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Streit um Ai Weiwei Ein kultureller Dialog, der mit Polizeistiefeln getreten wird


Weggehen oder standhalten und schweigen? Nach der Verhaftung des chinesischen Dissidenten Ai Weiwei ist der Kulturdialog in Verruf geraten. Kritiker werfen Deutschland einen Kotau vor Diktatoren vor.

Die Festnahme des regimekritischen Künstlers Ai Weiwei durch Chinas Behörden hat Kulturpolitiker in ein Dilemma gestürzt. Dass ausgerechnet der Dissident mit engen Kontakten zur Bundesrepublik nach Eröffnung einer deutschen Ausstellung zur Aufklärung in Peking hinter Gitter verschwand, stellt den Kunstbetrieb vor brisante Fragen. Müsste die Ausstellung als Zeichen gegen die Repression nicht besser wieder geschlossen werden? Oder sollte sie besser als Bühne für Oppositionelle dienen?

Kaum waren Außenminister Guido Westerwelle und die Museumschefs aus Berlin, Dresden und München wieder abgereist, wurde Ai Weiwei auf dem Flughafen festgenommen. Der unbequeme Künstler, der in China nicht ausstellen darf, sollte zwar nicht an den Diskussionen zur Aufklärungsschau im Nationalmuseum teilnehmen. Die deutsche Seite hatte ihm aber für Ende April eine Ausstellung in Berlin in Aussicht gestellt. Ob er kommen wird, ist offen.

Mehrere Tage nach der Festnahme meldeten sich dann die Museumsleute zu Wort. Der Chef der Dresdner Kunstsammlung, Martin Roth, verteidigte seine öffentliche Zurückhaltung. Er glaube an die "Kraft des Dialogs" und habe "ganz andere Möglichkeiten, die auch subtiler sind als Parolen", sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (F.A.Z.). Und überhaupt könne er die ganze Aufregung nicht verstehen.

Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, wählte in Berlin dagegen deutliche Worte. Er sei "entsetzt und schockiert über diesen Willkürakt". Die Ausstellung sollte dennoch in Peking bleiben. "Wir machen diese Ausstellung für die Menschen in China, deren Interesse an Öffnung und Gedankenfreiheit stetig wächst."

Doch welchen Wert hat ein Kulturdialog, der mit Polizeistiefeln getreten wird und als liberales Feigenblatt für Diktaturen dient? Dürfen etwa deutsche Architekten für den Glanz der Machthaber bauen? Die "F.A.Z" schrieb über "das Paradox" eines sich aufklärerisch gebebenden Kunstbetriebs, der sich im gleichen Atemzug einem Regime andiene, "das die legitimen Nachfolger einer aufklärerischen Kunst verschleppt und misshandelt".

Für Bernd M. Scherer, Intendant des Hauses der Kulturen der Welt, geht es um einen Spagat. "Es kann sinnvoll sein, die Ausstellung zu belassen, wenn sie als eine Art exterritoriales Dialogforum genutzt wird und so Dissidenten eine Bühne bietet. Dann sollten aber aus Deutschland die entsprechenden Stimmen dazu kommen, die klarmachen, wie wir die Auseinandersetzung um Kunstfreiheit und Menschenrechte sehen." Im aktuellen Fall sei er dafür, die Ausstellung zu nutzen, um klar Position zu beziehen.

Der Nachholbedarf an deutlichen Worten ist groß. Im vergangenen Jahr wurden nach Angaben des PEN-Clubs weltweit 733 Autoren eingesperrt, vertrieben oder getötet. Nur 104 wurden nach Angaben des Writers-in-Prison-Komitee wieder freigelassen. In China seien 34 Autoren, Journalisten oder Blogger im Gefängnis.

Künstler leben gefährlich. In Iran werden Filmemacher und Intellektuelle seit Jahren unterdrückt. Weltweiten Protest löste die Verhaftung des Regisseurs Jafar Panahi aus - der eigentlich als Jurymitglied zur Berlinale kommen sollte. Mehrere iranische Künstler machen vom Exil aus auf die Situation in ihrem Land aufmerksam. Eine davon ist die Konzeptkünstlerin Parastou Forouhar, die in Frankfurt lebt. Ihre Eltern wurden als Oppositionspolitiker ermordet. Forouhars Zeichnungen setzen sich mit Gewalt und Folter auseinander.

Der Leiter des Mülheimer Theaters an der Ruhr, Roberto Ciulli, hat Jahre lang Reisen des Enembles zu Theaterfestivals im Iran organisiert. "Weil in bestimmten Ländern politisch und diplomatisch keine Beziehungen geführt werden, darf nicht der kulturelle Dialog beendet werden." Gerade dort sollten Künstler gefördert werden. Grenzen des Dialogs sieht Ciulli aber schon: Dann nämlich, wenn es kein kritisches Publikum mehr gibt.

Auch in Weißrussland unter Diktator Alexander Lukaschenko müssen Kunstschaffende um ihr Leben bangen. Nach den Wahlen im Dezember wurden Demonstranten verprügelt und festgenommen, unter ihnen auch der Lyriker und Präsidentenkandidat Wladimir Neklajew, der Ende Januar dann wieder auf freien Fuß kam. In der Türkei werden immer wieder Journalisten festgenommen. Ein "schwarzes Jahr für die Pressefreiheit" nannte der türkische Journalistenverband jüngst 2011.

Es war auch Ai Weiwei, der stark mit der "Grünen Revolution" in Iran sympathisierte. Eigens für sie hatten chinesische Aktivisten eine Website eingerichtet. Anfang 2010 ging die Seite "cn4iran.org" (China for Iran) online. Ai Weiwei war einer der Unterstützer und twitterte oft über die Unruhen in Iran. Jetzt braucht er Beistand.

Maryam Schumacher und Esteban Engel, DPA DPA

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