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15. April 2006, 08:04 Uhr

Auf wackligen Knien

Alle sechseinhalb Minuten reißt in Deutschland ein Kreuzband. Der Auslöser ist oft eine scheinbar harmlose Bewegung. Die Folgen: Schmerzen bei jedem Schritt, meist eine Operation und monatelange Therapie. Erfahrungsbericht einer Fachkundigen. Von Beate Wagner

Wäsche sortieren mit Krücke: Ohne die Stützen ging für die Autorin Wagner wochenlang nichts© Eva Häberle

Der Saisonauftakt soll es werden, unser Tennismatch am frühen Sommermorgen im Berliner Friedrichshain. Leider kommt es nicht dazu. Stattdessen spielt sich auf dem Platz ein kleines Drama ab. Es passiert, als ich mit Rumpf und Oberschenkel schwungvoll zur Drehung ansetze, um zur Grundlinie zurückzulaufen. Der Fuß und der Unterschenkel meines linken Beins streiken und verharren weiter in ihrer Position. Das Knie dreht sich um die eigene Achse, gibt ein beängstigendes "Krrraaacks!" von sich, benommen vor Schmerz gehe ich zu Boden. Schnell wird mir klar: Mein Knie ist kaputt und die Saison beendet, kaum dass sie begonnen hat. Erst Wochen später aber begreife ich, wie weitgehend die Sportverletzung mein Leben in den kommenden Monaten beeinflussen wird.

Knieleiden sind quer durch alle Alters- und Bevölkerungsschichten weit verbreitet. Neben der Arthrose, die laut einer 2005 veröffentlichten Studie der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg heute etwa jeden vierten Bundesbürger quält, machen vor allem gerissene Kreuz- und Seitenbänder und kaputte Menisken zu schaffen. Jedes Jahr reißt in Deutschland rund 80.000 mal ein Kreuzband - meist das vordere; bei jedem dritten Betroffenen ist dann zusätzlich ein Meniskus beschädigt.

Fußballer und Skiläufer sind die größte Risikogruppe

Die meisten Unfallverletzungen am Knie erleiden Fußballer und Skiläufer. Viele kommen vom Wintersport in die Unfallambulanzen, nachdem sie untrainiert die Hänge hinuntergejagt sind. "Vor allem die Carvingskier sind gefährlich, weil damit heute jeder nach relativ kurzer Zeit fahren kann, ob er es gelernt hat oder nicht", sagt Gerhard Bauer, Leiter der Sportklinik Stuttgart.

Dass das Knie so anfällig ist, liegt zum einen an seiner komplizierten Anatomie, zum anderen daran, dass es als das meist beanspruchte Gelenk des Körpers fast dessen gesamtes Gewicht trägt. Viele muten ihm daher zu viel zu. Überambitionierte Hobbysportler seien besonders gefährdet, sagt Andreas Weiler, Unfallchirurg und Leiter der Abteilung für Kniechirurgie, Knieorthopädie und Sportverletzungen am Centrum für Muskuloskeletale Chirurgie der Berliner Charité. Zwischen 1000 und 1200 Knieverletzungen flicken er und sein Team jährlich zusammen, allein 350 davon sind Kreuzbandrisse. "Die Wochenendsportler sind die Schlimmsten", so ist Weilers Erfahrung. "Sie sind meist weder vortrainiert noch richtig aufgewärmt, haben eine schlechte neuromuskuläre Kontrolle und geben dann alles."

Auch ich gehöre wohl zu diesen "halbtrainierten" Wahnsinnigen, die ständig laufen wollen und nur darauf warten, wieder durchstarten zu können. Dass nach der Verletzung beim Tennis bis dahin noch einige Wochen ins Land gehen werden, ist auf der Kernspintomografie unschwer zu erkennen: Das linke vordere Kreuzband ist komplett durchgerissen. Später erfahre ich, dass auch der Innenmeniskus und der Knorpel beschädigt sind.

Zur Toilette laufe ich nur noch mit Krücken

Plötzlich bin ich Invalide. Das Knie wird heiß, schwillt an und tut weh, wenn ich meine Kinder anziehe, am Schreibtisch sitze oder Treppen steige. An Sport ist nicht zu denken. Schwimmen im See und Fahrrad fahren sind mir diesen Sommer nicht vergönnt. Irgendwann geht sogar bei alltäglichen Bewegungen nichts mehr ohne Hilfsmittel; selbst zur Toilette laufe ich nur noch mit Krücken. Die sind lästig, fallen beim Abstellen immer um und liegen dann im Weg. Zum Sitzen und Kochen brauche ich einen zweiten Stuhl, auf dem ich das Knie hoch lagern kann. Will ich duschen, muss mein Mann mir mein lädiertes Bein über den Badewannenrad hieven.

