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18. Juli 2006, 15:42 Uhr

Vorsicht, Schmelzfresser!

Zahnmediziner beobachten eine extreme Zunahme von Zahnerosion. Die Ursache: Säure aus Lebensmitteln. Häufig betroffen sind Menschen, die ihre Zähne übergründlich putzen. Von Marion Schmidt

Falsches Putzen zur falschen Zeit kann dem Zahn schaden© Jörn Pollex/DDP

Da will man sich zum Frühstück etwas Gesundes gönnen, presst sich ein Glas frischen Orangensaft - und greift damit seine Zähne an. Die gehen davon nicht sofort kaputt. Aber jedes Mal attackiert die Fruchtsäure der Orange den Zahnschmelz. Das dauert nur wenige Minuten. Doch die reichen, um den Schmelz aufzuweichen, Kalzium und Phosphat herauszulösen und so den Zahn zu demineralisieren. Auf Dauer wird er dadurch dünner, empfindlicher, brüchiger, vergleichbar mit einem Gletscher, der langsam schmilzt. Wenn oberflächlich schichtweise Zahnhartsubstanz abgetragen wird, sprechen Mediziner von Zahnerosion.

Der schleichende Substanzverlust ist ein wachsendes Problem. "In den letzten zehn Jahren ist eine extreme Zunahme zu beobachten", sagt Brita Willershausen, Leiterin der Poliklinik für Zahnerhaltungskunde an der Universität Mainz. Zahnerosionen werden zu einer ernsthaften Konkurrenz des Zahnkillers Karies. Während bei Karies Zucker ein zentraler Auslöser ist, ist es bei Zahnerosion Säure. Zwar ist Zahnschmelz die härteste Substanz, die der Körper bilden kann. Fortwährenden Säureattacken hat er dennoch auf Dauer wenig entgegenzusetzen.

Säuren stecken in vielen Nahrungsmitteln und Getränken

Häufig von Erosion betroffen sind auch Menschen, die unter Sodbrennen leiden oder sich häufig erbrechen müssen, weil dabei Magensäure in den Mund gelangt. Vor allem aber spielen Ernährungsgewohnheiten eine entscheidende Rolle. Säuren stecken in vielen Nahrungsmitteln und Getränken: in Obst, Essig, Fruchtsäften, Cola, Sportgetränken, Wein, Sekt und Produkten mit Ascorbinsäure (Vitamin C).

Wie zahnschädlich ein Getränk ist, hängt unter anderem von seinem pH-Wert ab. "Unter 5,5 beginnt die Schmelzerosion", sagt die Chemikerin und Professorin für Zahnmedizin Brita Willershausen. Viele Softdrinks haben einen pH-Wert von etwa 3 - sind also klar sauer. Cola zum Beispiel oder Orangensaft senken den pH-Wert im Mund rapide ab und hinterlassen ein spürbar raues Gefühl auf den Zähnen. Vielen Limonaden wird aus geschmacklichen Gründen Zitronensäure beigemengt und die erhöht - in größeren Mengen - eindeutig das Risiko für Zahnschäden, stellte das Bundesinstitut für Risikobewertung in einer Stellungnahme vor zwei Jahren fest. Bislang wurden keine Grenzwerte für Zitronensäure in Getränken festgelegt - obwohl immer mehr Menschen Softdrinks und Energydrinks trinken.

So häufen sich die Erosionen weiter. Wie viele Menschen tatsächlich betroffen sind, lässt sich jedoch schwer sagen; es gibt nur wenige Studien dazu. Und die sind schwer miteinander vergleichbar, weil es keinen allgemein verbindlichen Mess-Index für erosive Zahnschäden gibt. Entsprechend stark variieren die vorliegenden Daten zur Häufigkeit teilweise: Bei der Dritten Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS III) wurden Schmelzerosionen bei mehr als zehn Prozent der 35- bis 44-jährigen Erwachsenen festgestellt, teilweise gingen sie bis ins Zahnbein (Dentin). Bei einer Schweizer Studie wurden sogar im Gebiss von mehr als 40 Prozent der Untersuchten im Alter von 46 bis 50 Jahren Erosionsschäden erkannt.

Die Schneidekanten werden dünner, die Kauflächen flachen ab

Erosionen sind zunächst schmerzlos und im Anfangsstadium selbst für Zahnärzte schwer erkennbar. Betroffene Zähne zeigen eine matte, später eine eingedellte und gestufte Oberfläche. Sie wirken dunkler, weil durch den dünner werdenden Schmelz das Dentin erkennbar wird. Die Schneidekanten werden dünner, die Kauflächen flachen ab. Die Zähne werden schmerzempfindlicher gegen Heißes und Kaltes. Betroffene Zähne heilen sich nicht selbst, aufgelöster Zahnschmelz ist unwiederbringlich weg. "Ein Zahn lässt sich zwar wieder mineralisieren, aber nicht wieder reparieren", erklärt der Hamburger Zahnarzt Jürgen Herget.

Zahnerosion ist, anders als Karies, keine Folge schlechter Mundhygiene, im Gegenteil: Sie tritt häufig bei Menschen auf, die sich besonders gesundheitsbewusst verhalten, viel frisches Obst essen - und oft und gründlich ihre Zähne putzen. Nach dem Motto: "Viel hilft viel!" bürsten sie ihre Beißer vor dem Essen, nach dem Essen, morgens, mittags, und abends.

Übernommen aus ... GesundLeben GesundLeben
Ausgabe 3/2006

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