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Interview

Festival-Gründer Jensen: "Für mich war Wacken zu viel Ballermann"

Thomas Jensen organisiert seit 28 Jahren das Wacken Open Air. Im Gespräch mit dem stern spricht er über die Herausforderungen der Festival-Planung, über die Gagen von Bands, den angemessenen Ticketpreis und das Nachwuchsproblem im Metal.

Thomas Jensen organisiert seit fast 30 Jahren das Wacken Open Air und machte es zu einem der größten Metal-Festivals der Welt.

Thomas Jensen organisiert seit fast 30 Jahren das Wacken Open Air und machte es zu einem der größten Metal-Festivals der Welt.

An 360 Tagen im Jahr ist Wacken ein kleiner, beschaulicher Ort in Schleswig-Holstein. 1800 Einwohner leben hier, es gibt einen kleinen Supermarkt und eine Feuerwehr. Doch jedes Jahr am ersten August-Wochenende wird die Idylle  unterbrochen: Dann fließt das Bier in Strömen, der Boden bebt von drückenden Bässen. Aus Wacken wird das Wacken Open Air, eines der größten Metal-Festivals der Welt.

Verantwortlich dafür sind seit 28 Jahren und Holger Hübner. Sie machten aus einem Dorffest mit ein paar Hundert Besuchern ein weltweit bekanntes Event mit 75.000 Menschen. Im kommenden Jahr findet das Festival zum 29. Mal statt. Der stern hat mit Thomas Jensen über die Organisation eines Festivals gesprochen, über die Preisgestaltung und die alljährliche Herausforderung, große Bands im August nach Norddeutschland zu locken.

Herr Jensen, 2014 war das Wacken Open Air nach nur 12 Stunden ausverkauft. Jetzt gibt es nach zwei Monaten noch Tickets. Woran liegt es?

Die ganz schnellen Ausverkäufe waren eine Ausnahme. Wir haben viel gegen den Schwarzmarkt gemacht, und natürlich hatten wir drei Jahre schlechtes Wetter. Generell sind wir aber nicht unzufrieden. Diese schnellen Sold-Outs waren ein Geschenk der Fans.

Einen konkreten Grund gibt es also nicht?

Wer versucht, das eindimensional zu erklären, ist auf dem Holzweg. Es ist eine Kombination aus mehreren Faktoren: die erhöhte Sicherheitslage und natürlich auch dem Preis. Wir wissen, dass 220 Euro für ein Ticket ein Haufen Geld sind.

Gibt es eine Schmerzgrenze beim ?

Der wird nie aufhören, zu steigen. Die Frage ist eher, was man den Leuten dafür bietet. Wenn man sich anschaut, was ein Ticket für ein Fußballspiel kostet oder eine Fahrt im Riesenrad auf dem Jahrmarkt, finde ich, dass wir im Preis-Leistungs-Verhältnis gut mithalten können.

2006 kostete ein Ticket noch 80 Euro.

Ja klar. Man muss aber auch schauen, was seitdem passiert ist. Sicherheit ist einer der großen Kostentreiber. Die Löhne sind gestiegen, wir benötigen mehr Material wie Zäune, mehr Sicherheitskräfte, Kameras. Wasser und Strom werden teurer. Die Müllentsorgung. Es gibt nicht den einen Grund. Es ist nicht nur der Mindestlohn, der die Kosten nach oben schraubt.

Wacken Open Air 2017: Schlammkur für die Metal-Seele
Wellenreiten in Wacken: Während eines Konzerts der schwedischen Melodic-Death-Metal-Band Amon Amarth wird ein Fan beim Crowd-Surfing auf Händen getragen

Wellenreiten in Wacken: Während eines Konzerts der schwedischen Melodic-Death-Metal-Band Amon Amarth wird ein Fan beim Crowd-Surfing auf Händen getragen

Sondern auch die Bands?

Die Akzeptanz von ist in den letzten Jahren größer geworden. Bands wie Volbeat haben vor zehn Jahren ein Zehntel des heutigen Preises gekostet. Die Band füllt mittlerweile Stadien. Das ist toll, genau das wollen wir. Aber im Vergleich zu einer Hallenshow ist das Bandbudget bei uns knapper.

Viele Fans wünschen sich alljährlich große Namen wie Rammstein oder . Was kosten solche Kaliber?

Ich bin vertraglich verpflichtet, keine Summen zu nennen. Was hat der Fan denn überhaupt davon, wenn er weiß, was eine Band für eine Gage verlangt?

Neugier. Fußballfans interessieren sich ja auch für den Marktwert von Spielern oder Transfersummen. Aber dann fragen wir anders: Eine Band, die vor zehn Jahren 40.000 Euro kostete, was verlangt die heute im Durchschnitt?

Das kommt auf die Band und deren Entwicklung an. Die Fans denken immer, man kann eine Band kaufen wie ein T-Shirt im Katalog. Die Nummer läuft aber anders: Ich schicke ein Angebot an den Band-Agenten. Der schlägt das wiederum dem Management vor. Und dann dauert die Planung. Bei großen Bands wie Metallica sind das schonmal drei Jahre im Voraus.

Drei Jahre?

Bei Rammstein hat es fünf Jahre gedauert. 

