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16. Juni 2008, 11:30 Uhr

ARD und ZDF - Spartenprogramme für Senioren

Dass TV-Sendungen wie "Der Bergdoktor" und "Musikantenstadl" nicht gerade den Nerv der Jugend treffen, ist nichts Neues. Aber schalten junge Menschen überhaupt noch ARD und ZDF ein? Von Bernd Gäbler

Es gibt bei ARD und ZDF nichts, was in Stilistik und Aufbereitung den Interessen der jungen Altersgruppen entspricht© Colourbox

"Digital natives" - so nennt man junge Leute, die wie selbstverständlich bereits mit dem Computer aufgewachsen sind. In ihrer alltäglichen Mediennutzung verschieben sich die Prioritäten. Sie sitzen länger vor dem Computer als vor dem TV-Bildschirm. Sie chatten, surfen und mailen mehr als dass sie "zurückgelehnt" Serien, Shows oder gar Informationsprogramme im Fernsehen verfolgen. Die gesamte Sehdauer ist zwar in den Jahren von 2001 bis 2007 noch einmal um 8,3 Prozent angestiegen - für die Jugendlichen gilt dies jedoch nicht.

Das Gegenteil ist der Fall: In der Gruppe der 14- bis 19-Jährigen ist die durchschnittliche Sehdauer um 15,3 Prozent gesunken. Dennoch bietet das Fernsehen oft den Stoff für ihre Gespräche - auch wenn dies als Chat in der "social community" im Netz stattfindet. Das frei empfangbare Fernsehen ist nach wie vor das Massenmedium per se. Mit seinen Shows und Serien, Stars und Vorbildern prägt es Haltungen, moralische Einstellungen, Lebensstile und den kulturellen Habitus der Zuschauenden. Und das gilt für Alt und Jung.

Die Spaltung des TV-Marktes

Auch wenn öffentlich-rechtliche und private Sender in ihren Programmen unterschiedliche Akzente setzen, tatsächlich existiert ein einheitlicher TV-Markt. Insbesondere die "Zuliefer-Industrie" - also TV-Produktionsfirmen und Filmteams, ausgelagerte Redaktionen und Ideen-Schmieden - beliefert längst beide Abteilungen des dualen Systems.

Gespalten ist der einheitliche TV-Markt stattdessen entlang neuer Linien. Der Graben verläuft genau entlang der Altersgrenzen. Es gibt keine einzige relevante Sendung von ARD, ZDF oder den Dritten Programmen, bei der der Zuschauerschnitt unter 50 Jahren liegt. Bei politischen Informationssendungen, egal ob Magazine oder Talk-Sendungen, changiert das Durchschnittsalter der Zuschauer nicht selten sogar um die 60.

Traurig, aber wahr: Die "öffentlich-rechtlichen" Programme sind zu Spartenprogrammen für Senioren verkommen. Wenn man bedenkt, dass sie den Auftrag zur "Grundversorgung" der Gesellschaft mit Information, Bildung, Kultur und Unterhaltung haben und mit inzwischen jährlich etwa 7,3 Milliarden Euro gut alimentiert sind, muss die Frage nach der Legitimation gestellt werden.

Was schauen die 14- bis 19-Jährigen?

Besonders drastisch ist das programmliche Versagen für die ganz jungen Zuschauer - das belegt eine aktuelle Erhebung zur Fernsehnutzung Jugendlicher durch die Bayerische Landeszentrale für neue Medien: In der Alterskohorte der 14- bis 19-Jährigen schaffen es weder ARD, noch ZDF oder die Dritten auch nur die Fünf-Prozent-Hürde bei den Marktanteilen zu reißen. Mit 18,9 Prozent führt ProSieben vor RTL (15 Prozent), Sat1 (9,1 Prozent) und RTL II (7,9 Prozent). Selbst Vox (5,1 Prozent) liegt noch vor ARD (4,6 Prozent) und ZDF (4,1 Prozent). Die Reichweite - also das Verhältnis der Zuschauenden zur Altersgruppe insgesamt - für die Nachrichtensendung "heute" liegt bei 0,4 Prozent; die der "Tagesschau" bei 1,3 Prozent. Wenn Jugendliche überhaupt ein Informationsprogramm anschauen, dann "ProSieben Newstime", das es in dieser Zielgruppe immerhin auf einen Marktanteil von 18,8 Prozent bringt, oder "RTL aktuell" (12,9 Prozent Marktanteil).

