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2016, du Arschloch - Roger Willemsen und die Angst vor dem kulturellen Leerstand

Und wieder ist ein Großer von uns gegangen. Roger Willemsen war einer der klügsten, die das Fernsehen zu bieten hatte. Doch es gibt viele andere brillante Köpfe. Wir sollten sie animieren, mehr zu tun. Drängt Euch auf!

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Micky Beisenherz: Roger Willemsen bei Gott

Roger Willemsen ist im Himmel

Ich liege nackt in meinem Hotelbett, esse Pringles und spül die Ibuprofen mit Pepsi light herunter. Aus den Kopfhörern streicht Ennio Morricone.

Mein Gott, jetzt klinge ich schon wie mein Freund Oliver Polak.

Auf dem Zimmer gibt es keine Minibar. Dafür einen Wasserkocher. Und einen Kiosk im Foyer. Das ist eines guten Hotels nicht würdig.
Mir bleibt allerdings keine Wahl, nachdem ich eine Einladung ins Borchardt ausgeschlagen habe. Als die Fünf-Minuten-Asia-Terrine auf dem Nachttisch zieht, bemerke ich, dass ich die Nudelplempe in meinem löffellosen Raum wohl direkt aus dem Topf werde saufen müssen. Das ist meiner durchaus würdig.

Okay. Anderer Beginn. "2016, Du dummes Schwein."

Schon besser. Ich fühle mich leer. Grau. Zu viele Abschiede. War dann doch ein bisschen viel Weggesterbe dieser Tage. Erst Lemmy, dann Bowie, jetzt Roger Willemsen. Von den anderen ganz zu schweigen. Legendexitus. Man hat fast den Eindruck, Gott will uns mit den Idioten allein hier unten zurück lassen.

Vielleicht liest Karasek da oben nur noch aus seinem Witzebuch vor- und Gott brauchte einfach nur jemanden zum Reden. Erklären kann man das ganze nicht.

Roger Willemsen. Warum geht mir sein Tod eigentlich so besonders nahe? (Hab ihn ja nicht mal gekannt und verdammt nochmal, ich hätte gerne mit seiner Bekanntschaft geprahlt.) Vielleicht, weil ich merke, dass dieser Krebs eben doch eine verdammt ernste Sache ist.
Als im letzten Jahr die Meldung von der Erkrankung kam, dachte ich doch, der steht ein halbes Jahr später wieder auf der Matte, und plötzlich: Gar nichts mehr.

Morgens noch das Wort "Steißschaukelei" in eine Kolumne eingebaut, schmunzelnd, weil ich den Begriff so toll fand, den er in einem Interview benutzt hatte - abends ist das plötzlich schon Erbschleicherei. Wenn dann noch jemand geht, der viel zu jung ist, dann aber auf so mitreißende Art flirrt, das Leben offenkundig liebt, erscheint es einem umso unwirklicher. Und einfach falsch.

Roger Willemsen beherrschte das Leichte im Schweren

Was ich an Willemsen unglaublich geschätzt habe, war dieses Leichte im Schweren. Dieser fast kindliche Spaß an Konversation - tief wie flapsig. Eine seltene Gabe, gerade in Deutschland, wo zwischen U und E ein Grenzzaun mit Schießbefehl zu sein scheint und sich Intellektuelle nicht entblöden, so zu tun, als hätten sie noch nie von "Big Brother" gehört. Eitelkeit schlägt Intelligenz. Immer.
Willemsen hat es geschafft, rechtzeitig die Kurve zu kriegen. Nie elitär, immer interessiert an allem und jedem. Er hätte sich vermutlich nicht mal erhoben über diejenigen, die sein Ableben bei Facebook mit sieben weinenden Smileys quittieren.
Für ganz besonders Dumme hatte er immer noch das Kompliment übrig, dass diese doch eigentlich "ein Geschenk" seien. Für Heidi Klum immerhin den Wunsch, "sechs Sorten Scheiße" aus ihr herauszuprügeln - "wenn es nur nicht so frauenfeindlich wäre". So einen muss man doch lieben.

Was für unglaublich kluge Sätze er uns hinterlassen hat. "Demokratie heißt: Jeder kann seine Überzeugungen haben, die Fakten werden schon mit ihnen fertig." Man möchte es Lutz Bachmann auf seinen Arsch tätowieren.