Dennoch hoffe ich insgeheim, von einer Operation verschont zu bleiben. Ein Kreuzbandriss muss nicht zwangsläufig operiert werden, wenn stattdessen die Oberschenkelmuskulatur so trainiert wird, dass sie für die alltägliche Belastung genug Stabilität liefert. Und siehe da: Als draußen die Blätter fallen, bleibt das Gelenk zwar instabil, wird aber reizunempfindlicher. Ich bewege mich wieder, ohne ständig an mein Knie zu denken.

Die Freude währt nicht lange. Eines Nachts trete ich beim Tanzen in meinem Lieblingsclub ähnlich auf wie damals auf dem Tennisplatz. Zum zweiten Mal macht es: "Krrraaacks!" Nun ist kein Schritt mehr möglich, ohne dass er höllische Schmerzen bereitet. Mein Mann schleppt mich Huckepack nach Hause, am nächsten Morgen in die chirurgische Notaufnahme, drei Tage später zur Operation in die Klinik. Um den Eingriff komme ich nun nicht mehr herum.

So früh wie möglich operieren

Denn durch einen Riss wird das Gelenk nicht nur instabil, sondern zusätzlich rutscht der Schienbeinkopf bei jedem Schritt einen Zentimeter nach vorn und wieder zurück und beschädigt so die Knorpelschicht. Über längere Zeit zermürbt auch der Innenmeniskus, meist reißt er innerhalb des ersten Jahres nach einem Kreuzbandschaden. "Da wir heute davon ausgehen, dass für eine gute Langzeitprognose vor allem ein intakter Meniskus wichtig ist, sollte man ein Kreuzband so früh wie medizinisch möglich operieren", sagt der Kniespezialist Weiler.

Zeitnah zu operieren heißt für die Knieexperten jedoch nicht, wie früher üblich, sofort nach einer Kreuzbandverletzung. Es lohnt sich, zu warten. Weiler empfiehlt einen Termin acht bis zehn Wochen nach dem Riss. Denn die Operation löst im Gelenk selbst eine Entzündung mit Schwellung und Bluterguss aus, was sich später negativ auf die Beugung und Streckung auswirken kann.

Noch vor 20 Jahren wurde bei Meniskusrissen oft der gesamte Stoßdämpfer entfernt. Heute versucht man, so viel Gewebe wie möglich zu erhalten, indem man näht. Nur wenn der Riss zu groß oder das Gewebe extrem geschädigt ist, wird der Meniskus teilweise oder ganz herausgenommen.

Ein Transplantat ist nötig

Ist das Kreuzband gerissen, muss meist ein neues her. Mehr als 90 Prozent der Verletzungen werden heute mit einer Kreuzbandplastik behoben. Verwendet werden körpereigene Sehnen, zum Beispiel ein Transplantat aus der Patella-Sehne, die zwischen der Kniescheibe und dem Schienbein liegt. Immer häufiger wird stattdessen ein Stück der Semitendinosus-Sehne vom Oberschenkel eingesetzt.

Übernommen aus ... GesundLeben GesundLeben
Ausgabe 2/2006

Schwachstelle im Bein Kaum ein Gelenk im Körper muss so starke Belastungen ertragen wie das Knie. Dabei ist seine Konstruktion dafür auf Dauer wenig geeignet. Das Kniegelenk ist kompliziert aufgebaut und deshalb sehr verletzlich. Das liegt zum einen an den enormen Lasten, die es trägt (bis zum Achtfachen des Körpergewichts), zum anderen daran, dass die anatomischen Voraussetzungen nicht optimal sind: Das Gelenk verbindet die beiden längsten Knochen des Körpers wie ein Scharnier und ermöglicht neben dem Beugen und Strecken sogar die Drehung. Doch der kugelige Kopf des Oberschenkelknochens und die plateauförmige Gelenkfläche des Unterschenkelknochens passen nicht exakt zusammen.

Um das Gelenk stabil zu führen, sind viele Bänder (vorderes und hinteres Kreuzband sowie inneres und äußeres Seitenband) und zwei Knorpelscheiben (Menisken) als Stoßdämpfer vonnöten. Dieses System lässt nur einen bestimmten Spielraum zu. Dreht sich der Oberschenkel zu weit, und der Fuß bleibt dabei auf dem Boden stehen, reißt das Kreuzband.

Bei der minimalinvasiven Operation verfolgt der Arzt jeden Schritt auf einem Bildschirm (Bild unten). So kann das Transplantat millimetergenau im Verlauf des vorderen Kreuzbands eingepasst und verankert werden. Gelingt das nicht, läuft das Gelenk nicht rund und verschleißt schneller.

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