In der Regel aber werden die klassischen Nachrichtensendungen weiträumig umschifft. Beliebt sind "GZSZ" und "DSDS", "Germany's Next Top-Model" und "Explosiv", "Alles was zählt" und "Unter uns", "Taff" und "Galileo", außerdem "Das Model und der Freak" sowie Stefan Raab. Hier sammeln die Kids und Teenies ihr Wissen über die Stars, Musikrichtungen und Modetrends. Sie leben wie selbstverständlich in einer multikulturellen Umgebung und lassen sich emotional bewegen. Durch Identifikation und Empathie wirkt diese TV-Unterhaltung wie eine Schulung ihrer sozialen Intelligenz. Dass man über alles reden soll, gehört zum "heimlichen Curriculum" fast jeder Sendung und Serie. Oft prägen sie auch die Konsum-Wünsche.

Das Versagen von ARD, ZDF und Dritten

Das öffentlich-rechtliche Programm, das vor über vierzig Jahren mit dem "Beatclub" Programmgeschichte schrieb, dann immerhin noch Musiksendungen wie "Formel Eins" aufbot oder in den Diskussionen "Live aus dem Alabama" TV-Talente hervorbrachte, bietet nichts mehr an, was Menschen, die dem "Ki.Ka"-Alter entwachsen sind, irgendwie interessieren könnte. Selbst für einen echten musikalischen Talent-Wettbewerb müssen Interessierte Stefan Raab einschalten.

Aus diesem Versagen resultiert ein keineswegs triviales Problem, das durch Bejammern einer angeblich desinteressierten und unpolitischen Jugend nicht zu beantworten ist. Zu Musik und Moden, Lebensstilen und Abgrenzungen zum Erwachsenendasein, zu moralischen oder gar politischen Fragen - vom Hunger in Afrika über Aids bis zum Klimawandel - gibt es nichts, was in Stilistik und Aufbereitung den Interessen der jungen Altersgruppen entspricht. Die Quotengier für ein "Mainstream-Programm" hat sie im Laufe der Jahre immer mehr zur Seite gedrängt.

Dabei geht es nicht um Jargon-Imitate oder das Nachäffen privater Formate, nicht um Konsumismus oder gar eine aufgesetzte Pädagogisierung des Programms. Gefordert wären Dialog, Kommunikation, Neugier, der Wille zu einem völligen Neubeginn. Sonst können sich ARD, ZDF und Dritte nur darauf verlassen, dass die Zuschauer ihnen schon zuwachsen werden, wenn sie erst einmal älter, gesättigter, etablierter geworden sind.

Wo bleiben die neuen Formate?

Nach Verzweifelung sah der Versuch der ARD aus, Bruce Darnell von ProSieben abzuwerben und ins eigene Programm zu implantieren. Natürlich ging das schief. Wichtig wäre Eigenes, wichtig wäre Geduld. Wie wäre es denn, wenigstens etwas zu versuchen zwischen "logo", das für Kinder geeignet ist, und "Polylux", das Rentnern gefiel, die ihre Enkel verstehen wollten?

Der WDR hat ein Experiment namens "Kanzleramt" rasch wieder gestoppt. Jetzt gibt es das Reportage-Format "Echtzeit", das, wie der nächtliche "Poetry Slam", auf jüngere Zuschauer zielt. Wer die Zahlen kennt, folglich darum weiß, wie sehr den öffentlich-rechtlichen Programmen ihre Legitimation wegbricht, kann sich nur darüber wundern, wie wenig Ideen am Mainzer Lerchenberg und in Hamburg-Lokstedt, am Kölner Appellhofplatz oder in München sprießen. Eigentlich müssten da gerade überall frische Programme erfunden werden.

