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16. November 2009, 15:43 Uhr

Wenn die Medien Trauer tragen

Hintergrundberichte, Porträts und Sondersendungen - Robert Enkes Tod dominiert die Medien. Inzwischen inakzeptabel sei die überbordende Präsenz des "Falls", sagen Kritiker. Doch sie übersehen, dass die Anteilnahme aus tiefem Herzen kommt. Von Bernd Gäbler

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Medienkolumne, Bernd Gä,bler, Ich kann Kanzler, ZDF

Ganz Deutschland trauerte mit Teresa Enke© Thomas Starke/Getty Images

Einige Medienkritiker liefen in den letzten Tagen zu Hochform auf. Wie Medien - von ARD-Tagesschau bis "Bild"-Zeitung - mit dem Selbstmord des Fußballnationaltorwarts Robert Enke, dessen Ursachen und der öffentlichen Trauer umgingen, passte ihnen gar nicht. Höchst Privates werde hier öffentlich verhandelt, breit getreten, ja inszeniert. Wieder einmal war vom "Terror der Intimität", der moderne Medien kennzeichne, die Rede. Sensation und Sentiment hielten eine "Erregungsgesellschaft" künstlich zusammen. Medial inspiriert feierten wir uns letztlich alle selber, nur diesmal nicht als Heroen und Sieger, sondern als Mit-Leidende und Anteil-Nehmende. Indem sie sich nun vornehmen, das Thema "Depression" zu "enttabuisieren" und eine im Leistungsport lauernde unmenschliche Dimension aufzudecken, festigten Medien nur ihre manipulierende Dominanz über die öffentlichen Diskurse. Inakzeptabel sei die überbordende Präsenz des "Falls" Robert Enke auf allen Kanälen und in allen Formaten.

Medienkritiker ohne Herz

Diese Medienkritik ist herzlos. Warum? Weil sie zwar auf Strukturelles aufmerksam machen will, die trauernden Subjekte, die vielen Menschen, die in Hannover stumm vor das Stadion zogen, die ernste Trauer zeigten und irgendwie der Witwe beistehen wollten, nicht als aus eigenem Entschluss handelnde Menschen wahrnimmt. Ihr entgeht, warum die Menschen gerade in diesem Fall so berührt waren und was sie bewegt hat. Obwohl die Medien kritisiert werden sollen, wirken sie in dieser pauschalen Konstruktion wie allmächtige Herrscher über das Handeln der Menschen.

Es gab Furchtbares in den Medien

Anlass zu konkreter Kritik gaben viele Medien auf unterschiedliche Art. Nach dem Maß ist zu fragen. War es wirklich angemessen, dass auch die ARD über Tage hinweg den Suizid des Torwarts für wichtiger erachtete als etwa die Regierungserklärung oder den SPD-Parteitag? Da ist es schon eher berechtigt, dass Illustrierte und die regionale Presse Sonderseiten erstellten oder nun plötzlich allenthalben Serien zur Depression erscheinen. Sie können ja aufklärerisch wirken. Es gab Furchtbares und Stilloses. Selten fanden Fußballer angemessene Worte. So wusste der ZDF-Fußballreporter Rolf Töpperwien schon bald, dass es keinen Grund gebe, das Länderspiel gegen Chile abzusagen - es sei denn, Robert Enke habe in seinem Abschiedsbrief die Nicht-Nominierung für die Nationalelf als einen Grund, aus dem Leben zu scheiden, erwähnt. Wieder einmal hatte Töpperwien nichts begriffen. Der ehemalige ZDF-Sportchef Wolf-Dieter Poschmann moderierte sich hilflos durch ein "ZDF spezial". Er schwankte zwischen flottem Sportjargon und Betroffenheits-Kitsch. In der entsprechenden ARD-Sondersendung wird der Tod der Tochter als "Rückschlag" für Enkes Karriere gedeutet. Quer durch alle Magazine laufen Bilder, die voyeuristisch zeigen, wie Teresa Enke am Unfallort mit der Todesnachricht konfrontiert wird. Manche sind nur stillos; hier wurde die Würde mit Füßen getreten.