Wenn ein Auftritt am Ende nicht stattfindet, hapert es dann am Geld?

Nein, gar nicht. Wir hätten die Kohle für eine Band, die unsere Fans sehen wollen. Aber es ist oft schwer, einen Termin zu finden. Beispiel Rammstein: Die spielen nur wenige, selektive Shows. Sie machen sich rar, erhöhen ihren Marktwert. Und es ist ein Riesenaufwand! Deshalb fand ich es auch fürchterlich, dass der Auftritt bei "Rock am Ring" ausgefallen war.

Über was für Summen reden wir bei Festival-Headlinern?

Häufig sechsstellig, im Wacken-Billing selten siebenstellig.

Das Geld muss erstmal verdient werden - etwa mit Sponsoren. Wie versuchen Sie den Spagat zwischen Kommerz und Kult zu bewahren?

Idealerweise schafft der Sponsor einen echten Mehrwert für die Besucher. Jägermeister hatte mal eine freischwebende Bar an einem riesigen Kran. Das fanden die Leute gut. Oder es müssen Marken sein, die zum Rock ’n’ Roll passen. Aber da wir schon so viel über Zahlen sprechen: Zehn Prozent unserer Kosten werden über Sponsoring gedeckt.  

Rammstein waren schon da. Welche Bands stehen auf ihrer Wunschliste noch ganz oben?

Metallica. Manowar. Kiss.

Und welche davon wird man mit hoher Wahrscheinlichkeit in den nächsten Jahren auf dem Wacken Open Air sehen können?

Ich hoffe alle.

Bei einigen wird es knapp. Manowar befinden sich schon auf Abschiedstournee. 

Erstmal wollen die ihre Tournee ausverkaufen. Aber wir hätten Bock drauf. Und sie sind auch eingeladen. Genau wie Metallica. Wir hoffen, dass es klappt.

Wenn Sie eine Band, die nicht mehr unter uns weilt, noch einmal buchen könnte - welche wäre das?

Motörhead. Das ist die Band, die nach wie vor der kleinste gemeinsame Nenner ist, der dieses Festival repräsentiert. Motörhead war auch unser erstes großes Konzert, das wir in Flensburg veranstaltet haben - auch wenn wir dabei viel Geld verbrannt haben.

Ein Blick zurück in die Wacken-Geschichte: 1996 buchten Sie die Böhsen Onkelz - und retteten so das Festival vor dem möglichen Ruin. 2004 trat die Band noch einmal auf. Jedes Mal mussten sie viel Kritik einstecken. Würden Sie die Onkelz noch einmal buchen?

Grundsätzlich ja. Die Band ist für mich Teil unserer Geschichte. Wir haben ihnen immer gedankt, dass sie uns 1996 die Chance gegeben haben. Aber die Band zieht jetzt 400.000 Leute an zwei Wochenenden. Aber wenn sie fragen würden, würde ich sagen: Ja klar!

Am Freitag haben Sie neue Bands für das kommende Jahr angekündigt, dabei handelt es sich um viele bekannte Gesichter. Ein häufiger Vorwurf der Fans lautet, dass man immer die gleichen Bands zu sehen kriegt - für immer mehr Geld.

Letztes Jahr hatten wir welche, die wir nicht kannten. Und die haben nicht abgeliefert. Ich bin kein Manson-Fan, deshalb war meine Enttäuschung gering. Die Judas-Priest-Show in Wacken vorletztes Jahr war dagegen mega.

Die "alten" Bands sind also eine sichere Bank. Einige befinden sich seit Jahren auf Abschiedstournee - die Scorpions etwa seit 2010. Wie geht man als Veranstalter damit um?

Zwiespältig. Aber bei den Scorpions freue ich mich, dass sie weitermachen. Hoffentlich spielen sie noch lange. Und wenn sie nix anderes zu tun haben und es ihnen Spaß macht …

Auch die werden nicht ewig touren.

Stimmt. Deshalb braucht der Heavy Metal Nachwuchs. Dafür haben wir den Metal Battle, die Wacken Foundation, ein Musik-Camp, wo 13- bis 17-Jährige die Chance haben, in einer Band zu spielen.

Wird es Ihrer Meinung denn überhaupt noch einmal ein neues Black Sabbath oder Metallica geben?

Nein. So etwas wie Black Sabbath wird es nicht nochmal geben. Ein neues Metallica vielleicht. Ich hoffe es. Die Musik muss lebendig bleiben. Wir haben da auch eine Verpflichtung.

Kommen wir zu einem anderen Vorwurf der Fans: Viele sagen, es gehe nicht mehr genug um die Musik.

Für mich persönlich war Wacken in den letzten Jahren zu viel Ballermann. Andere aus dem Team würden das verneinen. Die haben die entsprechenden Dinge ja auch gebucht. Und manchmal schießt man über das Ziel hinaus. Wir haben das aber zurückgeschraubt und die Marschrichtung lautet: weniger Ballermann.

2019 steht das 30. Jubiläum an. Wäre das ein guter Zeitpunkt zum Aufhören?

Holger und ich wollen auf jeden Fall weiter machen. Zum letzten Jubiläum habe ich gesagt: Bis in die Ewigkeit. Wir sind nach wie vor für alles offen.

Interview: Christoph Fröhlich

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