Darf man in einem Film Juden als Killer darstellen? Unbedingt, sagt der deutsch-israelische Publizist Rafael Seligmann. Denn wenn sie Waffen haben, benehmen sie sich wie alle anderen - sie greifen an.

Haben große Lust, einen Nazi zu skalpieren: Sergeant Donnie Donowitz (Eli Roth, l.) und Leutnant Aldo Raine (Brad Pitt) von den Inglourious Basterds© Universal Studios
Historisch ist Quentin Tarantinos neuer Film "Inglourious Basterds" Tineff. Während des Zweiten Weltkriegs kämpft sich ein Haufen jüdischer GIs unter dem Kommando des unwiderstehlichen Brad Pitt-Bulls durch das von Nazi-Deutschland besetzte Frankreich. Sie killen mit Wonne SS-Leute, Wehrmachtsangehörige und sonstiges braune Gezücht. Die jüdischen Fighter zertrümmern ihnen mit Schmackes die Schädel, skalpieren sie oder knallen sie einfach über den Haufen. Einige brave deutsche Helfer wie das Nazi-Opfer Til Schweiger beteiligen sich eifrig an der Tötungsorgie. Beim finalen Showdown befördert die Judentruppe in einem Pariser Kino die gesamte Nazi-Führung einschließlich des keifenden Führers und seiner Lakaien Goebbels, Bormann und Göring ins Jenseits. Ende gut, alles gut!
Viele stellen sich jetzt die Frage: Darf man das? Darf man die Juden als Killer darstellen, die obendrein auch noch Spaß an ihrer mörderischen Arbeit haben? Ist das wieder erlaubt? Nach Auschwitz, wo die schlechten Vorfahren der guten heutigen Deutschen die Juden millionenfach meuchelten?
Nichts quält die Hebräer so sehr, wie die immer wieder gestellte Frage: "Dürfen wir euch Juden - endlich! - wieder als schlechte Kerle darstellen, nach all dem, was ihr durch die Nazis und ihre 'Stürmer'-Hetze erleiden musstet?"
Nicht nur die Nachkommen der jüdischen Opfer sind traumatisiert - auch die Söhne und Töchter der deutschen Täter. Ihre Gehirne sind seit mehr als 200 Jahren vom deutschen Humanisten Gotthold Ephraim Lessing blockiert, der die Juden als Übermenschen der besonderen Art stilisierte. In seinem "Nathan der Weise" ist der Israelit klug, allzeit gütig, verzeihend und versöhnend. Kurz: Der Jude hat sich gefälligst wie Jesus zu benehmen. Der sündige Christenmensch dagegen massakrierte hurtig die Hebräer: während der Kreuzzüge, in unzähligen Pogromen und Misshandlungen und schließlich mit maschineller Effizienz unter Nazi-Regie.
Die Juden Europas ließen es mit sich machen. Doch keineswegs, weil sie, wie Lessing und seine gutmenschelnden Freunde meinten, die besseren Wesen waren, sondern weil ihnen nichts übrig blieb. Die Hebräer waren in Ghettos gepfercht, seit mehr als einem Jahrtausend der christlichen Judenhetze ausgesetzt, und überdies besaßen die Israeliten keine Waffen, mit denen sie sich hätten zur Wehr setzen können. Gewollt hätten sie schon!
Keiner wusste dies besser als der englische Klassiker William Shakespeare, der Shylock ersann. Der rachsüchtige jüdische "Kaufmann von Venedig" besteht darauf, dem Christen das Fleisch aus dem Leibe zu schneiden. Denn Shylock spricht Klartext: "Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?"
Zur Person: Rafael Seligmann, geboren 1947 in Tel Aviv, ist im Alter von zehn Jahren mit seiner Familie nach Deutschland ausgewandert. Er studierte Politikwissenschaft und Geschichte in München und Tel Aviv und promivierte 1982 über "Israels Sicherheitspolitik". Seit 1978 schreibt Seligmann für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften Essays, Kommentare und Kolumnen, darunter für den "Spiegel", "Bild", "Die Welt" und die "taz". 1985 gründete er die "Jüdische Zeitung". In seinen Romanen und Sachbüchern setzt sich Seligmann schonungslos mit dem deutsch-jüdischen Verhältnis auseinander, das er einmal als "seine Mission" bezeichnet hat. Ihm geht es vor allem darum, mehr Normalität im Zusammenleben von Deutschen und Juden zu erstreiten. Rafael Seligmann lebt als freier Journalist, Moderator und Schriftsteller in Berlin.