Seinen Prostatakrebs haben die Chirurgen weggeschnitten, und dabei zwangsläufig noch viel mehr. In beeindruckender Offenheit schildert der Schweizer Arzt Walter Raaflaub sein Leben und Lieben danach. Lesen Sie Auszüge aus seinem Buch. Ein längerer Text steht in der aktuellen Gesund-leben-Ausgabe.

"Tote Hose" heißt das Buch von Walter Raaflaub, 66, dessen Niederschrift ihm geholfen hat, die schwere Zeit zu bewältigen© David Maupilé
Abendvisite. Daniel steht an meinem Bett, irgendwelche Papiere in der Hand. Es ist der fünfte Tag nach der Operation. Der Eingriff ist, wie er mir mehrmals versichert hat, routinemäßig verlaufen: Blutverlust gering, Operationsdauer wie üblich. Er habe bis nahe an die Kapsel resezieren können und 25 Gramm, was ziemlich viel sei, zur Histologie geschickt. Heute Abend kommt er ins Zimmer und sagt: "Die Histo ist eingetroffen. Hier - eine Kopie für dich." Pause. Er übergibt mir einige Blätter. Redet dann weiter, eher über die Resultate als zum Kollegen im Spitalnachthemd. Die Schwesternschülerin Elvira steht unten am Bett.
Ich werde hellhörig, kenne Daniel zu gut. Vor zehn oder elf Jahren hat er seine Praxis eröffnet. Seither weise ich ihm die meisten meiner urologischen Patienten zu. Seit 1995 gehe auch ich bei ihm ein und aus, weil mich die Prostata je länger, je weniger in Ruhe gelassen hat. Drei Prostata-Biopsien in drei Jahren, und jede dieser Gewebeentnahmen unangenehmer als die vorangegangene, weil die Beschwerden zwischendurch nicht abklingen wollen.
Schließlich habe ich selbst zur Operation gedrängt. Nacht für Nacht bin ich zum Wasserlassen drei- bis viermal aufgestanden. Das PSA ist auch unter wochenlanger antibiotischer Therapie nicht mehr unter 10 gesunken.
Kaum hat Daniel den ominösen Begriff ausgesprochen, wird mir heiß im Gesicht. Der Kopfteil des Bettes ist hochgestellt. Ich sehe an die dezent grün gestrichene Wand gegenüber. Dort stehen und leuchten die Buchstaben groß wie auf einer Leinwand: K-A-R-Z-I-N-O-M.
Bereits hat seine Stimme wieder einen kollegial-normalen Klang. Er blickt weiter in die Fotokopien und fährt fort - nach meinem Dafürhalten eine Spur zu sachlich. "Du siehst - weniger als fünf Prozent sind Karzinomgewebe. Ein Zufallsbefund nach TUR-P also. Ich denke, da können wir mal abwarten. In vier Wochen nimmst du das erste postoperative PSA ab, anschließend im Dreimonatsintervall - vorläufig. Sollte es ansteigen, müssen wir allerdings möglichst bald radikal operieren. Aber das können wir ein andermal besprechen." Ich vernehme den relativ guten Bescheid. Aber er reduziert sich zwischen Hören und Verstehen auf ein Wort: Krebs. Arzt und Schwester gehen hinaus.
Wenig später rufe ich Renata an. "Ich habe es irgendwie vermutet", sagt sie. "Aber wir haben schon anderes gemeistert. Wir meistern auch das." Wenn es so einfach wäre, wie sie es sagt.
Zwei Tage in unserer Casa Lucertolina in Brissago. Michael und Matthias, unsere Söhne, sind daheimgeblieben und feiern Silvester mit Kolleginnen und Kollegen. Vor sechs Jahren hat Renata das Ferienhaus ihrem Vater abgekauft.
Feuer im Schwedenofen. Draußen Nacht. Am großen Fenster begucke ich vom Sessel aus das Feuerwerk in Ascona. Reni zwängt sich zwischen meine gespreizten Beine. Ich umarme sie von hinten, ihre Brüste in meinen Händen. Wir sitzen, schauen, schweigen. Dann sie, ohne das Feuerwerk aus den Augen zu lassen: "Was meinst du, bringen wir es fertig - hier, auf dem Teppich?"
Wir gehen uns waschen, die Kleider bleiben im Bad, und hopphopp, zurück in die warme Stube, Licht aus, wir breiten ein Leintuch über den Teppich, finden's zwar gut und warm genug, so nah am Ofen, aber zu hart. Ich schleppe eine Matratze aus dem Doppelbett herbei, Laken drüber. Die Erektion hält.
