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Wie aus Lebensmitteln Müllberge werden

Wir leben in einer Welt der Extreme: In Afrika verhungern Menschen, in den Industrieländern wandern tonnenweise Nahrungsmittel auf den Müll. Was das auch noch mit dem Klimawandel zu tun hat, zeigt der Dokumentarfilm "Taste the Waste".

  Das, was am Ende übrig bleibt - auf dem Müllberg. Eine Szene aus "Taste the Waste"

Das, was am Ende übrig bleibt - auf dem Müllberg. Eine Szene aus "Taste the Waste"

Wer in Deutschland einkauft, kann wählen zwischen Spargel aus Ägypten, Bohnen aus Kenia und Mangos aus Brasilien. Es gibt Dutzende Joghurt- und Brotsorten in diesem Einkaufsparadies. Was nicht mehr frisch genug aussieht und nicht mehr lange "mindestens haltbar bis" ist, wandert oft tonnenweise in den Müll. Wir leben in einer Welt der Extreme mit Überfluss und Hunger, Verschwendung und Mangel. Was Lebensmittel mit dem Klimawandel, dem Kampf um Land und Getreidepreise zu tun haben, zeigt der Dokumentarfilm "Taste the Waste" von Valentin Thurn. Facettenreich und sachlich beschreibt der Film Zusammenhänge und unternimmt eine Reise, die viele Fakten vermittelt und den Zuschauer mitunter staunend zurücklässt.

Zu klein, zu dick, zu hässlich

Der Landwirt Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf steht auf einem Kartoffelacker. Alles, was zu klein und zu dick ist oder zu viele Macken hat, fällt durchs Raster: 40 bis 50 Prozent der Kartoffeln werden aussortiert. Er hält das für nicht richtig, weil das nichts mit Qualität zu tun habe. Farmer in den USA beklagen ähnliches: 5 bis 10 Prozent der Ernte werden vernichtet, weil Obst und Gemüse nicht den Normen der Supermärkte entsprechen. So gebe es für Tomaten spezielle Farbskalen. Nicht nur Bauern werfen Lebensmittel weg, auch viele Verbraucher. Der Film fasst es in zwei Sätzen zusammen: "Jedes Jahr werden in der EU 90 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Geladen in Lastwagen wäre das eine Kolonne einmal rund um den Äquator."

Auf dem Pariser Großmarkt vernichten die Händler tonnenweise überreife Orangen, einzelne Früchte auszusortieren, lohnt sich nicht. Ähnlich scheint es in Japan zu sein, wo Frische oberstes Gebot ist. In Wien beobachtet der Film zwei sogenannte Mülltaucher, die in Abfallcontainern nach Nahrung "tauchen", die man noch essen kann. Einer der Männer spricht auch von einem ideellen Anspruch, den er der "totalen Entwertung von Lebensmitteln" entgegensetzen will. In vielen Städten versuchen Organisationen, Bedürftige mit Waren zu versorgen, die noch in Ordnung sind, aber nicht mehr den Ansprüchen des Handels genügen.

Manche Fragen, die Thurn (Buch und Regie) aufwirft, sind sicher nicht neu. Sein Kollege Erwin Wagenhofer hatte in seinem Dokumentarfilm "We feed the World - Essen global" ebenfalls das Thema der Nahrungsmittelindustrie ähnlich sachlich aufgegriffen. Dennoch ist "Taste the Waste" ein wichtiger und aufklärender Film, denn er beschreibt nicht nur eine absurde Welt. Er versucht auch zu zeigen, wie es zumindest in Ansätzen möglich ist, anders zu handeln.

Recycling durchaus möglich

So werden in Japan Abfälle unter strengen Auflagen wenigstens zu Tierfutter verarbeitet. Auf diese Weise könne vermieden werden, dass Regenwälder abgeholzt und die Getreidepreise steigen. Eine Müllforscherin aus Wien weist darauf hin, dass jeder beim Einkaufen die Wahl habe: Wer immer nur nach dem perfekten Apfel greife, unterstütze damit, dass Früchte mit kleinen Mängeln vom Supermarkt von vorneherein abgelehnt werden. In Italien versucht die Slow-Food-Bewegung, den Menschen wieder bewusst zu machen, woher Lebensmittel kommen. In New York soll dies auch mit Gärten auf Dächern gelingen.

Das Wegwerfen von Lebensmitteln beeinflusst auch das Weltklima: Thurn zitiert einen US-Forscher damit, dass der Lebensmittelmüll etwa 15 Prozent der weltweiten Methan-Emissionen verursacht. Wieder fasst es der Regisseur knapp zusammen: "Die Halbierung des Lebensmittelmülls würde ebenso viele Klimagase vermeiden wie die Stilllegung jedes zweiten Autos." Auch das Problem von riesigen Anbauflächen und der Vertreibung von Kleinbauern streift der Film am Beispiel einer Bananenplantage in Kamerun. Manchmal wirkt "Taste the Waste" wegen der Fülle des Materials atemlos, so hätte man den Vertreter der EU-Kommission problemlos weglassen können.

Lebensmitel, die auf dem Müll landen, treiben außerdem die Preise und verursachen weltweit empfindlich auf Schwankungen reagierende Märkte, sagt Joachim von Braun vom Zentrum für Entwicklungsforschung in Bonn in "Taste the Waste". "Unser Wegwerfen führt damit indirekt zu Hunger sonstwo auf der Welt." Umso verrückter klingt es da, wenn ein Bäcker erzählt, wie er mit unverkauftem Brot, das gemahlen und mit Holzpellets vermischt wird, seine Backöfen heizt. Der Film bündelt es in dem ebenso trockenen wie erschütternden Satz: "Mit dem Essen, das wir in Europa und Nordamerika wegwerfen, könnten alle Hungernden der Welt dreimal sattwerden."

Iris Auding, DPA/DPA

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