik Mainz Der Psychologe Kai Müller arbeitet an der deutschlandweit einmaligen Spielsucht-Ambulanz am Uniklinikum Mainz. Diese wurde im März 2008 eröffnet. Internet- und Computerspielsüchtige finden dort Hilfe. Betroffene können sich auf der Internetseite der Ambulanz informieren. Anmeldungen und Terminvergabe sind über die Emailadresse kontakt@verhaltenssucht.de oder unter der Telefonnummer 06131/392 4807 möglich.

Hilfreiche Adressen www.onlinesucht.de Diese Seite bietet Hilfe und Beratung bei problematischem Internetverhalten. Hier gibt es auch unter dem Stichwort "Therapeuten" eine umfangreiche Liste mit Beratungs- und Psychotherapie-Adressen. Online-Suchtberatungsstelle des Diakonieverbandes Sucht Osnabrück-Emsland, unter anderem auch für problematisches Online-Spielverhalten. Lost in Space, Beratung für Internet- und Computerspielsüchtige, Caritasverband für das Erzbistum Berlin e.V. Große Hamburger Straße 18 10115 Berlin Tel. 030 66633466 www.suchthilfe-mv.de Mediensuchtberatung der evangelischen Suchtkrankenhilfe Mecklenburg-Vorpommern Körnerstaße 7 19055 Schwerin Tel. 0385 5006-203 www.rollenspielsucht.de Eine Initiative betroffener Eltern "Wir haben unseren Sohn an das Internet verloren" Kontakt: christoph.hirte@rollenspielsucht.de

 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
jsmooth (04.07.2009, 17:24 Uhr)
Stoppschild
Wer dann in Zukunft zu lange im Netz ist (ergo: süchtig) bekommt das tolle Stoppschild zu sehen, wenn man ins Netz will. Mit der Onlinesucht lässt sich einiges anstellen.
Meinen Vorschreibern kann ich nur recht geben.
Ciao
muzza (04.07.2009, 17:21 Uhr)
Scharlatanerie
Solche Leute verkaufen auch Esotherik-Zubehör, es entspricht nur gerade der politischen Korrektheit das Internet zu verteufeln. Da wird sofort aufgesprungen, das Studium soll ja nicht umsonst gewesen sein, nein, es gilt sich anzudienen. Stern.de übernimmt die Offerte.
Und schon wird dieser Schwachsinn völlig unreflektiert und kritiklos in die Öffentlichkeit getragen. Dürften wir mal erfahren in wievielen Ländern das Internet mit Drogen gleichgesetzt wird? Nein? Um Gottes Willen nicht wahr? Dann gäbe es morgen zwei Redakteure weniger
und zwei Fallmanager mehr. Thomas Osterkorn und Andreas Petzold sind ihre Privilegien wichtiger als die Wahrheit, mehr gibt ihr Artikel leider nicht her. Ach, ich vergaß; es
handelt sich um den Artikel eines Unterhaltungs-Magazines. Das musste ich mir aber nun selbst zusammenreihmen. Trotzdem, entschuldigen Sie meine Frechheit.
.
Was machen wir denn nun wenn wir dem introvertierten, phantasielosen Normalbürger das Internet mit einer Zwangsabschaltung versehen haben? Wäre es überdies nicht besser
mit dem TV-Gerät anzufangen? Aber nein, das ist ja...ähem. Lachen wir dann über Mal- und Schreibzwang, Sport- und Wandersucht?
traldors (04.07.2009, 16:01 Uhr)
Tolle Erkenntnis (...)
danach wäre jeder überaus neugierige Mensch therapiebedürftig. Ober besser: Jeder der "manisch" etwas ausübt und dafür sehr, sehr viel Zeit investiert. Diese Untersuchungen zeigen auf jeden Fall das Bedprfnis der Gesellschaft, diese "Fehlgeleiteten" wieder der "Verwertungskette" zuzuführen. Denn die Lösung lautet ja "Normalsein". Ich kann darauf gerne verzichten.
zurgat (04.07.2009, 15:51 Uhr)
online sucht isn symptom
keine krankheit oO jaja ich weiß es ist leichter. Wieso nicht eigentlich zu den ursachen gehen warum es soviele leute gibt die es unterhaltsamer finden zu zocken ansteatt wegzugehn?
Wobei es das ja alle 20 jahre gibt oO
Knuffiman (04.07.2009, 15:22 Uhr)
Juris1
wahre worte, der turbokapitalismus un der Euro haben uns aus der Bahn geworfen. jeder hat "keine Zeit", noch nicht einmal mehr für die eigenen Kinder. Wenn der Vater von seinem Gehalt noch eine Familie ernähren könnte, wäre Mami daheim bei den Kleinen und müsste nicht noch beim Einkommen mithelfen. Das liegt nicht an niedrigen Löhnen, 3000 Mark netto waren ein haufen Geld, 1500 € hingegen verpuffen im Nirvana. Kein Wunder, Brötchen fast ne Mark und z.B. Beutel Paprika fast 8 Mark - 4 Euro eben. Sind aber nicht 4 Mark. Die Entwicklung ist erschreckend.
HeinzManfred (04.07.2009, 14:32 Uhr)
Die Dame ist im falschen Film
Diese Frau hat in der Politik nichts zu suchen RTL oder Pro Sieben bei Bohlen oder Raab würde Sie eher bekannt werden .Die SPD ist tief gesunken wenn Sie jeder die berühmt werden will ein Trittbrett gibt . Ein Tritt an der richtigen Stelle wäre angebracht .Am besten der Austritt .
Kein wunder das Keiner SPD wählt wenn sich alle Flitzpfeifen selbst vermarkten .
Gruß aus Bremen ManfredJoho
Juris1 (04.07.2009, 14:19 Uhr)
Gesellschaftliches Problem
Das Internet ist für viele Betroffene ein Weg, um vor Enttäuschungen und Problemen in eine Scheinwelt zu fliehen und sich von negativen Gefühlen abzulenken.
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Die Menschen müssen lernen, Gefühle zu beherrschen statt von ihnen beherrscht zu werden
Wir können negative Ereignisse nicht vermeiden. Aber wir können lernen mit ihnen angemessen umzugehen und uns nicht von ihnen beherrschen zu lassen.
Das Angebot der emotionslosen Scheinwelt "Internet" hat ihren Reiz darin, einfach "Abschalten" zu können - mit ein paar Klicks auf eine andere Seite. -
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Wir müssen uns jedoch die Frage gefallen lassen, warum haben immer mehr junge Menschen Probleme mit ihren Gefühlen vernünftig umzugehen.
Haben wir verlernt, Gefühle zu zeigen, uns für unsere Gefühle und Gedanken einzusetzen? - Selbstsicherheit bekommt man schließlich nicht einfach so. - An der Erziehung unserer Kinder kann sich eine Gesellschaft messen. - Haben wir versagt? - Sind nicht andere Werte gefragt als Kommerz und "In-Sein"? -
Ich persönlich halte nichts davon, Onlinesucht anerkennen zu lassen. Vielmehr sollte sich unsere Gesellschaft die Frage stellen, wie wir Kinder und Jugendliche mit guten Angeboten wieder auf die Straßen und Spielplätze bekommen. Freunde findet man nicht im Internet.
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