Organspenden kennt jeder. Dass aber auch Gewebe wie Herzklappen, Haut und Knochen mitverwertet werden, ist kaum jemandem bewusst. Denn das Geschäft mit toten Körpern findet im Verborgenen statt. Von Martina Keller

Viele Angehörige ahnen gar nichts vom Recycling des Gewebes ihrer Toten© Picture-Alliance
Besitzen Sie einen Organspendeausweis? Wissen Sie auch, was auf der Rückseite steht, in der Vertikalen am Rand, sodass man es leicht übersehen kann? "Erklärung zur Organ- und Gewebespende" - jedenfalls bei Ausweisen, die ab dem April 2008 gedruckt wurden. Ebenfalls auf der Rückseite kann der potenzielle Spender die Entnahme von Organen und Geweben generell oder teilweise gestatten oder aber ihr widersprechen. Sie wussten nicht, dass es die Gewebespende überhaupt gibt? Welche Gewebe gespendet werden können, wofür man sie verwendet? Dann geht es Ihnen wie den meisten Deutschen.
Von der Organspende hat jeder schon gehört. Von der Gewebespende nicht. Falls Sie allerdings die vorgedruckte Standardeinwilligung (siehe Abbildung) angekreuzt haben, stimmen Sie ihr dennoch zu. Und damit der kleinteiligen Zerlegung Ihres Körpers, über die nicht gern gesprochen wird. Auch nicht von der Politik. Aufklärungskampagnen? Öffentliche Debatten? Fehlanzeige.
Die Gewebebranche arbeitet im Verborgenen. Sie versorgt die Medizin mit Hornhäuten von Augen, mit Achillessehnen, Schrauben und Zapfen aus Knochen, mit Hautflicken und vielem anderen mehr - und ein jedes Gewebe hat seinen Preis (siehe Grafik). Als die gründliche Verwertung von Leichen vor Jahrzehnten begann, ahnten die Angehörigen Verstorbener meist nichts vom Recycling ihrer Toten: Obduzierten Rechtsmediziner und Sektionsgehilfen eine Leiche, dann entnahmen sie einfach, was Gewebebanken oder Firmen gebrauchen konnten. Selbst in jüngerer Zeit, als das 1997 verabschiedete Transplantationsgesetz in Deutschland eigentlich vorgab, dass für Gewebespenden eine Einwilligung erforderlich ist, handelten manche Mediziner weiter nach dem Motto: Tue Gutes - und rede nicht darüber. Gewohnheiten sind hartnäckig.
Herzklappen wurden entnommen, wenn eigentlich nur die Einwilligung zur Spende des ganzen Herzens vorlag. Und es ereigneten sich Dinge wie jener Fall vom Niederrhein: Die Familie einer Verunglückten hatte sich dazu durchgerungen, deren Organe zu spenden, weil die junge Frau der Transplantation positiv gegenübergestanden hatte. Doch die Mediziner schälten der Leiche obendrein Haut ab - ohne Wissen der Angehörigen. Die Schwester der Toten erfuhr durch Zufall davon, weil sie als Krankenschwester in der Klinik arbeitete, in der die Frau gestorben war.
Seit im vergangenen Jahr das Gewebegesetz Schlupflöcher schloss, kann es überhaupt keinen Zweifel mehr geben, dass Verstorbene zu Lebzeiten - oder stellvertretend ihre Angehörigen - ausdrücklich in die Gewebespende einwilligen müssen. Allerdings ist nicht vorgeschrieben, wie umfangreich Betroffene im Aufklärungsgespräch informiert werden müssen.
Mitzuteilen gäbe es nämlich so einiges: Wer weiß schon, dass eine Leiche heute quasi von Kopf bis Fuß ein medizinisches Rohstofflager ist? Anders als Organe werden Gewebe meist nicht "lebendfrisch" entnommen und selten unmittelbar verpflanzt. Vielmehr bearbeiten Gewebebanken oder pharmazeutische Hersteller sie teils aufwendig und konservieren sie über Monate oder Jahre. Die fertigen Gewebezubereitungen gelten hierzulande als Arzneimittel, ein Teil von ihnen darf gehandelt werden wie die Pillen der Pharmaindustrie.
Während die Organe eines Spenders einer Handvoll Patienten zugutekommen, können Gewebeprodukte aus einer einzigen Leiche an 60 und mehr Empfänger verpflanzt werden. Die Gewebetransplantation ist ein Medizinmarkt mit starken Zuwachsraten und satten Renditen.
Nirgendwo lassen sich menschliche Körperteile so gut zu Geld machen wie in den USA. Mehr als eine Milliarde Dollar setzt die Branche dort jährlich um. Würde eine einzige Leiche in all ihre Einzelteile zerlegt und verkauft, käme man in Amerika leicht auf einen Erlös von 250.000 Dollar.
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Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 42/2008