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22. März 2007, 11:09 Uhr

Herr Schütte und sein Krückstock

Die Rauchstopp-Pille "Champix" soll die Entzugserscheinungen lindern und das Rückfallrisiko verringern. Christian Schütte aus Berlin weiß als einer der wenigen in Deutschland, wie sich das anfühlt - seit 14 Tagen nimmt er "Champix". So richtig glücklich ist er derzeit nicht. Von Björn Erichsen

"Ich bin das Rauchen schon lange leid", sagt Christian Schütte - doch bisher wurde er stets rückfällig. Klappt es diesmal mit "Champix"?© Björn Erichsen

"Stunde um Stunde gewinne ich an Selbstvertrauen. Das Medikament wirkt definitiv, das spüre ich, es fühlt sich anders an als bei den letzten Versuchen. Jetzt sind es schon zehn Stunden und ich halte durch. Ich hoffe, in drei, vier Tagen stresst es mich nicht mehr so." Nein, glücklich ist Christian Schütte aus Berlin sicher nicht, als er diese Zeilen in sein Tagebuch schreibt, an seinem ersten Tag ohne Zigarette. Dabei hatte der 44-Jährige gehofft, dass es ihm diesmal etwas leichter fallen würde: Als einer der Ersten in Deutschland hat er sich auf die Rauchentwöhnung mit der neuen Rauchstopp-Pille "Champix" eingelassen.

Pünktlich zum Verkaufsstart am 1. März stand der Berliner in seiner Apotheke im Stadtteil Wedding, leistete sich das "Champix"-Starterpaket, 55,11 Euro für die bunte Packung mit 25 Pillen, genug für die ersten 14 Tage. Sein Hausarzt kannte das Medikament noch gar nicht, hatte sich erst über den Wirkstoff "Vareniclin" informieren müssen, bevor er das Rezept ausstellte.

Schütte dagegen hatte die Geburt der neuen Raucherpille aufmerksam verfolgt: Freigabe und Markteinführung in dem USA im Sommer 2006, die EU-Freigabe im Oktober - und die guten Studienergebnisse: Vareniclin vergrößere die Chancen gegenüber dem kalten Entzug um das Dreifache, meldete etwa das renommierte Fachblatt "Cochrane-Library" nach Abschluss einer Meta-Studie mit fast 5000 Teilnehmern.

"Die Ergebnisse, die das Vareniclin erzielt hat, sind durchaus beachtlich", sagt auch Martina Pötschke-Langer vom deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. "Jedoch sollte man, bevor man wieder einmal von einer 'Wunderpille' spricht, etwas relativieren. Die Erfolgsquote, die Vareniclin erzielt hat, entspricht in etwa der, die heutzutage mit Nikotinersatz- oder Verhaltenstherapien erreicht werden."

35 Zigaretten täglich - das nimmt sein Körper nicht mehr hin

Solche Einwände kümmern Schütte wenig. "Für mich ist 'Champix' eine Art letzter Strohhalm", sagt er. "Ich bin das Rauchen schon lange leid." Seit 28 Jahren hat ihn die Alltagssucht im Würgegriff: 35 Zigaretten täglich, am Wochenende auch mal 40, Marke "Prince Denmark", die besonders starken. Die Kippen sind immer dabei: morgens gleich nach dem Aufstehen, tagsüber im Auto, wenn er als Vertriebs-Außendienst für einen Paketservice durch die Lande zuckelt, und abends beim Feierabendbierchen.

"Champix"-Packung und Zigarettenschachtel: Jeder Fünfte war nach drei Monaten noch rauchfrei. Immerhin© Björn Erichsen

Mit den Folgen plagt er sich schon länger herum: "Ich bin alles andere als fit, schon beim Treppensteigen spüre ich, wie kurzatmig ich bin." Kürzlich wurde er mit stechendem Brustschmerz ins Krankenhaus eingeliefert, der Verdacht auf Herzinfarkt bestätigte sich zum Glück aber nicht.

Kurse, Kaugummis und Pflaster - ohne Erfolg

Schütte weiß um sein persönliches Suchtpotenzial, gegen Spielleidenschaft und Sexsucht hat er sich schon erfolgreich zur Wehr gesetzt, nur beim Rauchen will es einfach nicht klappen. Er hat schon fast alles probiert, was die Rauchentwöhnungsbranche zu bieten hat: Nichtraucherkurse, Nikotinersatztherapie mit Kaugummis und Pflaster, auch die andere in Deutschland zugelassene Rauchstopp-Pille, das Antidepressivum "Zyban" mit dem Wirkstoff Bupropion.

Bei zweimal drei Monaten Abstinenz liegt sein persönlicher Rekord. Die Gehirnwäsche von Alan Carrs Beststeller "Endlich Nichtraucher!" hielt bei ihm gerade einmal drei Stunden vor. "Meine Arbeitskollegen machen sich inzwischen schon darüber lustig und geben nur wenig darauf, dass ich diesmal schaffe", sagt Schütte.

Rauchstopp erst am achten Tag

Aber vermutlich wissen auch nur wenige unter ihnen um die zwei besonderen Eigenschaften von Vareniclin: Es dockt an den gleichen Rezeptor im Hirn an wie das Nikotin: So wird dieser auch nach der letzten Zigarette stimuliert und schüttet weiterhin den Botenstoff Dopamin aus, der die körperlichen Entzugserscheinungen reduziert. Der zweite Clou des Vareniclin ist seine so genannte antagonistische Komponente: Der Rezeptor bleibt blockiert, auch wenn Nikotin zugeführt wird. Daher bleibt der Dopaminschub nun aus - dem Rückfall fehlt der Kick, der stimulierende Effekt.

Schütte ist dankbar dafür, dass ihm die "Champix"-Behandlung zunächst noch eine Gnadenfrist gewährt. Während er die tägliche Dosis nach und nach von 0,5 auf zwei Milligramm steigert, darf er weiterrauchen wie gehabt; erst für den achten Tag ist der Rauchstopp geplant.

Lesen Sie weiter: Schüttes letzte Kippe, seine Strategien im Kampf gegen 30 Jahre Suchtgedächtnis und wie "Champix" bei ihm wirkte

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