Mobile Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere
Darstellung auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

Lagerkoller - Deutschland, wir müssen reden

Willkommensklatscher gegen Nazis: Nach den Vorfällen von Köln hat der Diskurs in Deutschland mächtig Schlagseite. Zwei Lager, ein Koller. Autor Micky Beisenherz wünscht sich eine Armlänge Anstand.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Köln

Nein, sie heißt keine Flüchtlinge der MS Ficki Ficki willkommen.

"Wissenschaftler haben herausgefunden: Alle bekloppt geworden." Okay, ganz so schlimm wie in dem formidabel guten Gag von Ralph Ruthe ist es wohl noch nicht. Sicher kann man sich da allerdings nicht mehr sein. 2016 ist schon jetzt ein leeres Versprechen. Zumindest, wenn es um Fortschritte im gesellschaftlichen Miteinander geht.

Das betrifft zum einen explizit das, was auf dem Kölner Bahnhofsvorplatz geschehen ist. Aber auch, wie damit umgegangen, diese ganze miese, ekelhafte Angelegenheit gedeutet und besprochen wird. Der Diskurs hat mächtig Schlagseite - und wieder einmal scheint es kaum mehr möglich, über die Vorfälle vom 31.12. zu sprechen, ohne dass sich Willkommensklatscher und Nazis unversöhnbar gegenüberstehen. Zwei Lager. Ein Koller.

Die MS Ficki Ficki legt nicht ab

Eigentlich wähne ich mich irgendwo in der Mitte. Eigentlich. Der Türsteher zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Vermutlich bin ich links. Deshalb wehre ich mich nach wie vor vehement gegen diejenigen, die die Kölner Silvesternacht mit einem selbstzufriedenen "Wir haben es Euch ja gesagt" als letztgültigen Beweis der gescheiterten Flüchtlingspolitik erklären wollen.

Ich wehre mich dagegen, so zu tun, als würden in Alexandria alle halbe Stunde Partyboote ablegen, damit die MS Ficki Ficki rechtzeitig zum Petting-Flashmob in deutschen Großstädten ankommt. Tut mir leid, das ist mir zu einfach. Nein, es kommen nicht nur Ärzte und Architekten. Genauso wenig, wie nur Vergewaltiger, Terroristen und Höhlenmenschen kommen.

Derzeit wuchern die Vorurteile der anderen so laut und heftig, dass ich vor lauter Mähen kaum noch dazu komme, meine eigenen zu hegen und zu pflegen. Es ist aber leider auch nicht damit getan, permanent das Beispiel Karneval oder Oktoberfest heran zu ziehen, um zu zeigen, dass auch Deutsche traditionell in der Lage sind, sich wie ein Haufen unterkoitierter Bonobos zu verhalten. (Was sie zweifelsohne sind.)

"Bild" und "Focus" unterbieten sich gegenseitig

Oder - um die "Bild" zu zitieren - wie ein "Sex Mob". "Sex Mob"! Die Redaktion war sicher froh, diesen Begriff endlich ejakulieren zu können. Ganz zu schweigen vom "Focus", der sich nicht entblödete, mit dem vermutlich rassistischsten und sexistischsten Cover des Jahres sämtliche nach unten offenen Niveau-Skalen zu durchbrechen.

Man spürt förmlich, was im Konferenzraum abgelaufen sein muss: "Leute. Wie stellen wir am besten die Sexismus-Problematik dar?" "Lass uns doch 'ne geile Olle nehmen!" "Das isses!" "Und lass noch ein paar dunkle Fingerabdrücke nehmen, weil der Neger sie angegrabscht hat."

"Focus". Eine unappetitliche Kleingeistpostille, die seit Monaten nichts anderes macht, als Ressentiments zu schüren ("was uns die Flüchtlingskrise kostet") und im Flieger sogar dann liegen bleibt, wenn alternativ nur noch die "Super Illu" griffbereit ist.

Erstaunlich, wer sich plötzlich alles um die Unversehrtheit des weiblichen Geschlechtes sorgt. Typen, die jahrelang im Vereinsheim herzhaft gelacht haben, wenn mit Frauenbewegung sowas wie Doggystyle oder Missionarsstellung gemeint war. Zwischen "die Ausländer kommen, um deutsche Mädchen zu vergewaltigen" und "die Scheißemanze müsste nur mal richtig durchgebumst werden" liegen lediglich ein paar Stunden Kölner Bahnhof.

CSU im Schweinekartell

Dass das "Bild"-Pin-Up-Girl Alice Schwarzer sich jetzt in die Debatte einschaltet - geschenkt. "Focus". "Bild". Man wünscht sich, dass das mit dem "Schweigekartell" von manchen konsequent durchgezogen würde. Dass ausgerechnet die CSU mit eben diesem vermeintlichen Konglomerat von professionellen Vertuschern in denselben Jargon verfällt wie AfD oder Pegida, verwundert ob der geistigen Verwandtschaft wenig. Das Schweinekartell.

