Rotbäckchen fährt nach Oslo

13. März 2010, 08:52 Uhr

Eine Überraschung blieb aus, Favoritin Lena Meyer-Landrut machte bei "Unser Star für Oslo" das Rennen. Knapp wurde es dennoch. Vielleicht auch, weil Jennifer Brauns Song merkwürdig vertraut klang. Von Ingo Scheel

Unser Star für Oslo, Lena Meyer-Landrut, Jennifer Braun, Eurovision Song Contest, Usfo, Stefan Raab

Lena Meyer-Landrut hat sich im Finale von "Unser Star für Oslo" durchgesetzt©

Eine neue Nicole?" fragte stern.de am Tag nach der ersten Show vor einigen Wochen, jetzt ist diese Frage von der Siegerin selbst mit "Ja, verdammte Scheiße!" beantwortet worden. Lena Meyer-Landrut, die sich bereits damals "so hart freute", konnte sich in der Finalshow von "Unser Star für Oslo" kaum wieder einkriegen, als feststand, dass sie Deutschland mit dem Song "Satellite" beim Eurovision Song Contest vertreten wird.

In der Entscheidungsshow, die zum Abschluss der Vorentscheid-Sause in der ARD 4,5 Millionen Zuschauer guckten, wurde den Finalistinnen Lena und Jennifer einiges mehr abverlangt als in den Sendungen zuvor. Nicht nur der vermeintliche "Star für Oslo" sollte gefunden werden, sondern dazu auch gleich noch der passende Song. So gab es diesmal weder zerspielte Cover-Classics von Frau Braun noch abseitiges Indie-Zeug von Lena Meyer-Landrut, stattdessen wurden ganz neue Kompositionen gesungen.

Oslo oder Stockholm - Hauptsache Norwegen

Die Juryplätze neben Stefan Raab, auf der Zielgeraden seines Unternehmens "USFO" fast aufgeregter als die Kandidaten, besetzten Jennifer-Double Stefanie Kloß von Silbermond und der deutsche "Godfather of Soul", Xavier Naidoo. Der zeigte sich ähnlich eso-emotional wie seine Vorgängerinnen Nena oder Anke Engelke und wollte vor allem eins: berührt werden. Während die Jury ihren Job also leidlich souverän erledigte, griff Sabine Heinrich gleich zu Beginn daneben, verlegte die Moderatorin den Ort des Finales Ende Mai doch mal eben nach Stockholm. Was soll's? Oslo oder Stockholm - Hauptsache Norwegen. Das dachten sich auch die beiden Finalistinnen und lieferten, Ex-Juror König Boris hätte seine Freude gehabt, im Dienste der Sache gewohnt "geil" ab.

Schien der erste Song "Bee", ein sommerlicher Popsong, aus dem ohrwurmigen Koordinatensystem "Lemon Tree", Jack Johnson und Biene Maja, noch Lena auf den Leib geschrieben, wurde das Rennen mit dem zweiten Song, "Satellite", dann wieder offener. Nicht zuletzt auch deshalb, weil er von beiden in jeweils verschiedenen Versionen "performt" wurde. Das kam dann dem "Approach" und der "Appearance", wie der beseelte Sohn Mannheims es nannte, durchaus entgegen und bot Raum für individuelle Stärken. So brachte Jennifer Braun das Stück als groß angelegte Power-Ballade anglo-amerikanischer Prägung, während sich Lena den Song in einer schnelleren Version flugs zu eigen machte und ihn mit Sprechgesang und Tonverbiegungen in eine Reihe mit ihren Coversong-Beiträgen stellte.

Mit Track Nummer drei gab es dann, so das Prozedere, unterschiedliche Songs. Lena trat mit Raabs Eigenkomposition "Love me" an, zu dem die Hannoveranerin selbst den Text verfasst hat. Jennifer Brauns Wahl fiel auf "I Care for You", einen treibenden Funktrack mit großem Refrain, an dem Max Mutzke mitgearbeitet hatte. Das anschließende erste Zuschauervoting bestimmte dann den jeweiligen Siegersong. Für Lena wurde es "Satellite", komponiert vom Dänen John Gordon und der US-Amerikanerin Julie Frost.