Dennoch: Da war etwas Besonderes

All dies erklärt aber nicht, was in den letzten Tagen die Menschen bewegte, warum sie so berührt waren, was anders war als zuvor. Viel hatte unmittelbar mit dem Torwart zu tun. Er war kein entrückter Heroe oder glamouröser Held. Er wirkte stets sehr vernünftig, leistungsorientiert, kontrolliert, zugewandt. Sogar hinter diesem Sportler, der so viel erreicht hat, der doch gut leben könnte, der genug Geld hat, der sich sogar leisten könnte auszusteigen, der mit einer imponierenden, liebenden Frau zusammenlebt - hinter ihm lauert die Leere, der Abgrund. Mit der Frage, warum denn niemand etwas bemerkt habe, steht auch eine Schuldfrage im Raum. Wichtiger aber: viele Menschen kennen diese Angst aus ihrem Alltag, die Überforderung, ein Doppelleben zwischen gespielter Sicherheit und Leistungsfähigkeit im Beruf und der Erschöpfung daheim. Die Frage, ob man durchhalten werde, welche Alternativen es denn gebe. Die Identifikation mit Robert Enke war unglaublich groß - und auch wenn es der Sport als Teil einer Star- und Unterhaltungsindustrie war, der diese Identifikation anbot, die Trauer war echt, weil sie an das Eigene rührte, es dabei aber nicht beließ, sondern auf Beistand und Gemeinschaft zielte. Das "You never walk alone" mochte oft wie Kitsch klingen, es war aber auch ein Hilferuf. Wir brauchen einander. Wir müssen uns darüber verständigen, wie wir damit umgehen, wenn wir es allein nicht mehr schaffen. Die Dimension der Trauer ist nicht allein durch die Person Robert Enkes zu erklären; schlagartig machte sie die massenhafte Sorge jedes Einzelnen deutlich, selbst in eine solche Situation zu geraten. Und das ist ein überindividuelles, ein gesellschaftliches Problem.

Theo Zwanziger ist ein Glücksfall für den deutschen Fußball

In dieser Situation hat der deutsche Fußball zum Glück einen Repräsentanten wie nie zuvor. Ob auf der Pressekonferenz des DFB zur Absage des Länderspiels, ob im Stadion in Hannover bei der offiziellen Trauerfeier – dieser einfache, bescheiden auftretende Mann findet die richtigen Worte. Noch vor einigen Jahren hätte es ein wackeres „Das Leben geht weiter!“ gegeben. Jetzt spricht Theo Zwanziger davon, dass Trauer zeit braucht. Er hat begriffen, dass der Sport sich den großen gesellschaftlichen Themen verantwortlich zuwenden muss. Bei ihm sind sie gut aufgehoben. Er fördert eine tolerante Fan-Kultur und bekämpft Rassismus. Er weiß, wie unerbittlich das Fußballgeschäfts ist. Er streitet für einen Bruch mit dem martialischen Ideal eines Sportlers, der in einem Körperpanzer wohnt und nur besessen der Höchstleistung nachjagt. Er will Tabus brechen. Nicht zuletzt durch ihn ist es gelungen, die massenhafte Trauer nicht in Stil- und Würdelosigkeit abrutschen zu lassen.

Gibt es nachhaltige Trauer?

Jetzt sind die Vorsätze groß: mehr aufeinander zu achten; selbst im Hochleistungssport nach seelischer Befindlichkeit zu fragen; eine neue Kultur der Offenheit zu praktizieren; aufzuklären über rätselhafte Krankheiten wie Depression; Leistungsanspruch nicht in unerträglichen Druck ausarten zu lassen; auf sensible Mitspieler, Mitarbeiter und Freunde besonders zu achten. Gehen wir ruhig davon aus, dass die Vergesslichkeit einer Gesellschaft groß ist. Morgen werden sich Jauchzen und Erschrecken andere Objekte suchen. Aber es gab ein Innehalten, dass zeigte, was viele empfinden: da ist etwas aus dem Lot, zwischen Leistung, Ängsten und Miteinander gibt es keine Balance. Darum war das Mitgefühl so vieler mehr wert als der ein oder andere Medienkritiker uns jetzt, im Nachhinein glauben machen will.

