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17. Oktober 2010, 21:45 Uhr

Lahme Achterbahnfahrt mit Tatverdächtigen

Lena Odenthal und Mario Kopper verbringen triste Tage im Freizeitpark: Ein Mädchen wird tot im Becken einer Wildwasserbahn gefunden. Die Kommissare haben viele Verdächtige und viele falsche Spuren. Hinzu kommen ein dicker Batzen Klischees und ein einfallsloser Plot. Von Swantje Dake

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Leichenfundort Wildwasserbahn: Mario Kopper (Andreas Hoppe) und Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) suchen Sandras Mörder© Peter A. Schmidt/SWR

Ein nostalgisches Karussell, eine Achterbahn und eine Hüpfburg - schlicht, einfallslos und klischeebehaftet ist die Kulisse für den Vergnügungspark, in dem der Tatort "Der Schrei" beginnt. Das Szenenbild zu Beginn ist charakteristisch für die Folge aus Ludwigshafen.

Ruth und Peter Fichter (Annika Kuhl und Roeland Wienekker) sind mit ihrer Tochter Sandra in einem Vergnügungspark, fahren Wildwasserbahn, kaufen der Kleinen mit den blondweißen Locken einen Luftballon, verleben auf den ersten Blick einen herrlichen Tag. Nach dem abendlichen Restaurantbesuch der Eltern ist Tochter Sandra aus dem Hotelzimmer verschwunden. Sie wird tot im Becken der Wildwasserbahn gefunden, erstickt, die Unterhose fehlt.

Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Mario Kopper (Andreas Hoppe) haben einen Strauß der üblichen Verdächtigen. War es die Mutter, die eifersüchtig auf ihr Kind war, weil ihr Mann das Mädchen wie einen Engel vergötterte? War es der Vater, der nach dem Restaurantbesuch noch einen Spaziergang machte? Welche Rolle spielt der Anwalt Werner Rahn (Jan Messutat), der sich den Abend vor seiner Hochzeit allein im Freizeitpark aufhielt? Der Hauptverdächtige ist aber Tom Heye (Fabian Busch). Ein smarter, junger Mann, der ebenfalls allein über Nacht im Hotel war. Und: Er hat bereits wegen sexuellen Missbrauchs im Gefängnis gesessen.

Zwei perfekte Tatverdächtige

Der perfekte Tatverdächtige verhält sich auch wie einer, reagiert panisch als ihn die Kommissare am Arbeitsplatz befragen, eilt nach Hause, versteckt einen Aktenordner, löscht hastig Dateien auf seinem Rechner. Heye wird vom Drehbuch (Harald Göckeritz) plump in Szene gesetzt. Auf einer Eisbahn pirscht er sich an ein junges Mädchen heran, fährt sie an, hilft ihr hoch, dreht mit ihr Runden. Wenig später taucht dieses Mädchen in T-Shirt und knappem Höschen in der Küche von Heyes Freundin auf. Es ist ihre Tochter - und Heyes Blick wird starr. Die Darstellung des nicht geheilten Kinderschänders wirkt doch sehr bemüht.

Die zweite Hauptverdächtige, Mutter Ruth, wird ebenfalls so stark überzeichnet, dass es fast schon eine Frechheit dem Zuschauer gegenüber wäre, wenn das Drehbuch ihr die Täterschaft zugeschrieben hätte. Ruth wirkt kalt und apathisch. Während ihr Mann in dem Hotelzimmer einen Altar aus Kuscheltieren für seine tote Tochter baut, will sie ihr Kind in der Pathologie nicht mehr sehen und kehrt nur widerwillig in den Freizeitpark zurück. Dort klettert sie auf die Achterbahn, will eigentlich gar nicht springen, aber erhält so Gelegenheit, von ihrer schweren Kindheit zu erzählen und Lena Odenthal hat die Chance, sie zu retten.

Vor lauter Klischees braucht es eine konstruierte Figur, die die Handlung zum eigentlichen Täter führt. Diese Rolle fällt einem nuschelnden, namenlosen Kroaten zu, der vollkommen unmotiviert in mehreren Szenen auftaucht. Er lenkt den Plot zum Täter. Doch auch die Identifizierung des Mörders ist eine Enttäuschung – unspektakulär und unlogisch.

Handlungsstrang verliert sich im Nebel

Auch die Bildsprache des Tatorts wirkt hilflos. Nebelschwaden im Freizeitpark und ein blässliches Bild aus dem die bunten Ballons herausstechen, sollen dem "Tatort" vermeintlich Mystik einhauchen. Dazu hat Mutter Ruth immer wieder Erscheinungen ihrer toten Tochter: Laub wirbelt auf, daraus entspringt das Mädchen mit dem lockigen Haar und schreit spitz. Diese Inszenierungen wirken ebenso bemüht wie die nebensächlichen Handlungen, die die Tatort-Folge zusätzlich mit Klischees beladen.

Vollkommen überraschend - sowohl für Kopper als auch für den geneigten Tatort-Ludwigshafen-Zuschauer - taucht der italienische Neffe des Kommissars auf. Die Mutter sei auf Jobsuche in Deutschland, Lausebengel Guilano wird ungefragt bei Kopper abgeladen. Der Rotzlöffel setzt sich hinters Steuer von Koppers Auto, füllt Spülmittel in die Espressomaschine und legt die Telefonanlage des Kommissariats lahm. Der Junge ist der komplette Gegenentwurf zu der toten Sandra - und eine überflüssige Beigabe. Ja, nicht alle Kinder sind so süß wie Sandra. Ja, nicht alle Kinder werden so von ihren Eltern vergöttert. Und ja, der harte Kopper kann auch Kinderlieder singen. Das wäre dem Zuschauer auch ohne diesen Kunstgriff klar gewesen.

In Lena Odenthal keimen während der Ermittlungen Selbstzweifel auf. Zerstört sie das Leben von Tom Heye, weil sie ihn womöglich zu Unrecht verdächtigt und nun seine Freundin von seiner Vergangenheit erfährt? "Für ihn ist das eine Katastrophe, unsere Ermittlungen haben alles zerstört." Dann wiederum treibt sie sich selbst an, die Mutter zu verdächtigen, auch wenn sie sich innerlich dagegen sträubt. In der nächsten nachdenklichen Szene fragt sie Kopper: "Was ist, wenn vor mir eine Frau sitzt, die gerade ihr Kind verloren hat?" Odenthal hadert mit sich. Das ist ein bekannter Zug an der Kommissarin, aber in dieser Folge wirkt selbst das klischeehaft und bemüht.

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Von Swantje Dake
 
 
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