Der Albtraum der Millionäre

5. August 2010, 11:31 Uhr

Sein Deckname war David. Er lieferte dem Bundesnachrichtendienst die Kontodaten von 1400 "Stiftungen" deutscher Millionäre, von Steuerbetrügern wie Klaus Zumwinkel. Mit den gestohlenen Daten aus Liechtenstein eröffneten die deutschen Behörden 618 Verfahren. Mehr als 200 weitere Bürger zeigten sich selbst an. Ein Interview mit Heinrich Kieber. Von Oliver Schröm

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Vielen "Stiftungsgründern" wurde ihr Vermögen in Liechtenstein zum finanziellen Verhängnis©

Die Aktion brachte der Bundesrepublik bislang geschätzte 220 Millionen Euro ein. Es dürfte noch deutlich mehr werden. David alias Heinrich Kieber kassierte dafür fünf Millionen Euro. Und nicht nur Deutschland zahlte. An insgesamt 13 Länder gab er sein Material weiter. Liechtenstein hat den Datendieb international zur Fahndung ausgeschrieben.

Andere Staaten verstecken ihn. Sein Aufenthaltsort ist streng geheim. Der 45-Jährige lebt mit neuer Identität in einem Zeugenschutzprogramm. Dies ist sein erstes Interview.

Darüber, wie es geführt wurde, verpflichtete er den stern zu Stillschweigen, und er bestand darauf, dass bei Fotos von ihm die Augenpartie abgedeckt wird.

Eine unglaubliche Räuberpistole?

Die Motive für Kiebers Datendiebstahl blieben lange Zeit nebulös. Während ihm alle Welt Geldgier unterstellte, präsentierte er eine abenteuerliche Geschichte: Er sei 1997 von ehemaligen Geschäftspartnern nach Argentinien gelockt, dort gefangen genommen und gefoltert worden. Es ging angeblich um offene Rechnungen. Mal war von 240.000, mal von 580.000 Schweizer Franken die Rede. Er suchte jahrelang Unterstützung, diesen Fall vor Gericht zu bekommen, doch niemand in Liechtenstein glaubte ihm die Folter. Die 2002 gestohlenen Kontodaten wollte er benutzen, um einen Prozess zu erzwingen.

In einem 38-seitigen Brief an Fürst Hans-Adam II. drohte er 2003, das explosive Material andernfalls Steuerfahndern in Deutschland oder den USA zu übergeben.

Eine schier unglaubliche Räuberpistole.

Kieber bleibt eine schillernde Figur

Doch bei ihren Recherchen stießen stern-Reporter in Barcelona auf einen Beteiligten, der bestätigt, dass Kieber auf einer Farm in Argentinien festgehalten wurde - angekettet in einem Turm, tagelang in Todesangst.

Trotzdem bleibt Kieber eine schillernde Figur: immer wieder in dubiose Geschäfte verwickelt, getrieben auch vom Hass auf den Fürsten von Liechtenstein. Dessen Mutter Gina hatte sich einst um das Heimkind Heinrich gekümmert. Ihr früher Tod 1989 war für Kieber ein schwerer Verlust.

Ab dem sechsten Lebensjahr elternlos aufgewachsen, hoch intelligent, aber emotional ungefestigt, oft großspurig - ein unsteter Träumer, der es mit dem Gesetz nicht immer so genau nimmt, so schlägt sich Heinrich Kieber durch. Und ausgerechnet dieser Mann wird im Oktober 2000 von der fürstlichen LGT Treuhand mit der Aufgabe betraut, die hochsensiblen Kundendaten zu digitalisieren. Es dauert nicht lange, bis er die entscheidende Sicherheitslücke entdeckt.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 32/2010

Ein Lebenslauf voller Brüche Mehr über das Leben von Heinrich Kieber erfahren Sie hier.

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