Jennifer Braun punktete mit ihrem eigenen Favoriten, der beim Publikum beinahe so euphorische Reaktionen hervorrief wie sonst nur Lena-Ausführungen über Lippenstift mit Mezzomix-Geschmack. Vielleicht auch deshalb, weil er nicht nur eingängig, sondern auch merkwürdig vertraut klang. Mag es für Jennifer Braun noch so schade sein, der ARD bzw. Raab bleiben durch ihre Niederlage möglicherweise Komplikationen erspart. Man weiß nicht, wie viel Spaß der Songschreiber von Earth, Wind & Fires "September" wohl versteht, sollte ihm jemals "I Care for You" zu Ohren kommen.

Lena völlig aufgelöst

Verstehen konnte auch Lena nicht, die Welt nämlich, als nach dem zweiten Zuschauervoting des Abends feststand, was sich seit Wochen abgezeichnet hatte: Die 18-jährige Abiturientin aus Hannover vertritt Deutschland beim Eurovision Song Contest in Oslo. Völlig aufgelöst, mit knallroten Wangen und Tränen im Gesicht, versuchte sie am Ende Haltung zu bewahren, was ihr kaum gelang. Und dann musste sie zum Abschluss auch noch singen. Vergass Textzeilen des Siegersongs, improvisierte wirr und machte im Instrumentalteil ihrem Herzen endlich Luft: "Verdammte Scheiße!" brachte sie ihr Gefühlsleben lautstark auf den Punkt. So funky-fäkal ist Deutschland wohl noch nie zum Grand Prix gefahren.

"Wunder gibt es immer wieder" sang Katja Ebstein einst und warum sollte es 2010, gegen "Scha-La-Lie"-Käse aus Holland, Trachtenmurks aus der Slowakei und segelohrige Ross-Anthony-Doubles aus der Schweiz nicht mal wieder für eine einstellige Platzierung reichen. Die letzte Lena, die für Deutschland startete, hieß mit Nachnamen Valaitis und belegte 1981 mit "Johnny Blue" den zweiten Platz. So "verdammt derbe" weit oben muss es ja vielleicht nicht gleich sein, aber "Germany: Twelve Points. L'Allemagne: Douze Points. Deutschland: Zwölf Punkte" würde man nicht zuletzt Fräulein Meyer-Luftsprung das eine oder andere Mal wünschen.

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KOMMENTARE (10 von 67)
 
mantrid (15.03.2010, 12:52 Uhr)
Lass krachen Lena
Das Lena singen kann, hat sie bei "Mr. Curiosity" gefühlvoll bewiesen. Jennifer hat sicher wesentlich mehr stimmliche Möglichkeiten. Ich habe den Eindruck, dass Jennifer sich den Liedern anpasst, während Lena die Lieder an sich anpasst, das ist eine Frage der Philisophie., was man besser findet.

Peinlich finde ich manch dummen Kommentar, z.B. den mit der Diplomatenfamilie. Wenn es so wäre, dann hätten wir dank diplomatischer Beziehungen das Ding ja schon im Sack.

Im Ernst, bei Lena stimmt das Gesamtpaket, sie fällt auf, polarisiert sogar (siehe diese Diskussion) und nur so hat man eine Chance bei ECS. Lordi hätten bei einem Wettbewerb mit Schwerpunkt auf kultureller Erbauung, wohlgefälligen Klangteppich und optischer Schönheit wohl kaum gewonnen. Die Leute lieben die Abwechselung und da ist Lena eine Granate.
Thalkirchner (15.03.2010, 12:51 Uhr)
meckern wichtiger als siegen
ich kann mein schmunzeln nicht verhehlen, wie es sinnbildlich für so viele öffentliche themen auch hier vorgeführt wird.

die demontage anderer sowie persönlicher verbaler aggresionsabbau sind das einzige woran gedacht wird. wir schimpfen über osteuropa, dsds und sowieso allem was nicht ausschliesslich einem selbst gefällt. wie soll denn bei soviel eigenem hass und anfeindungen ein gemeinsamer sieg entstehen?
daran hat niemand anderes schuld ausser unserer kollektiven unfähigkeit gemeinsinn, akzeptanz und freude zu empfinden.

ich freu mich auf den GP und glaube das wir eine gute chance haben ehrenvoll dort zu bestehen
rossini (15.03.2010, 00:09 Uhr)
Schiebt Lena an !!!
@Ancksunamun
Ich muss dir Recht geben. Das ist ja leider für unser Land typisch. Ok, Geschmäcker sind verschieden, ich habe für das dritte Lied angerufen, meine Frau für Jennifer Braun. Übrigens sind wir bei Beiden anfangs nicht durchgekommen.
Aber die Miesmacherei geht mir ziemlich auf den Sender. Die Sendung war im Vergleich zu DSDS oder Popstars eine Wohltat. Die jungen Sänger/innen waren teilweise um Längen besser als bei der Konkurenz. Und Lena hatte bestimmt nicht die beste Stimme aber durch ihre Art und Ausstrahlung ist sie für mich eine Chance in Oslo. Und jetzt ist sie nunmal Diejenige, die es reißen muss und wir sollten sie anschieben! Durch ihre teilweise wirre, durchgeknallte und bezaubernde Unbekümmertheit hat sie gewonnen, ist doch klar. Sie hat bei vielen in kurzer Zeit die Herzen erobert!
Lena fährt nach Oslo ... PUNKT! Ich kann das genöle echt nicht mehr ab. Ich und scheinbar viele Andere fanden sie geil. Akzeptiert das und drückt ihr und uns die Daumen
Ella01 (14.03.2010, 23:17 Uhr)
@Ancksunamun
- Dass die Anrufe für Lena durch kamen, hat doch keiner bezweifelt! Sieht man am Ergebnis.
-Alle "Deutschen"? ... wer schreibt denn so was?
- Manipulation? Pannen reichen völlig damit jemand schlechte Karten hat. Dazu muss man keine Verschwörungstheorien bemühen. Kommt auch immer blöd. Aber: Es berichten einfach zu viele von der stets besetzten Leitung. Geringe Kosten für einen Anruf und die Chance, ein Auto zu gewinnen, da wählt man gerne mal seine Eurovisionshymne ( ... das wäre eine gewesen).

Übrigens: Was war denn eigentlich mit diesen Leuten am Mischpult los?
Wer live spielt kennt das: junge unerfahrene Mischer? eingeschränktes Hörvermögen nach jahrelanger Beschallung? und/oder die drei Weizen zu viel? oder mehr? - Aber doch nicht in dieser Liga!

Übrigens, die Kandidatin soll nicht zu einem Kultur-Nachwuchs-Festival und das war auch kein Wettbewerb um einen Moderationsjob. Hat Herr Raab denn vergessen, wohin er die junge Frau schicken will? Ah, Antwerpen. Will er dem Contest ein Stück Kultur zurück geben? Wad hadda dann?
Egal, er bleibt in jedem Fall ein Sieger. Seine Platzierung wird sie ja eher mal nicht erreichen.
Aber womöglich heißt es hinterher "Schlagt den Raab".
Xennia (14.03.2010, 21:45 Uhr)
Vitamin B?
Meyer-Landrut - ist das nicht eine bekannte Diplomatenfamilie?! Hat ihr der Name zum Sieg verholfen?
Ancksunamun (14.03.2010, 18:05 Uhr)
:)
@rynaldo: Sehr erwachsen! Wenn man keine Argumente hat sagt man einfach mal Sätzte wie "Du bist doof!" oder eben "Ich hasse Menschen die Wörter wie gevotet benutzen" Sorry, das ist Kindergarten.

Manipulation? Die letzte Show fand im ARD statt, schreibt doch mal einen Beschwerdebrief. Das könntet ihr vielleicht behaupten, wenn die Show auf einem privaten Sender ausgestrahlt worden wäre, aber wohl eher nicht beim staatlichen Fernsehn.

An alle die meinen, sie wären telefonisch nicht durchgekommen: Blödsinn!!!
Ich hab angerufen und SMS geschickt. Und obwohl Lena gewonnen hat, bin ich auch durchgekommen und für sie haben ja anscheinend noch mehr Leute angerufen.

An alle die hier alles schlecht reden: warum habt ihr euch das überhaupt angeschaut, und warum verbringt ihr jetzt so viel Zeit damit euch so dermaßen drüber aufzuregen?!
Noch dazu hättet ihr euch doch auch selbst bewerben können, wenn ihr immer so dermaßen "gescheit" seid und alles besser wisst und könnt.