Wir liegen bequemer, das Feuer wirft Flecken an die Wände, färbt Renis weißen Bauch für Augenblicke orangerot, wir liegen gut, aber die Köpfe zu tief. Zurück ins Schlafzimmer, ich bringe unsere Kissen, die Erektion hält - und jetzt ist's gut, jetzt ist alles sehr gut, es könnte nicht besser sein. Bewiesen, was zu beweisen nicht nötig war. Die sogenannte kleine Prostata-Operation, die TUR-P, hat zwar zur Folge, dass die Ejakulation ausbleibt, das heißt, rückwärts in die Harnblase erfolgt, aber sie nimmt die Lust nicht und macht nie impotent.
Kontrolluntersuchung in der urologischen Praxis. Das PSA nach der Operation, bei der innerhalb der Prostatakapsel viel Gewebe entfernt wurde, ist erwartungsgemäß stark gesunken. Aber nur wenig unter den kritischen Wert von 4. Das bedeutet, es könnte noch Karzinomgewebe in den äußern Schichten oder gar in der Kapsel vorhanden sein. Bei über 4 muss wieder operiert werden. Ich fühle mich bei diesem Gedanken elender als damals, als man mir die Diagnose Krebs mitteilte.
PSA 4,2. Letzthin CT des Beckens und Ganzkörper-Skelettszintigrafie bereits als Voruntersuchung im Hinblick auf die geplante zweite Operation. Resultat der Untersuchungen heute erhalten: keine Anhaltspunkte für Metastasen.
Beim Prostatakarzinom nach vorheriger TUR-P ist die radikale Prostatektomie die Therapie der Wahl, sofern der Krebs die Kapsel des Organs noch nicht überschritten hat. Ferner soll die Lebenserwartung für den Betroffenen mindestens noch zehn Jahre betragen. (Da hätte ich ja für einmal Glück gehabt, relativ gesehen.) Operiert wird in meinem Fall retropubisch, das heißt: Schnitt vom Bauchnabel bis zum Penis. Entfernt werden die restliche Prostata mit der Kapsel und damit auch der Abschnitt der Harnröhre, der durch die Prostata verläuft. Dadurch wird die Harnblase am Unterpol eröffnet. Ferner reseziert man die Samenblasen mit den Endstücken der Samenleiter und möglichst alle regionären Lymphknoten. Die verkürzte Harnröhre wird mit dem Blasenhals, den man wie einen kopfstehenden Tabaksbeutel zusammenzieht, wieder vereinigt und eingenäht.
Eine große Operation. Sie soll aber bei den heutigen Techniken sehr sicher geworden sein. Als wichtigste Komplikationen die beiden I: Inkontinenz und Impotenz. Total undicht ungefähr einer von 100, teilweiser Harnverlust in etwa 50 Prozent beim Husten, Niesen, Pressen und Lachen. Und, wenn man ehrlich sei, Impotenz zu fast 100 Prozent. Nach andern Quellen, je nach Radikalität der Operation, 50 bis 80 Prozent. Dies der Preis für ein Leben danach, ein Leben hoffentlich ohne Krebs. Operationstermin: 7. April.
Unterwegs zum Spital. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit (ein beliebter Ausdruck in der Rechtsmedizin) wird man mir in weniger als vierundzwanzig Stunden die Potenz genommen haben - worüber man sich keine Gedanken macht, solange man sie hat.
Seit dem 11. April von der Intensivstation zurück. Aufenthalt verlängert wegen schwerer Nachblutung am zweiten postoperativen Tag. Zweiteingriff war nötig, Blutverlust groß, Fremdblut erhalten. Schwierige Tage. Extrem geschwächt. Dankbar für die kleinste Handreichung.
Mühe mit Einschlafen. Ein Sender bringt Erotik. Nichts tut sich bei mir. Nichts, nichts. Alles und noch viel mehr hat man weggeschnitten, also auch das Gefäßnervenbündel in Kapselnähe. Und damit die Potenz.
Lautes Selbstgespräch. Ob mich draußen auf dem Gang oder in den Zimmern nebenan jemand hört? "Ein Spinner!", werden sie denken.
Die Histologie ist eingetroffen. Ich fühle mich gut, als könnte ich mit dem Leben nochmals von vorn anfangen. Ein ausgedehntes Karzinom, Kapsel der Prostata hingegen noch nicht überschritten. Alle resezierten Lymphknoten tumorfrei. Das heißt: Nach medizinischem Wissen keine Metastasen. Aufschub mit dem Sterben. Möglicherweise viel Aufschub. Zurück in die Ecke, Tod!
Der allerletzte Schlauch, der Blasenkatheter, ist gezogen. Geht mir sofort besser. Komisches Gefühl, vollkommen undicht zu sein. Nun also kommt eine neue Zeit: die Windelzeit. Hoffentlich für nicht allzu lange.