"Kein Rumbumser"

Dazu diese Lustbegabung. Ein wahrer Literat, über den eine Freundin schrieb: "Kein Rumbumser. Ein Kopfverdreher, der weiß, wie man Frauen mit wenigen Worten beglückt. Seine Komplimente sind eine Wucht, seine Briefe sind gold, jeder Moment mit ihm ein Geschenk." Und jetzt denken Sie an Dieter Bohlen. Eben.

Klar, da ist immer noch mein Freund Hubi. Der ist genauso. Nicht wie Bohlen. Gottseidank. Wie Willemsen.
So klug, belesen, witzig, warmherzig und im besten Sinne rabaukig. Es gibt sie also noch, die Guten.
Nur Hubi ist in dem Sinne nicht prominent. Außerdem rechnet der gerade etwas beunruhigt die drei, vier Jahre durch, die ihm noch bis zu den 60 bleiben.

Wo sind die ganzen guten Leute? Was mir wirklich zusetzt ist dieses dumpfe Gefühl, dass das Reservoir an Menschen, die wirklich was zu sagen haben, so langsam zur Neige geht und unsere Generation nicht in der Lage ist, das aufzufüllen. Wir rühren da gerade eine verdammt dünne Suppe an. Die Angst vor der intellektuellen Einöde, die mit jeder Bambi-Verleihung wächst.

Natürlich ist das ein zutiefst subjektives Empfinden. Dennoch: Ernüchterung ist alternativlos, wenn oben auf der Internetseite der Tod von Willemsen als Eilmeldung durchtickert, während darunter die fette News prangt: "Neue Runde im Instagram-Krieg zwischen Sylvie und Sabia". Meine ganze Hoffnungslosigkeit manifestierte sich in diesem Screenshot, wobei ich natürlich weiß: Ich sollte Äpfel nicht mit Dirnen vergleichen.

Das Internet war ein Tag ein Ort, den man schlauer verlassen hat

Ach, ich weiß es doch auch nicht. Dienstag war ich in der Buchhandlung. Es war mir fast peinlich, einen Tag nach dem Tod des Autoren ausgerechnet nach "Der Knacks" zu fragen. Das Buch war nicht da. Stattdessen "Bilder Deiner großen Liebe" von Wolfgang Herrndorf. Lebt auch nicht mehr. Hirntumor. Der Tod sollte kein Kaufimpuls sein, hilft aber ungemein. Es ist zum Kotzen.

Wenn das Dahinscheiden von Willemsen etwas Tröstliches hatte, dann, dass das Internet durch die ganzen geposteten Zitate und Filmschnipsel von ihm für einen Tag ein Ort war, den man tatsächlich mal schlauer verlassen hat.

Bei Bowie war es auch schön. Tolle Musik überall. Wie bei Glenn Frey oder Maurice White. Bei Lemmy habe ich viel gelacht. Vielleicht sollten wir die Guten ähnlich feiern, während sie noch leben. Die Kreativen. Die Klugen. Die Unbequemen. Ihre Songs posten, ihre Zitate teilen, ihre Filme hochleben lassen, ihre Bücher. Anstatt permanent belanglose Scheiße zu teilen oder sich gegenseitig in den Burn Out zu diskutieren.

Besser noch: Wir animieren die Schlauen, mehr zu schreiben, mehr aufzunehmen, mehr aufzutreten, sich überhaupt zu trauen, aufzutreten und die anderen an der eigenen Brillanz teilhaben zu lassen. Die ganzen Begemanns, Freverts, von Uslars, Stuckrad-Barres (sie müssen ja nicht sympathisch sein, nur gut!), Uhlmanns (beides geht aber auch), Bokelbergs, Sumuncus, Polaks, Steegs, Dalkowskis, Rützels, Tiegelkamps, Albers, Frieses, Thadeusz', Schumachers, Hoheneders, Rusts, Hassan-Nias, Baums, Wurms, Mettes, Lobos, Ruthes, Weises, Mannels, Mischkes, Zeiglers, Lamberts, Webers, Gruberts, Strunks, Vogelsangs und Haas' - der Ball liegt jetzt bei Euch. Drängt Euch auf. Macht einfach mehr. Tut irgendwas.

Ich hab keine Lust meiner Tochter später erzählen zu müssen, dass meine Generation nur noch Idioten und Langweiler hervor gebracht hat. Oder Hotels ohne Minibar.

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