Da, wo tatsächlich falsch berichtet, Relevantes weggelassen wurde, um die Stimmung nicht unnötig weiter anzuheizen, muss man sich allerdings im Klaren darüber sein, dass man genau das Gegenteil von dem erreicht (hat), was gewünscht war: Man spielt den Rechten in die Karten, die als Verkaufsargument anführen, die einzigen zu sein, die im geliebten Vaterland die Wahrheit sagen (wollen und es nicht dürfen). Wer kein Öl ins Feuer gießen will, sollte dennoch melden, wenn es brennt.

Nehmen wir die Vorkommnisse der Silvesternacht doch als Anstoß, offen darüber zu diskutieren, inwieweit es männliche Bevölkerungsgruppen gibt, die tatsächlich ein anderes Verständnis von Emanzipation, zivilisiertem Miteinander, ja, auch Antisemitismus und dem Gelten des Grundgesetzes haben. Denn, scheiße ja, die gibt es. Sei es, weil sie in ihren Herkunftsländern mit anderen Maßstäben erzogen wurden. Sei es, weil ihre Peer Groups hierzulande anders ticken. Sei es, weil die viel bemühte Integration bei ihnen einfach komplett versagt hat.

Reden wir darüber, dass wir keine Flüchtlings-, sondern vornehmlich eine Verwaltungskrise haben. Über die offenkundigen Probleme der Polizei, sich Respekt zu verschaffen und Recht und Gesetz durchzusetzen. Möglicherweise ist die deutsche Justiz auch zu lasch. Zu harmlos. Die Täter von Köln jedenfalls lachen in gleicher Lautstärke wie die von Freital. Nichts scheint sicher dieser Tage, außer: Polizist will keiner sein gerade.

Asoziales Gebaren keine Frage von Nationalität 

Aus den Vorfällen von Köln, Hamburg oder Stuttgart das generelle Scheitern der Integration abzuleiten, ist genauso schlau, als wolle man wegen der Rechtsradikalen im Osten die Einheit annullieren. Nur, bevor sich einer bequem zurück lehnt: Die westdeutschen Behämmerten, die sich unlängst in Köln zusammen gerottet und die Polizei belagert haben, sind natürlich nicht besser. Beweisen sie ganz nebenbei eindrucksvoll, dass asoziales Gebaren keine Frage von Nationalität ist.

"Wo ... wo ... wo wart ihr Silvester?" Klingt ja schon wie ein Ballermann-Hit. Die große Sex-Mob-Hymne. Dass ausgerechnet Nazis dann noch mit "Polen- Böllern" werfen - eine bittere Pointe. Die entfesselte Horde der Kölner Silvesternacht ist genauso abstoßend wie das Pack von Tröglitz und die immer stärker aufkommenden Rotten von Rechten, die sich genötigt sehen, selbständig für Recht und Ordnung zu sorgen.

Köln ändert gewiss nicht alles.  Der 31.12. 2015 ist nicht der tragische Schlusspunkt einer von Grund auf falschen Idee der Willkommenskultur. Das Datum ist allerdings ein guter Anstoß, sich eingehend mit Menschen zu befassen, die offenkundig Probleme haben, sich an unsere zivilisatorische Richtgeschwindigkeit zu halten. Keine Toleranz den Intoleranten.

Deutschland hat in den vergangenen Jahrzehnten Phantastisches geschaffen. Gesellschaftliche Errungenschaften wie Säkularität, Fremdenfreundlichkeit, Gleichbehandlung der Geschlechter - das sind Dinge, von denen wir keinen Zentimeter und schon gar keine lächerliche Armlänge abrücken dürfen. Frauen sind keine Schlampen. Juden gehören nicht ins Gas. Religion ist ein schönes Hobby. Mehr nicht.

Zu unseren Errungenschaften allerdings gehört eben auch der vernünftige Ton, in dem wir miteinander über den derzeitigen Zustand unserer Gesellschaft reden. Frei von Hass, Polemik, Selbstgefälligkeit. Oder als Mob, der die anderen - wenn auch nur verbal - vergewaltigt.

Ich will einfach nicht akzeptieren, dass wir allesamt ein hysterischer Haufen sind, der erst alle Ankömmlinge frenetisch beklatscht und beim Fehlverhalten einzelner Scheißtypen wutentbrannt alle Flüchtlinge wieder wegschicken will. Vielleicht mangelt es uns an Grips. Vielleicht aber auch an einer Armlänge Anstand.

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools