. .
TV und Fernsehen
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
14. Januar 2010, 14:10 Uhr

"Ein Regisseur ist einem Hochstapler ähnlich"

In seinem neuen TV-Zweiteiler führt Dieter Wedel den Zuschauer in die glitzernde Partywelt eines Finanzjongleurs. Im stern.de-Interview spricht der Regisseur über das Leben in zwei parallelen Beziehungen, seine Begegnungen mit dem Millionenbetrüger Dieter Harksen - und verrät, wofür er Hochstapler bewundert.

Dieter Wedel, Interview, Gier

Regisseur Dieter Wedel beleuchtet in seinem neuen Zweiteiler "Gier" die Machenschaften eines Finanzbetrügers© DPA

Herr Wedel, gab es einen konkreten Anlass, sich mit der Karriere eines Finanz-Hochstaplers zu befassen? Die Legende sagt, es sei der Moment gewesen, da die Gerichtsreporterin der "Hamburger Morgenpost" ihren Bericht über den Prozess gegen den Millionenbetrüger Jürgen Harksen 2003 mit den Worten "Wedel, übernehmen Sie!" abschloss. Stimmt's?
Ehrlich, ich hatte bis dahin noch nie von Harksen gehört. Den Artikel haben mir Mitarbeiter gezeigt. Die Reporterin hatte den Prozess als äußerst amüsant empfunden und fühlte sich an Mehrteiler von mir erinnert. Daher ihre Aufforderung. Ich suchte damals nach einem Stoff, der es mir erlaubte, in möglichst humorvoller und spannender Weise mein Unbehagen an der Entwicklung des ersten Jahrzehnts im neuen Jahrtausend zu thematisieren. Immer mehr wurde nach dem Preis einer Sache gefragt und nicht mehr nach ihrem Wert. Alle schienen nur noch auf die äußere Verpackung zu achten. Ich glaubte, dass das irgendwann auf eine Katastrophe zulaufen müsse.

Vor sechs Jahren haben Sie Jürgen Harksen getroffen und befragt ...
Zuerst habe ich ihn in der Haftanstalt Fuhlsbüttel aufgesucht, dann erlaubte ihm die Anstaltsleitung, zu mir nach Hause zu kommen. Ein Fahrer musste ihn abholen und später wieder dort abliefern. Harksen hat sich gleich beschwert, dass er nur in einem alten Mercedes chauffiert wurde ...

Heute wirft Harksen Ihnen vor, Sie hätten ihn ausgenutzt und sein Leben verfilmt.
Ein Biopic hatte ich nie vor, davon war auch nie die Rede. Er hat mir damals gesagt, eine große deutsche Produktionsfirma wolle seine Geschichte verfilmen, da habe ich nur gesagt: "Na, dann machen Sie das, denn ich mache das nicht." Dann erzählte er mir von 400.000 Euro, die man ihm geboten hätte. Ich habe ihm erklärt, dass solche Summen bei mir ganz ausgeschlossen wären. Wir haben dann einen Vertrag geschlossen, hatten fünf ausführliche Treffen und Harksen hat ein durchaus großzügiges Informationshonorar von mir bekommen.

Aber Ihr Film ist schon von Harksens Gaunereien inspiriert?
Ich möchte mich von der Wirklichkeit inspirieren, aber meine Fantasie nicht zu sehr einengen lassen. Vielleicht gelingt es, über das Gefundene zu einer neuen Wahrheit zu finden.

Hatten Sie, als Sie das Drehbuch von "Gier" begannen, bereits die Form der Tragikomödie, mit Elementen des Possenspiels, im Sinn?
Nein, das wusste ich zu Beginn überhaupt nicht. Ich möchte nicht Gleise verlegen, ehe ich nicht weiß, wo der Bahnhof steht. Später habe ich auf Mallorca noch einen anderen Hochstapler kennengerlernt, der hatte seinen Anlegern ein Prozent Gewinn pro Tag versprochen. Auch er empfand wie Harksen nicht das geringste Unrechtsbewusstsein: Die Kunden hatten ihm ihr Geld doch geradezu aufgedrängt. Von dem stammt der Satz im Film, er sei das Opfer des riesigen Vertrauens, das ihm alle entgegen bringen. Er ist das Opfer! Da sind wir natürlich nicht weit von der Komödie entfernt.