Zur Person

Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags – das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.

Von Bernd Gäbler
 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
Boerdeman (17.06.2008, 16:53 Uhr)
Endlich spricht mal einer Klartext
Dieser Artikel spricht mir aus der Seele. Wir zahlen GEZ und die geben das Geld für die alte Garde aus. Zum Bespiel pumpen sie Millionen in "Wetten Dass" statt ein paar Stars wegzulassen und lieber der Rest vom ZDF zu verbessern. Oder jetzt bieten Sie auch noch für die Fußballrechte mit. RTL und der Rest bringen es für uns kostenlos. Sollen sie die Werbung doch ruhig mit Werbung zupacken, noch besser als das Heute Journal sehen zu müssen ..statt Halbzeitanalysen....
Luciano (17.06.2008, 12:25 Uhr)
@rafael
Die Jugendlichen heute SIND dümmer als früher. Das ist aber nicht deren Schuld. Schuld sind vor allem die Eltern, die es für selbstverständlich halten ihre Kinder ab dem Kleinkindalter vor dem Fernseher zu parken.
Verblödung ist eine logische Konsequenz aus zu umfangreichem Fernsehkonsum, dabei ist noch nicht mal das Programm entscheidend. Entscheidend ist, dass man sich berieseln lässt, anstatt selbst denken zu müssen (wie dies bspw. beim Lesen eines Buches der Fall ist).
Besonders aber wenn man die "Wissenssendungen" auf den Privaten, wie bspw. "Galileo" sieht, merkt man förmlich den eigenen IQ schrumpfen.
Es gibt auf den ÖR eine Menge interessanter Themen, (siehe die Sendungen auf Arte), nur interessieren die halt nicht die Jugendlichen. Will man denen Wissen vermitteln muss man es nämlich möglichst spannend und dramatisch verpacken. Da muss man dann schon einen Aiman Abdallah auf spannende Expeditionen schicken, der dann von geheimnisvollen Figuren Informationen bekommt, die in Wirklichkeit gar nicht geheim, sondern allgemein bekannt sind.
Was die Politikverdrossenheit angeht, gebe ich dir recht: Politik wird viel zu wenig in der Schule behandelt.
Dass aber deine mangelhaften Rechtschreibkenntnisse (und die SIND mangelhaft. "Zappen" schreibt man bspw. immer noch mit "pp" und auch "Diskussion" wird und wurde immer groß geschrieben) wirklich nur auf die - zugegeben misslungene - Rechtschreibreform zurück zu führen sind, wage ich mal zu bezweifeln.
starmax (17.06.2008, 04:31 Uhr)
hochinteressanter und wichtiger Artikel
der wirklich Nach- und Bedenkenswertes enthält. Weil ich nicht vorschnell urteilen will, nur soviel: Könnte es sein, daß sich hier die Segnungen von Parteiproporz und Sesselpuperei durch alle Instanzen so "segensreich" auf die Programmstruktur ausgewirkt haben ? Oder ist es auch der Gebühren-Automatismus....
RafaelK (17.06.2008, 02:41 Uhr)
Jugend zu dumm ?
Ich würde vorsichtig damit sein unsere Jugend als dumm abzustempeln. Ich selbst bin erst 20 Jahre alt und habe vieleicht nicht die Erfahrung wie andere hier, trotzdem weiß ich das man eine Bevölkerungsgruppe nicht in eine Schublade stecken soll oder kann.
ARD und ZDF werden (ohne sehr aufwändige und Teure Kampagne) nie die Jugend erreichen. Wieso ? Weil es keiner sieht! Es könnte die Beste Sendung der Welt auf ARD laufen und keinen würde es interessieren. Selbst beim "Zapen" schaltet keiner freiwillig auf ARD weil dort zu 90% nichts interessantes läuft. Viele Jugendlichen wissen wahrscheinlich erst seit der EM wo sie ARD auf ihrem Resiver einprogrammiert haben.
