Jack Nicholson als Inbegriff des Maskulinen

11. Dezember 2008, 12:14 Uhr

Das Schloss muss warten. Jetzt ist erst mal Jack Nicholson dran. In der Kunstbox auf dem leer geräumten Berliner Schlossplatz ist zurzeit ein witziges und intelligentes Film-Porträt des Hollywoodstars zu sehen. Nicht immer schmeichelhaft, aber was soll's. Jack ist alt genug, um das zu ertragen. Von Anja Lösel

Jack Nicholson, Candice Breitz, Berliner Schlossplatz

Candice Breitz: "Him"©

Jack Nicholson würde sich ganz schön wundern. Da gibt es in Berlin eine junge Frau, die drei Jahre lang mit ihm gelebt hat - ohne dass er etwas davon merkte. Candice Breitz heißt sie, ist 36 Jahre alt und Künstlerin. Getroffen hat sie den Hollywoodstar kein einziges Mal. Und doch dürfte sie ihn so gut kennen wie kaum jemand anders. Wieder und wieder sah sie sich alle 50 Filme an, die er zwischen 1968 und 2008 machte. Schnell und langsam. Mit Rücklauf und Wiederholung. Den blutjungen Jack Nicholson von 1958 in "Cry Baby Killer". Den sexy Jack Nicholson in "Easy Rider". Den brutalen in "Die Ehre der Prizzis", den resignierten in "About Schmidt". 23 seiner Filme hat sie am Ende verwendet für ihr neues Werk "Him": ein raffiniert geschnittenes Porträt, witzig und eigenwillig. Zu sehen ist es nun in der weiß-blauen Kunst-Box, die für zwei Jahre den leeren Berliner Schlossplatz belebt und trotz Kälte und schneidendem Wind über 700 Besucher am Tag anzieht.

Auf sieben Bildschirmen Es ist ein großer Spaß, sich die raffiniert montierten und ineinander geschnittenen Filmszenen auf sieben Bildschirmen gleichzeitig anzusehen. So unterhaltsam und anregend, dass man gar nicht mehr los kommt von diesem Jack Nicholson. Man sieht ihm einfach gern zu: Wie er lasziv an einer Zigarre nuckelt. Wie er hingebungsvoll Klavier spielt, mit seinen Mephisto-Augenbrauen zuckt oder obszön die Zunge heraus streckt. Jede Menge Tics und Marotten offenbart er uns. "Nicholson raucht in fast jedem seiner Filme. Er ist Kettenraucher", sagt Breitz. "Außerdem räuspert er sich ständig. Daraus habe ich einen Rhythmus gebaut. Immer wieder dieses Räuspern, das ab und zu in eine neue Szene überleitet." Mal ist Jack cholerisch, mal wahnsinnig, mal zynisch. Wir sehen ihn gleichzeitig jung und alt, hübsch und hässlich, sexy und schüchtern. Aus all seinen Rollen hat sich Candice Breitz "ihren" Jack gebastelt: Eine vollkommen künstliche Figur, die doch erschreckend lebendig, intensiv und einzigartig ist. "Es ist kein Porträt des Schauspielers Jack Nicholson", sagt sie. Eher ein Psychogramm, ein fiktives Film-Album. "Ich bin filmsüchtig. Hier spielt er unfreiwillig nur für mich." Nicholson verkörpert das Maskuline schlechthin "Jack Nicholson gibt mir die Gelegenheit, eine Story zu erzählen", sagt Candice Breitz. Diese Story heißt: Was bedeutet es, ein Mann zu sein in dieser Welt? Nicholson verkörpert für sie das Maskuline schlechthin, die sexuelle Dominanz. Wie ein Kaleidoskop fügen sich die Bilder zusammen zu einer fiktiven Biografie. Zu einem Menschen, den es gar nicht gibt - und der doch so vollkommen real zu sein scheint. Es ist ein Puzzle, das der Zuschauer sich zusammensetzen muss. Immer, wenn man diesen Jack begriffen zu haben glaubt, schlüpft er wieder weg, verändert sich. "Die Aura von Berühmtheiten verführt uns", sagt Breitz. "Aber sie verschwindet in dem Moment, in dem das Licht im Kino wieder angeht." Mit dieser Grenze zwischen Film und Wirklichkeit spielt sie. "Do you know who I am?" lässt sie Nicholson immer wieder sagen. Weißt du wirklich, wer ich bin?

