Nico Hofmann ist Deutschlands erfolgreichster TV-Produzent. Seine Filme "Die Luftbrücke" oder "Die Flucht" sahen Millionen. Im Moment baut er gerade die Mauer wieder auf. Ein Gespräch über Geschichte und Geschichten.

Stets gebräunt, das Hemd weit offen: Nico Hofmann, 49, ist der Dandy unter Deutschlands Fernsehproduzenten. Als Regisseur fand er Anerkennung mit der "Tatort"-Folge "Tod im Häcksler" und dem Thriller "Der Sandmann"© Volker Hinz
Das ist stark verkürzt, aber es stimmt: Am Ende des Films, den der Regisseur Roland Suso Richter gerade für uns dreht, spaltet sich ein Teil Mecklenburg- Vorpommerns von der Bundesrepublik ab. Es entsteht eine neue kleine DDR, ein umzäuntes Billiglohnland, finanziert von den Wirtschaftsverbänden des Westens. Was wir in "Die Grenze" machen, ist durchaus eine Provokation...
Unser Film ist kein Marketing-Gag. Am Anfang steht eine Weltwirtschaftskrise, der Ölpreis gerät ins Taumeln, die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Ost und West wird immer größer.
Die Drehbuchautoren und ich hatten die Idee schon vor gut zwei Jahren. Wir fragten uns damals: Hat die Wiedervereinigung funktioniert, sind Ost und West gleichberechtigt? Wo könnte Deutschland 2012 stehen? Was geschieht, wenn die bürgerliche Mehrheit ihre Macht verliert, wenn die Menschen im Osten der Mut verlässt und sie sich dem rechten Lager anschließen? Was passiert, wenn eine Partei wie die NPD mit einem charismatischen Führer antritt? Wir wollen zeigen, wie Politik funktioniert, wenn sie sich nur narzisstisch ausrichtet. Unser Volksverführer ist eine moderne Hitlerfigur.
Definitiv. Wir gehen an die Schmerzgrenze, zeigen Hilflosigkeit, Aggression bis hin zum Bürgerkrieg. Wenn dieser Film keine kontroverse Debatte auslöst, haben wir etwas falsch gemacht.
Viele haben anfangs gesagt, die Konstruktion einer Weltwirtschaftskrise sei an den Haaren herbeigezogen. In Wahrheit war es dann so, dass wir im letzten halben Jahr das Drehbuch justieren mussten, weil die Krise viel heftiger über uns hereinbrach, als wir sie je beschrieben hatten.
Ich hatte mit öffentlich-rechtlichen Programmdirektoren gesprochen. Das Thema war ihnen zu brisant. Es kam immer wieder die Frage auf: Spielen Sie nicht mit den Ängsten der Menschen?
Ich halte es für legitim, das zu tun, denn der Stoff hat eine klare Moral: Er spricht sich aus für die deutsche Einheit, er spricht sich dafür aus, Menschen ernst zu nehmen, Ängste nicht zu demagogisieren. "Die Grenze" ist ein radikales Stück deutsches Fernsehen. Womöglich hätte ich dann in der Schnittphase mit Rundfunkräten rumdiskutieren müssen, was ich da eigentlich mache. Darauf hatte ich keine Lust.
Unsere Herausforderung war: Wie macht man Kriegserlebnisse in Deutschland physisch spürbar, im Hauptabendprogramm, in zwei mal neunzig Minuten? Wie macht man Geschichte so spürbar, dass Zeitzeugen es zulassen, Vergangenheit, manchmal auch verdrängte Vergangenheit mit ihrer Familie noch einmal zu erleben? Entscheidend ist, dass sowohl "Die Flucht" als auch "Dresden" in den Familien eine generationenübergreifende Diskussion ausgelöst haben, zwischen Großeltern und Enkeln.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 27/2009