Ihr fragt euch warum sich keiner für Politik interessiert ?
Hm mal überlegen... in der Schule wird einem nur beigebracht wie man in ein gutes Unternehmen kommt. Wie man sich in einer Partei organisiert lernt man dort nicht.
Außerdem wird einem nur beigebracht was früher einmal war. Wenn man in der Schule versucht ein Aktuelles Thema anzusprechen, wirds abgewunken. Die Lehrer denken dabei eher an ihren strammen Unterrichtsplan als an die Bildung der Schüler. (Außer über Sex, Drogen, Aids, Urlaub usw. darüber wird natürlich gerne Diskutiert). Oft können unsere Lehrer selbst nicht über aktuelle Themen reden da sie sich lieber "Germanys Next Topmodel" als die Nachrichten angesehen haben.
Ein Jugendlicher soll interesse an der Politik bekommen ? Er soll mitentscheiden ? sowas lernt er nicht! alles was mit Politik zutun hat ist für ihn Vorgeschrieben! Dort hat er kein Mitspracherecht. Und das lernt er bei jeder Reform die die Politik für Schulen einführt. Er muss es hinnehmen, und von den lehrern hört er nur "Das kommt von den "Idioten" von oben, so wirds jetzt gemacht, keine diskussionen ich kann daran nichts ändern.
Und wenn ihr jetzt etwas an meiner Rechtschreibung auszusetzen habt, nach den Rechtschreibreformen wusste kein Lehrer wirklich wie was geschrieben wurde, also wurde uns alles durchgelassen. Ich hatte es bisher nicht wirklich nötig es zu lernen. Wobei jetzt die Frage wäre welche ist die richtige die man lernen soll...
utospatz (17.06.2008, 00:48 Uhr)
Ihr Trottel fühlt Euch sicher
dass ein 70jähriger Euer gefasel über das Alter sehen will?
So lange ich lebe ist mir niemals so viel Dummheit wie im deutschen Fernsehn begegnet!
Eigentlich müsste die ARD mir die Gebühren der vergangenen 30 Jahre zurückzahlen!
laui (16.06.2008, 23:51 Uhr)
Vom Seniorenalter noch weit entfernt, aber ...
...Nachrichten auf Pro7? Sat1, RTL?
Nein Danke! Stars, Musikrichtungen und Modetrends haben in einer Nachrichtensendung wirklich nichts verloren. Bei Nachrichten sind Tageschau/-themen und Heute(journal) immer noch unübertroffen. Und den Regionalnachrichten auf den Dritten (Landesschau, Abendschau, Hessenjournal etc.) haben die Privaten überhaupt nichts entgegen zu setzen.
Aber wer nur GZSZ schaut, der lässt auch Schröder oder Merkel für EU-Verfassungen etc. stimmen und ohne Wiederspruch seine Vorratsdaten speichern. Kein Wunder geht es mit uns bergab.
Gott sei Dank gab es jetzt die Iren. Die Franzosen und Hollender, als man sie noch um ihre Meinung fragte, hatten auch ihre Gehirn eingeschaltet.
Nur unsere Deutsche Jugend lässt sich das Hirn mit Hirnlosem am PC und TV zudröhnen.
peternicki (16.06.2008, 19:08 Uhr)
Spartenprogramme für Senioren
Aber - aber, wie kann der Stern ARD &
ZDF kritisieren? Beksanntlich nehmen sich die ÖR das Recht heraus, ALLES &
JEDEM - ob berechtigt oder nicht - zu kritisieren bis hin zu Diskriminierung(Biathlon!)NUR: Kritik an der eigenen Sache ist mit absoluter Sicherheit NICHT erlaubt!!!
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