Ich bin froh über alle Lena-Fans und über die Platzierungen in den Downloadcharts. Aber gut, wir wissen ja jetzt dank einiger Kommentare, dass sie niemand hören will und dass alles nur manipuliert ist und das Ergebnis nicht die Meinung der Mehrheit der Deutschen entspricht.... -.-

nixehamburg (14.03.2010, 17:46 Uhr)
bitte kein musiker-bashing
Lieber Ingo Scheel, haben wir's denn wirklich so nötig? Ich bin auch ein sehr großer Lena Meyer-Landrut-Fan. Aber müssen wir deshalb hochnäsig auf andere Musiker herabsehen? Zum Beispiel auf einen wunderbaren Chansonnier namens Michael von der Heide, der alles andere als ein Double ist und schon gar nicht das von Ross Anthony und wenn man jetzt auch noch mit der Beschaffenheit seiner Ohren gegen ihn vorgeht, zeigt sich der Deutsche ja schon wieder ganz von seiner miesesten Seite. Und dabei haben Sie die Beleidigungen über den Schweizer Michael von der Heide auch noch vom Moderator Öpdendövel oder wie immer der nun heißt, abgeschrieben und sich nicht mal selbst ausgedacht. Alles ganz pfui, und Lena hat solche hochpeinliche Vorabdiffamierung ihrer internationalen Kollegen ganz bestimmt nicht nötig. Hören Sie sich die letzte CD von Michael von der Heide an, dann werden Sie nämlich sehr rote Ohren bekommen, wenn sie an ihre öffentliche Schmähung denken.
Mopar (14.03.2010, 14:10 Uhr)
@ berns4000
Warum Stefan Raab die untalentierte und fürchterlich schlecht singende Lena unter Vertrag nimmt, und nicht die "elfengleiche" Jennifer, die jeder liebt, kannst Du uns sicher auch logisch erklären, oder nicht?
Mal ernsthaft, was sollen denn immer diese albernen Verschwörungstheorieren? Kann man nicht einfach mal eine Tatsache als solche hinnehmen?
Benkku (14.03.2010, 12:42 Uhr)
@berns4000
"Es fällt zunehmend auf, dass im Stern Leute über Dinge schreiben, die sie nicht verstehen. Egal, ob über Fotografie oder Musik."

... oder Typografie. Ganz meiner Deinung. Schauen Sie sich doch einmal deren stümperhaftes Online Layout-Design an.

Insgesamt kann ich Ihnen zu Ihrem Beitrag nur zustimmen. Zu Stefan Raab wäre zusagen: Er hat sie nicht oder nicht mehr, die Musik. Die Musik ist ihm abhanden gekommen. Seine Musik ist leblos. Das habe ich bei Jazzern erlebt, die auf den dummen Gedanken kamen, sich ein Kontaktmikrofon an ihre Kanne zu schnallen. Ihre Musik klang auf einemmal synthetisch steril.
berns4000 (14.03.2010, 10:39 Uhr)
Hallo "schade77"
Das ist kein Wettbewerb, um redegewandte oder sonstwie begabte Leute zu finden, sondern es geht um einen Song und es geht um die beste Sängerin oder den besten Sänger.
Wichtig ist allein, wie das Lied "rüber- und ankommt". Das ist bei Lena total daneben, da nützen alle Lobhudeleien des Herrn Raab nichts. Der hat doch nur ein Ziel: Seinen Song mit "seiner" Sängerin, die er wahrscheinlich bereits unter Vertrag hat, zu platzieren, damit er sein Konto mit den zu erwartenden Einnahmen weiter füllen kann. Nur ist sowohl sein Song schlecht (Ich bleibe dabei, der Mann hat Null Ahnung von Musik) als auch die Sängerin Lena ist völlig unbegabt. Ausser ihrem hübschen gesicht hat sie nichts zu bieten. Das ist zu wenig. Die Stern-Redaktion vergleicht Lena mit Nicole. Das beweist, dass auch die oder der Schreiber des Stern keinen blassen Schimmer von Musik versteht.
Es fällt zunehmend auf, dass im Stern Leute über Dinge schreiben, die sie nicht verstehen. Egal, ob über Fotografie oder Musik. Warum beschäftigt der Stern nicht Redakteure, die das Fach studiert oder gelernt haben? Ich finde es nämlich peinlich, das so eine bedeutende Zeitschrift Beiträge bringt, die solche Mißstände zeigen.
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