Passen lieblose Trash-Formate wie "Erwachsen auf Probe" und eine journalistische Allzweckwaffe wie Günther Jauch in ein Programmschema? stern.de-Kolumnist Bernd Gäbler fühlt der RTL-Programmstrategie auf den Zahn - und attestiert dem Kölner Sender einen Kreativitätsstau.

Günther Jauch oder "Erwachsen auf Probe - wohin geht die Reise von RTL© Jörg Carstensen/DPA; Frank Hempel/RTL
Krise. Tief durch die Krise waten zur Zeit alle Branchen, vor allem diejenigen, die von Werbung abhängen. Das privatwirtschaftlich organisierte Fernsehen ist das Medium für reichweitenstarke Werbung. Der tiefere ökonomische Sinn seines Programms liegt darin, der Werbewirtschaft zahlreiches und zielgruppengenaues Publikum zuzuführen. Jetzt rechnet selbst der Branchenprimus RTL bei den Werbeeinnahmen mit Einbußen von bis zu 20 Prozent. Auch ohne Ökonom zu sein, reicht die Phantasie aus, um zu ahnen, dass dies nicht allein mit ein paar Sparmaßnahmen hier und günstigeren Kalkulationen dort zu bewältigen ist. Das Programmangebot selbst wird von der Krise betroffen sein. Da gilt es, den Markenkern zu profilieren, das Angebot auf Highlights zu konzentrieren und alles daran zu setzen, nicht unter der Hand zum Billigheimer zu mutieren.
So formulieren aktuell viele Führungskräfte ihre Unternehmensstrategie. Welche Antworten wird RTL finden? In den nächsten Tagen wird RTL-Chefin Anke Schäferkordt der werbetreibenden Industrie mit einigem Tamtam und starken Worten ihr Programmangebot für das nächste Jahr vorstellen. Aus den Beobachtungen der letzten Wochen und Monate ergeben sich aber Fragen, die spätestens dann beantwortet werden müssten.
1. Was ist in Zukunft der Kern des RTL-Profils?
2. Wir wissen, was das Program in der Fläche ausmacht, aber welche Highlights sind geplant?
3. Will der Sender in Zukunft Ausreißer nach unten vermeiden oder damit spielen?
In den Anfangstagen wollte RTL-Chef Helmut Thoma vor allem Krawall machen und hat sich stets köstlich darüber amüsiert, wenn alle bereitwillig über die Stöckchen der Empörung sprangen, die er hinhielt. Mit dieser Strategie konnte er sich auf angestaute Sehbedürfnisse stützen und so tun als betreibe nur er ein Fernsehen für Zuschauer. Es entstanden Serien ("GZSZ"), gute Sport-Verträge (Formel 1), die ersten Talk-Shows und ein paar RTL prägende neue TV-Gesichter.
Schon sein Nachfolger Gerhard Zeiler verglich RTL lieber mit einer "Familienkarosse". "Ich bin mainstream" pflegte er selbstbewusst zu verkünden, schuf immer wieder überraschende Höhepunkte, neue Show-Ideen, jähe "Event"-Erfolge vom "Domino-Day" bis hin zu selbst produzierten Spielfilm-Highlights. Es entstand sogar so etwas wie eine eigene RTL-Handschrift bei populären Sitcoms und Serien ("Ritas Welt", "Mein Leben und ich"), eine neue Ästhetik des elektronischen Volkstheaters. Hinzu kamen eine solide Basis von Boulevard-Magazinen an Vorabend und Wochenende, der Einkauf von "Wer wird Millionär?" mit dem unermüdlich-sympathischen Günther Jauch, eine eigene Funktionsweise von "Information" mit den "Punkt"-Magazinen und Aufreger wie "Big Brother".
Anke Schäferkordt führte die bereits erfolgreiche Strategie erfolgreich fort. Eine etwas größere Rolle spielen dabei US-Serien - nicht selten sind es gerade die komplizierteren ("Dr.House", "Monk"), allerlei CSI-Erfolge und einige dem Krisengefühl angemessene Help- und Interventions-Sendungen wie "Raus aus den Schulden", "Rach, der Restauranttester". Erfolgreich blickt die "Supernanny" in die Abgründe überforderter Familien. Das „Dschungelcamp“ ersetzte "Big Brother". "DSDS" wurde zum soliden Quotenbringer. Ein Show-Highlight waren jene Show- und Quiz-Sendungen wie der große Tanzwettbewerb, bei dem sich zwar Heide Simonis, nicht aber RTL blamierte und "Der große Deutschtest", in dem Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff Seit' an Seit' mit Yvonne Catterfeld den Deutschen bürgerliche Tugenden beizubringen trachtete. Diese unterhaltsame Wendung ins Erzieherische passte wunderbar zum seriös-ironischen Hape Kerkeling, der noch einmal einen neuen TV-Höhenflug erlebte. Und es passte zu einem Sender RTL, der erwachsen geworden war.
Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat.1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.