Tatsächlich wirken die Anleger in "Gier" wie besonders fanatische Jünger ihres Rendite-Gurus Dieter Glanz.
Ja, wie in einer Sekte. Die laufen mit diesem erhebenden Gefühl herum, sie würden zu den Auserwählten gehören, die bald das Paradies sehen werden. Und entsprechend geduldig und leidensfähig verhalten sie sich, wie die Schafe.

Warum schalten diese Menschen so vollständig ihren Verstand aus?
Viele Betrogene, darunter durchaus clevere Geschäftsleute, haben mir gestanden, sie wollten nicht deshalb blöd dastehen, weil sie dauernd nachfragen. Da haben Sie wohl eine der Ursachen für die Weltwirtschaftskrise.

Der zweite Teil Ihres Films sieht aus wie in einem luxuriösen Straflager - beim ewigen Warten auf die ominöse "Auszahlung" vertreibt man sich die Zeit: Besäufnisse, Ehebruch, es wird gefeiert und getanzt, eine Polonäse um den Pool nach der anderen, mit dem Rattenfänger Dieter Glanz an der Spitze. Eine Zwangs-Party ohne Erlösung?
Aber immerhin an den schönsten Schauplätzen, die man sich vorstellen kann. Aber Sie haben Recht: Noch eine Finte, eine Verzögerung, eine Vertröstung, ein Bluff, eine Durchhalte-Rede, ein Heilsversprechen für die Zukunft. In der Wirklichkeit haben die Leute es neun Jahre geglaubt, neun Jahre! Da gibt es, wie auch jetzt im Film, eine Reihe von Menschen, die einfach nicht zugeben können, dass sie sich haben reinlegen lassen. Diese Scham schmerzt einige mehr als der finanzielle Verlust.

Zur Person Dieter Wedel gehört zu Deutschlands renommiertesten Fernseh-Regisseuren. Berühmt wurde er vor allem mit seinen aufwändigen Mehrteilern, darunter "Der große Bellheim" (1992), "Der Schattenmann" (1995), "Der König von St. Pauli" (1998) und "Die Affäre Semmeling" (2002). Wedel führt zwei parallele Beziehungen: Der Fachbegriff heißt "Polyamorie" - er bezeichnet Philosophie und Praxis offen und einverständlich gelebter Liebesbeziehungen zu mehreren Partnern. Dieter Wedel praktiziert diese oft misstrauisch beäugte Lebensform schon lange. Zu seinen wechselnden Begleiterinnen zählten auch Hannelore Elsner und Ingrid Steeger. Seit mehr als 13 Jahren ist Dominique Voland die Dritte in Wedels Langzeitbund mit Lebensgefährtin Uschi Wolters. Der zehnjährige Benjamin, dessen Mutter Frau Voland ist, ist das jüngste von Wedels insgesamt sechs Kindern.

  zurück
1 2 3
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
"Die Affäre Semmeling" Drei Mal im Leben

Sie sind "die Semmelings": Antje Hagen, 63, und Fritz Lichtenhahn, 69. Vor 30 Jahren spielten sie unter der Regie von Dieter Wedel zum ersten Mal das rührende, naive, so ganz normale Ehepaar Trude und Bruno Semmeling. mehr...

Verwandte Fragen

Sie kennen die Antwort? Beantworten Sie die Frage hier oder senden Sie selber eine Frage

 
stern testen, Serie sichern

Jetzt den stern inklusive der aktuellen Gesundheits-Serie testen! Jetzt sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (8/2012)
Whitney Houston