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15. Juni 2010, 18:43 Uhr

Der Kampf um die Ampel

Eine der größten Lobbyschlachten geht auf die Zielgerade: Heute stimmt das Europaparlament darüber ab, wie Lebensmittel in der EU künftig gekennzeichnet werden sollen. Von Lea Wolz

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Neben Verbraucherschützern setzen sich daher auch Krankenkassen und Kinderärzte für die Ampel ein© DPA

Seit Monaten macht die Lebensmittelindustrie gegen die Pläne mobil, Kekse, Müsli, Joghurt oder Wurst je nach Gehalt an Fett, Salz und Zucker mit roten, gelben oder grünen Punkten zu versehen. Einen ersten Etappensieg konnte sie dabei bereits im März verbuchen: Der zuständige Ausschuss im Europarlament lehnte es ab, die sogenannte Ampelkennzeichnung verpflichtend einzuführen. Am Mittwoch entscheidet nun das Europäische Parlament über die Nährwertkennzeichnung von Lebensmitteln.

Nach dem knappen Votum im Umweltausschuss sei die Ampel noch nicht tot, ist sich Thilo Bode, Chef der Verbraucherorganisation Foodwatch sicher. Eine Prognose, wie das Parlament entscheiden wird, wagt er allerdings nicht. In den meisten Fällen folgt es der Vorlage des Ausschusses. "Stimmt es gegen die Ampel, ist zwar ein Vorentscheid gefallen", sagt der Verbraucherschützer. "Beendet ist die Sache allerdings noch nicht." Denn nach der ersten Lesung im Europaparlament geht der Text an den Ministerrat, in dem die 27 EU-Staaten vertreten sind. Parlament und Rat müssen sich dann auf eine gemeinsame Position einigen. Bis dies geschehen wird, kann es dauern. Die Lebensmittelhersteller haben somit noch einige Zeit, Lobbyarbeit zu betreiben.

Teure Lobby-Arbeit

"Über eine Milliarde hat sich die Lebensmittelindustrie die Lobbyisten-Kampagne gegen die Ampel bereits kosten lassen", sagt Bode, der sich auf einen Bericht der Nichtregierungsorganisation CEO (Corporate Europe Observatory) beruft, einer Anti-Lobby-Organisation, die ebenfalls in Brüssel sitzt. Für eine Branche mit einem Umsatz von jährlich rund 965 Milliarden Euro europaweit Peanuts. Und die Investitionen dürften sich bis jetzt gelohnt haben. Die Ampel-Befürworter unter den Parlamentariern sind in der Unterzahl, wenn auch - wie die Abstimmung im Umweltausschuss gezeigt hat - nur knapp. "Für die Nahrungsmittelindustrie ist das neue Gesetz eine Wahnsinnsnummer, bei der es um viel Geld geht", sagt Bode. Und um die zentrale Frage, wer festlegt, was Verbraucher über Lebensmittel erfahren und wie verständlich die Informationen vermittelt werden sollen.

Denn immer mehr von dem, was auf unserem Teller landet, enthält zu viel Fett, Zucker oder Salz. "Mit der Ampelkennzeichnung wären falsche Werbeversprechen von Fitness und Gesundheit auf den ersten Blick zu erkennen", sagt Bode. Der Gehalt der wichtigsten Nährwerte Fett, gesättigte Fettsäuren, Zucker und Salz würde dabei farbig gekennzeichnet, um dem Verbraucher schnell zu signalisieren, was er isst. Denn die Folgen falscher Ernährung machen sich bemerkbar: In Deutschland ist mehr als jeder Zweite zu dick. Neben Verbraucherschützern setzen sich daher auch Krankenkassen und Kinderärzte für die Ampel ein - und fordern, dass das Europaparlament an diesem Mittwoch für ihre Einführung stimmt.

Industrie rechnet sich Lebensmittel gesund

Doch genau das versucht die Industrie zu verhindern. Die Ampel vereinfache zu stark, bevormunde die Verbraucher und sei unwissenschaftlich, heißt es. Allerdings dürfte vor allem die Angst vor zu vielen roten Punkten die Industrie umtreiben. Sie wirbt daher für das Modell der "Guideline Daily Amounts", das die Nährwerte bezogen auf vom Hersteller frei wählbare Portionsgröße und ihren Anteil an der empfohlenen Tagesportion angibt.

"Verglichen mit der Ampel ist das GDA-Modell Mist und nur schwer verständlich", kritisiert Bode. Mit unrealistischen Portionsgrößen würden die Lebensmittel gesund gerechnet. Weniger als die Hälfte der Verbraucher erkannte einer Studie der Fachhochschule Münster zufolge mit dem GDA-System, in welchem Produkt weniger Zucker war. Mit der Ampel waren dies nur fünf Prozent. Regelmäßig sprechen sich die Verbraucher in Deutschland daher für eine Ampelkennzeichnung aus.

Verbraucherinteressen gegen Industrieinteressen

Der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL), der größte Verband der Nahrungsmittelindustrie in Deutschland, favorisiert dagegen weiterhin die Nährwerttabelle. "Was seit zehn bis 20 Jahren gelernt wurde, sollte nun nicht geändert werden", meint Peter Loosen vom BLL. Der Verband setzt sich für diese Tabelle ein, die den Energiegehalt eines Lebensmittels und den Anteil an sieben wichtigen Nährstoffen anzeigt. Daneben soll der Anteil einer 100-Gramm-Portion am empfohlenen täglichen Kalorienbedarf auf der Vorderseite der Verpackung abgedruckt werden. Ob sie die GDA-Angaben zu den einzelnen Nährstoffen zusätzlich abbilden, solle den Herstellern überlassen werden. "Die Ampel verwirrt die Verbraucher eher noch", sagt Loosen.

"Wenn die Kennzeichnung wirklich gegen die Volkskrankheit Übergewicht helfen soll, dann muss die Ampel eingeführt werden - und zwar verpflichtend", sagt Bode. Da Fettleibigkeit und Zuckerkrankheiten in der EU zunehmen und daher auch die Gesundheitsausgaben immer weiter steigen, ist er sich sicher: "Langfristig ist die Lebensmittelindustrie auf der Verliererstraße, die Regierungen müssen handeln." Allein in Deutschland belaufen sich die Kosten für ernährungsbedingte Krankheiten auf rund 70 Milliarden Euro. "Die morgige Abstimmung zeigt, was die Parlamentarier ernster nehmen: den Wunsch der Bürger oder der Industrie", sagt Bode.

EU-Verordnung Die geplante EU-Verordnung sieht eine umfassende Kennzeichnung von Lebensmitteln vor. Dabei sollen auch Imitate kenntlich gemacht werden, ebenso wie gentechnisch veränderte oder mit Nanopartikeln behandelte Lebensmittel. Bei Fleisch, Früchten und Milchprodukten soll zudem die Herkunft angegeben werden. Für alkoholische Getränke ist eine gesonderte Regelung angedacht.

Von Lea Wolz
 
 
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