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21. April 2011, 16:10 Uhr

Dresdens Retter in Londons Schatztruhe

Vor wenigen Tagen wurde er noch scharf kritisiert, heute gefeiert: Martin Roth, der Mann der die Ausstellung "Kunst der Aufklärung" nach Peking gebracht hat, wird als erster Deutscher Chef eines großen Londoner Museums. Von Anja Lösel

Martin Roth, Dresdner Kunstsammlung, London, Royal and Albert Museum, 192018

Ein Macher: Martin Roth vor Gemälden von Georg Baselitz im Dresdner Albertinum© Arno Burgi/DPA

Er hat die heiß umstrittene deutsche Ausstellung über die "Kunst der Aufklärung" nach Peking gebracht und wurde dafür heftig angegriffen. Martin Roth. Nur kurze Zeit später wird der Prügelknabe gefeiert: Der Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden wird neuer Chef des Victoria and Albert Museums in London. Er tritt seinen neuen Posten am 1. September an, teilte das Museum am Donnerstag mit.

Nach der Verhaftung des rebellischen Pekinger Künstlers Ai Weiwei hatte Roth die Schau gegen heftige Kritik verteidigen müssen: Man solle "an die Kraft des Dialogs" mit China glauben, denn "ohne China müsste morgen die Phaeton-Produktion eingestellt werden. Diese Diktatur gibt uns in unserer Demokratie Lohn und Brot". (Roth in der Sächsischen Zeitung). Das nahm man ihm übel, genauso wie seine abfälligen Worte über den international geachteten Ai Weiwei: "Es gibt Hunderte Künstler wie ihn, über die spricht aber keiner, weil sie keine Popstars sind."

Man könnte denken, dass Roth nach dem China-Debakel nun die Nase voll hat von Deutschland und der allzu kritischen deutschen Presse. Aber Direktorenposten wie der in London werden nicht von einem Tag auf den anderen vergeben, Roth muss auf seiner Chinareise längst gewusst haben, dass er Dresden verlässt.

Roth der Topmanager

Jetzt ist Roth der erste Deutsche, der eines der großen Traditionsmuseen Englands leiten darf. Warum grade er, der nicht einmal Kunstgeschichte studiert hat? Weil er ein Topmanager ist. Einer, der die Kunsthistoriker an den Museen neidlos ihr Ding machen lässt, ihnen den Rücken frei hält und sich vor allem um Geld, Strukturen und Organisation kümmert. Ein moderner Museumsdirektor, politisch, dynamisch, schnell, beweglich, ideenreich.

So einen kann das Victoria & Albert Museum gut gebrauchen. Im 19. Jahrhundert gegründet und benannt nach Königin Victoria und ihrem Mann Albert galt es lange als großartig, aber verschnarcht. In den letzte Jahren hat Direktor Sir Mark Jones es auf einen neuen Weg gebracht, hat angefangen zu renovieren und einen Erweiterungsflügel zu planen. Aber die Arbeit ist noch nicht zu Ende gebracht, Roth wird seine Dresdener Erfahrung gut gebrauchen können.

Zwölf Museen hatte er dort zu betreuen, viele strukturierte er neu und gab den Sammlungen angemessenen Raum. Sein Renommierstück war der Neu- und Umbau des Albertinums. Spätestens seit 2002 sind in Dresden alle überzeugt davon, dass Roth besser organisieren kann als andere und sogar in Katastrophen einen klaren Kopf behält. Denn kaum war er in Sachsen angekommen, sah er sich schon mit dem Jahrhunderthochwasser der Elbe konfrontiert. Er ließ Kunstschätze mit riesigem Aufwand aus den Kellerdepots in höhere Stockwerke auslagern und war sich nicht zu schade, selbst zuzupacken. So rettete er wertvolle Gemälde und Skulpturen.

Das Victoria & Albert ist das größte Museum der Welt für Kunst, Kunstgewerbe und Design. Es besitzt Ausstellungsstücke aus über 3000 Jahren – von asiatischem Schmuck über chinesisches Porzellan bis hin zu Kleidern von Vivienne Westwood oder Doc Martens Stiefeln. Sogar ein riesiges Bett aus dem 19. Jahrhundert, in dem 15 Personen Platz finden können, ist dort zu sehen. "Dresden den Rücken zu kehren, ist keine leichte Entscheidung", soll Roth gesagt haben. Aber er freue sich, wieder nur eins statt zwölf Museen zu betreuen. Mit der riesigen Londoner Schatztruhe hat er bestimmt genug zu tun.

Von Anja Lösel
 
 
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