Und der echte Jack Nicholson? "Er weiß immer noch nicht, was ich gemacht habe. Ich wollte ihn nicht treffen, als ich die Gelegenheit gehabt habe", sagt Candice Breitz. Er hätte ihr im Weg gestanden, sie abgelenkt von seinen Filmrollen. Jetzt allerdings, da alles fertig ist, würde sie ihn gern treffen. Was würde er wohl dazu sagen, dass sie seine Filme benutzt hat, ohne die Rechte dafür zu kaufen? Ist ihr egal. "Jacks Filme sind Allgemeingut", findet Candice Breitz. Und wenn er sie vor Gericht zerren würde wegen Diebstahls? Ach, das lässt sie einfach drauf ankommen. Wird schon nicht passieren. Jetzt geht sie erst mal an die nächste Arbeit: "Her". Die soll das weibliche Gegenstück zu Jack Nicholsons "Him" werden. Hauptperson diesmal: Meryl Streep.

Bis 28.12. in der Temporären Kunsthalle auf dem Berliner Schlossplatz

Zum Thema
Schlagwörter powered by wefind WeFind
Easy Rider HIM Jack Nicholson Meryl Streep Schloß Zigarre
stern TV-Programm
Kostenlos downloaden: stern TV-Programm für iPhone, iPad und Android-Smartphones und -Tablets Mehr Infos über die App
 
Humor
Tetsche, Haderer, Mette und Co. Tetsche, Haderer, Mette und Co.
 
Noch Fragen?

Neue Fragen aus der Wissenscommunity

  von moonlady123456: Wo lebt eigentlich Kasparow heute?

 

  von gast1982: möchte überteuerten kredit ablösen auf den ich reingefallen bin aber habe angst weil ich mich nicht...

 

  von Amos: Ist man mit 0,8 Promille BAK betrunken? Rechtliche Konsequenzen, wenn man erwischt wird?

 

  von Der_Denis: Keyboard bei den Shadows

 

  von Amos: Wieso ensteht auf heißer Milch oder Kakao immer diese eklige Haut?

 

  von Fragomatic: Wieviele Enklaven gibt es der Europäischen Union einschl. der Schweiz?

 

  von Musca: Ist das Betrug? Es werden völlig unrealistische Werte bei der Gebäudesanierung genannt

 

  von Amos: Wenn man sich verletzt und das Blut ableckt, schmeckt es metallisch. Warum?

 

  von Amos: Wieso kommt die Steuerfahndung immer morgens um 6? Hat das bestimmte Gründe? Ich dachte,...

 

  von Amos: Darf man im Elsass Deutsch sprechen oder hören Franzosen das nicht so gerne? Z. B. im Bistro oder...

 

  von blog2011: Ich muss mal eine dumme Frage loswerden wg. der Schweizer Franken.

 

  von bh_roth: K-Wert eines Mauerwerks

 

  von Amos: Aus einem anderen Forum: heißt es schallgedämpft oder schallgedämmt?

 

  von Panda09: Gute Fotokamera?

 

  von bh_roth: Thema Holzmauerwerk

 

  von Gast 105957: Muss ich das Auto vor dem verkauf abmelden?

 

  von Gast 105955: Pflegeversicherung steigt um 0,3 Punkte für Eltern und 2,6 Prozent für Kinderlose?!!!

 

  von ing793: "Ein guter Gulasch brennt zweimal" heißt es - warum eigentlich?

 

  von Gast 105941: Meine Kinder sind getauft, aktuell sind mein Mann und Ich aus der Kirche ausgetreten, dürfen meine...

 

  von bh_roth: Bremsen rubbeln