27. September 2012, 13:30 Uhr

"Harry Potter und der Kelch des Schmutzes"

Da ist er nun, der erste Roman von Joanne K. Rowling nach Harry Potter. In ersten Rezensionen wird die sozialkritische Haltung der Autorin gelobt. Tadel gibt es für obszön anmutende Passagen.

Die sieben Bände "Harry Potter" machten die einst von Sozialhilfe lebende Britin Joanne K. Rowling reicher als die Queen. 900 Millionen Dollar soll sie heute besitzen. Das Vermögen häufte die Potter-Erfinderin ganz ohne Zauberei an. Ihre Kinderbücher, die auch Erwachsene mit größter Begeisterung lasen, waren weltweit der Megahit. 450 Millionen verkaufte Potter-Exemplare machten die Autorin und diverse Verleger steinreich. Die Verfilmung der Werke brachte nochmals knapp acht Milliarden Dollar.

Und nun ist es endlich da, das Rowling-Buch für Erwachsene. Zeitgleich erschien es in den USA, Großbritannien, Kanada, Australien, Neuseeland und Deutschland. Der Roman "Plötzlicher Todesfall" wurde mit Spannung erwartet – allein wegen der Frage: Kann die Frau auch ohne Zauberer auskommen und ein richtig gutes Buch für Erwachsene schreiben? Der Hype ist riesig, geschürt von Verlagen rund um den Globus, die abermals auf das große Geld hoffen. Kein einziger Satz gelangte an die Öffentlichkeit, bevor der erste JK-Rowling-Roman auf den Markt kam – fünf Jahre nach dem letzten Potter-Buch. Die Übersetzerinnen unter strengster Geheimhaltung. Die Bücher wurden in verplombten Lastwagen durch Großbritannien und sonst wohin geliefert.

Hinweis auf Charles Dickens

Inzwischen haben es die ersten Kritiker gelesen und beurteilt. Rowling erhielt Lob für ihre soziale Botschaft, für die sie in die Nähe von Charles Dickens gerückt wurde, der – wahrlich nicht frei von Witz – soziale Missstände im England des viktorianischen Zeitalters anprangerte. Doch erntete die Britin Kritik für teils als obszön empfundene Szenen, mit der sie weit entfernt von den Potter-Büchern sei. Der Roman sei "manchmal lustig, oft erstaunlich gut beobachtet und voller Grausamkeit und Hoffnungslosigkeit", schrieb Allison Pearson in der Zeitung "Daily Telegraph". Unter Anspielung auf explizite Sex- und Drogenszenen fügte sie hinzu, sie werde wie tausende andere Eltern auch in den kommenden Tagen verhindern müssen, dass ihre Kinder dieses Buch lesen.

Der "Daily Mirror" verriss Rowlings neues Werk als "Harry Potter und der Kelch des Schmutzes" und empörte sich über "hundertfach" benutzte vulgäre Ausdrücke. Der Kritiker des "Independent" lobte einerseits ein "Lied der Freiheit", störte sich aber an "plumpen satirischen Versatzstücken". Die Rezensentin der "Times" wiederum befand, das Buch basiere auf der "Vorstellung des Romans als Kraft des gesellschaftlichen Guten", sei aber möglicherweise "ein kleines bisschen langweilig".

"Ein plötzlicher Todesfall" spielt in einem fiktiven englischen Städtchen, in dem unerwartet ein Mitglied des Pfarrgemeinderats stirbt und ersetzt werden muss. Es entspinnt sich ein intrigenreicher Wahlkampf. Rowling spickt ihr Buch mit pikanten Schilderungen von Heroinsucht, Prostitution und sexueller Begierde - eine klare Abkehr von den Zauberlehrling-Geschichten, in denen der Kampf von idealistischen Jugendlichen gegen das Böse in Form des grausamen Zauberers Lord Voldemort im Vordergrund steht.

500.000 Exemplare für Deutschland

Trotz dieses Bruchs erwarten Buchhändler für den neuen Roman ebenso traumhafte Verkaufszahlen wie bei "Harry Potter". In Deutschland legt der Carlsen-Verlag "Ein plötzlicher Todesfall" mit 500.000 Exemplaren auf. "Ohne das Buch gehen wir im laufenden Jahr von einem Umsatz von gut 50 Millionen Euro aus. Was da noch hinzukommt, ist der Rowling-Effekt: Das könnten durchaus zehn Millionen Euro oder mehr sein", sagte Carlsen-Verleger Joachim Kaufmann der Wirtschaftswoche Online.

Ein ähnlicher Ansturm wie bei den Potter-Bänden blieb in Großbritannien und Deutschland aus. "Kein Vergleich mit Harry Potter", sagte ein Sprecher von Hugendubel in München. Niemand habe vor dem Laden gewartet. Ein ähnliches Bild auch in Berlin: "Mit Zuständen wie bei Harry Potter haben wir nicht gerechnet", hieß es in der Belletristik-Abteilung des Kaufhauses Dussmann in Berlin. In Hamburg startete der Verkauf ebenfalls schleppend. "Wir haben bisher einige Exemplare verkauft, aber es gibt keinen Run", wurde bei Thalia der Tag kommentiert. Die Nachfrage in den Tagen vor der Veröffentlichung habe auf mehr Hype hingedeutet, meinte eine Sprecherin des Düsseldorfer Buchhauses Stern-Verlag. "Wir hatten sogar eine Auflage, die Folien der Bücher nicht vor 9.00 Uhr zu öffnen. Pro geöffnetem Buch hätten wir 1000 Euro Strafe zahlen müssen."

Viele Buchläden in Rowlings Heimatland Großbritannien öffneten eine Stunde früher als üblich, um dem Andrang der Fans zu begegnen. In London hatten sich jedoch zunächst keine Schlangen vor den Läden gebildet.

tso/dpa/AFP
 
 
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