Zur Person

Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.

Von Bernd Gäbler
KOMMENTARE (10 von 44)
 
botoxia (18.11.2009, 13:00 Uhr)
Der Versuch der Medien
das allgemeine Verhalten der (Leistungs-)Gesellschaft gegenüber Depressiven durch die Berichterstattung über den Selbstmord Enkes zu sensibilisieren wird scheitern. Depressive, bekennt euch zu euren Depressionen, wir werden dafür äußerstes Verständnis haben, wird gerufen. Fakt ist, dass ja auch die Depressiven liebend gerne das viele schöne Geld haben möchten, das so ein Leistungsträger bekommt. Was ihnen aber postwendend abhanden käme, würden sie zugeben, Depris zu haben. Es fällt dem Menschen allgemein schwer, sein Leben derart zu ändern, dass der Status den Bach runter geht. Also werden Scharen Depressiver weiterhin schön die Klappe halten und weiter leisten, leisten. leisten. Denn nur das wird bezahlt.
mamaundlocke0815 (17.11.2009, 21:13 Uhr)
Antwort
Warum steht er jetzt wieder da?
mamaundlocke0815 (17.11.2009, 21:12 Uhr)
Enke Kommentar
warum habt ihr meinen Beitrag von vor einer halben Stunde gelöscht?
mamaundlocke0815 (17.11.2009, 20:43 Uhr)
Robert Enke
Ich weiß nicht so genau was ihr eigentlic h alle wollt. Ein von vielen geschätzter Mensch konnte mit seinem Leben nicht mehr klar kommen, hat nur noch einen Ausweg gesehen und sein Leben beendet. Das ist für alle, die irgendwie damit zu tun haben sehr traumatisch.
Ich wünsche jedem einzelnen viel Glück in der Bewältigung dieses Ereignisses. Ich weiß aber auch, dass viele Menschen ,dem Druck der auf ihnen lastet, aus welchen Gründen auch immer, nicht gewachsen sind. Deshalb ist jedes Leben, das jetzt vielleicht gerettet wird diese ganzen Umstände und Diskussionen wert. Ich bin mir sicher, dass einige Menschen ihre eigene Situation jetzt hinterfragen und sich Hilfe suchen.
fettiz (17.11.2009, 15:23 Uhr)
trotzdem inakzeptabel
Die Trauer wurde einfach dafür benutzt, die Medien zu füllen. Und auf einfache leicht zu durchschauende Art. Herr Enke wurde zum Held hochstilisiert. Dessen funktionieren bis heute als beispiellos gilt. Auf jedne Fall hat kein Medium sich darüber Gedanken gemacht, über was eigentlich getrauert wird. Gut Herr Enke ist tot. Aber was macht sein Ableben so wichtig für die Gesellschaft? Doch nicht, dass er Selbstmord gemacht hat. Dass er am Leben als Superstar zerbrochen ist? Was ist das Erbe von Enke? Ich hoffe mal, dsas es um eine höhere Akzeptanz von Depression als krankheit und dessen richtiger und rechtzeitiger Behandlung geht. Außerdem sollte es sicher um den Leistungsdruck in der Gesellschaft und auch unserer Kindheit gehen (schließlich waren da ja wohl shcon die ersten Anzeichen bei Herrn Enke sichtbar).
Was mir der Fall Enke auf jeden Fall noch zeigt, dass die Medien davon profitiert haben. Die Fußballer haben allen Grund zu echter Trauer. Womit ich mich etwas schwer tue, ist die Trauer der Fans. Die SZ schrieb, dass die Trauerfeier in einer Kathedrale des Sports stattfand. War nicht Enke einer der Götter dieser Kathedrale? Und beten die Fans nicht diesen Fußballgott an? Das Problem dabei ist, dass sie genau das perfekte, äußere Bild anbeten, was Enke immer gespielt hat. Er aber nicht war. Und an dem er letztlich zu Grunde ging. Deswegen denke ich auch ,dass genau diese Fußballgottesdienst als Trauerfeier nicht der richtige Rahmen war, weil er Herrn Enke nicht gerecht wurde. Obwohl viele Leute dabei gute und ergreifende Worte gefunden haben.
gormiti (17.11.2009, 15:18 Uhr)
Ach darum ging es
ich sah die weinenden Mädchen in einem Fußballstadion. Ich dachte eine Boygroup hätte sich getrennt. Was für ein Zirkus. Pietät geht anders. Die Christen reiben sich die Hände wegen einem Massen Vater-Unser.
Beschämend und deplatziert.
GordonBleu (17.11.2009, 13:38 Uhr)
spektakel
jörg schmadtke ist diese wort im frühstüksfernsehen herausgerutscht. spektakel. recht hat er. andererseits ist es ja nur eine frage der zeit, bis die betroffenheits- und trauerkarawane zum nächsten medientoten weiterzieht. auch diese "show must go on".
Treehorn (17.11.2009, 13:22 Uhr)
Kernfrage
Die Kernfrage in Zusammenhang mit dem Kommentar von Herrn Gäbler ist doch, ob man sich als herzlos bezeichnen muss, bloß weil man die medialen Begleitumstände kritisiert.

