Als Syndrom X bezeichnen Ärzte die Epidemie unserer Zeit - das metabolische Syndrom. Die wichtigsten Symptome: Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes und ein entgleister Fettstoffwechsel. Man nennt sie auch das "tödliche Quartett". Dabei sind Prävention und Behandlung einfach. Von Rüdiger Braun

Stoffwechselexperte Alfred Wirth: "Sich ständig geliebte Speisen zu versagen, setzt einen frustierenden Teufelskreis in Gang"© Achim Multhaupt
Als Hans-Thomas Feuerhelm fast einen Kasten Mineralwasser am Tag trank und sich nur noch abgeschlagen fühlte, klingelten bei seiner Frau die Alarmglocken. Widerwillig ließ sich der Chemiker überreden, zum Hausarzt zu gehen. Der Blutzuckertest ergab 650 Milligramm pro Deziliter, beinahe das Sechsfache eines Normalwertes. Ein Wunder, dass der 57-Jährige nicht längst im Koma lag. Die Mediziner auf der Intensivstation des Krankenhauses eröffneten ihm, dass er seit Längerem an Diabetes Typ 2, sogenanntem Altersdiabetes, leide. Der Patient wollte das zunächst nicht glauben. Seine "Schlappheit" führte er auf seine hohe Arbeitsbelastung und mangelnde Kondition zurück. Hans-Thomas Feuerhelm musste zunächst Insulin spritzen und wurde später auf Tabletten umgestellt. Er verzichtete auf Zucker, versuchte vermehrt Vollkornprodukte zu essen, nahm ab. Und allmählich wieder zu.
Heute, gut sechs Jahre später, wiegt Hans-Thomas Feuerhelm 92 Kilogramm bei 1,73 Meter Körpergröße. Seinen Body-Mass-Index kennt er auf die Kommastelle genau: 30,7. "Zu viel", weiß er. Dabei wirkt der Mann nicht dick. Arme und Beine sind schlank, doch in der Körpermitte zeichnet sich ein deutlicher "Schwimmreifen" ab, mit einem Umfang von stattlichen 102 Zentimetern. Neben der Zuckerkrankheit stellten sich weitere Probleme heraus: erhöhte Blutfettwerte, Gichtanfälle und eine leichte Tendenz zu Bluthochdruck. "Die Folgen eines Lebens zwischen Schreibtisch und Couch", wie er selbstironisch anfügt.
Halb unsicher, halb neugierig wartet Hans-Thomas Feuerhelm im Kochstudio der Klinik Teutoburger Wald in Bad Rothenfelde darauf, dass sein ärztlich verordnetes Koch-Training beginnt - ausgerechnet er, der bisher immer einen großen Bogen um den Herd machte und es nach eigenem Bekunden "sogar schafft, Wasser anbrennen zu lassen". Durch ein spezielles Ernährungs-, Bewegungs- und Entspannungstraining hofft er, vor allem die Zuckerkrankheit besser in den Griff zu bekommen.
Für den Leiter der auf Stoffwechselerkrankungen spezialisierten Kurklinik, Alfred Wirth, ist Feuerhelm ein "typischer Patient mit einem Metabolischen Syndrom, gut zu erkennen an der Lokalisation von Fettgewebe im Bauchbereich". Wer von dem auch "Syndrom X" genannten Stoffwechselleiden betroffen ist, hat Schwierigkeiten an mehreren Fronten gleichzeitig: vor allem Übergewicht, Zuckerkrankheit, Fettstoffwechselstörung und Bluthochdruck. Heute betrachten Spezialisten diese Merkmale nicht mehr als einzelne, isolierte Erkrankungen, sondern als Symptombündel eines komplexen Stoffwechselphänomens. Weil sie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Nierenversagen und Schlaganfälle nach sich ziehen können, nennen Mediziner diese vier Hauptfaktoren das "tödliche Quartett". "Das Risiko, einen Herzinfarkt zu bekommen, ist beim Syndrom-X-Patienten um das Zwei- bis Dreifache erhöht", warnt der Kardiologe Alfred Wirth. Oft seien auch eine Fettleber und Gicht damit verbunden. Ärzte sprechen von einem Metabolischen Syndrom, wenn mindestens drei der Risikofaktoren bei einem Patienten vorhanden sind.
Eine Ursache des Übels, die Wissenschaftler gefunden haben, ist das Fett in der Bauchhöhle, das zwischen den Darmschlingen und in der Leber sitzt. "Es ist weit mehr als ein Gewebe, in dem Energie gespeichert wird", sagt der Ernährungsmediziner Hans Hauner, der sich als Leiter des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums in München auf die Erforschung des Fettgewebes spezialisiert hat: "Es produziert eine Vielzahl von Botenstoffen und kommuniziert auf diese Weise rege mit dem Gehirn und mit anderen Organen."
Ist zu viel Fett vorhanden, wird unter anderem die Ausschüttung des Hormons Adiponektin verringert. Dadurch sinkt auch die Empfindlichkeit der Zellen für den Botenstoff Insulin. Der "Zuckertreibstoff" Glukose kann nicht mehr ausreichend in die Körperzellen aufgenommen werden, der Blutzuckerspiegel steigt - Mediziner sprechen von "Insulinresistenz". Die zunehmende Unempfindlichkeit versucht der Körper anfänglich mit einer Steigerung der Insulinproduktion zu kompensieren. Dies überfordert auf Dauer die Beta-Zellen in der Bauchspeicheldrüse, in denen der Botenstoff hergestellt wird. Im Lauf der Zeit reicht das Insulin nicht mehr aus, um die Glukosekonzentrationen zu senken, und ein Typ-2-Diabetes entwickelt sich.
Ein überhöhter Insulinspiegel sorgt für ein weiteres Verhängnis: Je höher er liegt, desto schwieriger fällt es dem Organismus, Fett abzubauen. Denn Insulin ist eine Art "Masthormon", das nicht nur die Glukose-Versorgung der Zellen steuert, sondern auch den Fettaufbau fördert und den Fettabbau bremst. Die komplexe Stoffwechselentgleisung führt letztlich dazu, dass zu viel Zucker und freie Fettsäuren im Blut zirkulieren. Langfristige Folge sind vermehrte Fett-, Gewebe- und Kalkablagerungen in den Gefäßen.
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GesundLeben
Ausgabe 2/2008