Mir kommt das eher so vor, als ob sich ein Pressevertreter nicht mit seiner eigenen Verantwortung auseinandersetzt und lieber Kritiker mit Totschlag-Argumenten mundtot zu machen versucht.
Tom3 (17.11.2009, 13:13 Uhr)
...schon alleine an dem ganzen Tam-Tam,...
...der jetzt wieder um diese Sache aufgebaut wird, merkt man doch, wie das Geschäft zwischen Medien u. Fussball aus sich der Medienwelt läuft:

Ihr verdient gut, also schreiben wir einfach über alles, wirklich alles!!! was wir mitbekommen... Respekt u. Mitgefühl könnt ihr von uns nur erwarten, wenn ihr tot seid!

Und nicht mal da lassen wir von euch ab, denn mit Toten verdienen wir nochmal so gut, vorausgesetzt man nimmt uns unser geheuchel auch wirklich ab!

...mir wird gleich schlecht!!!
laketahoe (17.11.2009, 13:07 Uhr)
Demütigung gehört zum Normalverhalten derer.....
...die jetzt zusammen mit allen ganz betroffen tun. Dem , vieler Trainer.

Entweder mangelt es den Trainern und Fußballverantwortlichen an der Fähigkeit, das eigene Verhalten zu reflektieren und zu analysieren, oder man findet es tatsächlich normal, neben sachlichen Entscheidungen, die hoffentlich überwiegen im modernen Spitzenfußball, auch eine ganze Menge männliches Revierverhalten. Machtphantasien und schlichte Fehleinschätzungen zu verursachen.

In dieser Branche wurde und wir immer so getan, als ginge es zu 100 Prozent um objektivierbare Leistung und um deren geradezu wissenschaftlich begründete Herbeiführung.... und das halte ich für vorgeschoben und von den Medien zu kritiklos hingenommen oder sogar unterstützt.

Das kann doch nicht sein, dass erwachsene Männer vor den Mannschaftskollegen vom Trainer an den Ohren gezogen werden ... trotz wesentlich besser Bilanz wegen schlechten Benehmens Bestrafungs- und Ausschlußritualen unterzogen werden ... und auch wegen rein persönlich begründeten Animositäten schlichtweg entfernt werden.

So lange nicht nur seltsame Pädagogen wie Van Gaal mit diesem Berufsverständnis unterwegs sind...sondern auch landesweit beliebte Gurus und Fußball-Schöngeister wie Löw und Klinsmann ungestraft diese demütigenden Methoden anwenden und dabei mit ihren Entscheidungen noch nicht mal richtig liegen, wird man wohl weiterhin nicht verstehen, dass Demütigungen und Herabwürdigung von Menschen unprofessionell und unrichtig sind. Und zu nichts Gutem führen.

Die Klamotten und die PR-Berater der Herren werden immer besser, dahinter lauert zum Teil die Neandertalerkeule.....
Die Medienkolumne

Bernd Gäbler kommentiert jeden Montag die aktuellen Ereignisse aus der Medienwelt

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