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16. November 2009, 14:34 Uhr

Wenn die Medien Trauer tragen

Hintergrundberichte, Porträts und Sondersendungen - Robert Enkes Tod dominiert die Medien. Inzwischen inakzeptabel sei die überbordende Präsenz des "Falls", sagen Kritiker. Doch sie übersehen, dass die Anteilnahme aus tiefem Herzen kommt. Von Bernd Gäbler

 
Medienkolumne, Bernd Gäbler, Ich kann Kanzler, ZDF

Ganz Deutschland trauerte mit Teresa Enke© Thomas Starke/Getty Images

Einige Medienkritiker liefen in den letzten Tagen zu Hochform auf. Wie Medien - von ARD-Tagesschau bis "Bild"-Zeitung - mit dem Selbstmord des Fußballnationaltorwarts Robert Enke, dessen Ursachen und der öffentlichen Trauer umgingen, passte ihnen gar nicht. Höchst Privates werde hier öffentlich verhandelt, breit getreten, ja inszeniert. Wieder einmal war vom "Terror der Intimität", der moderne Medien kennzeichne, die Rede. Sensation und Sentiment hielten eine "Erregungsgesellschaft" künstlich zusammen. Medial inspiriert feierten wir uns letztlich alle selber, nur diesmal nicht als Heroen und Sieger, sondern als Mit-Leidende und Anteil-Nehmende. Indem sie sich nun vornehmen, das Thema "Depression" zu "enttabuisieren" und eine im Leistungsport lauernde unmenschliche Dimension aufzudecken, festigten Medien nur ihre manipulierende Dominanz über die öffentlichen Diskurse. Inakzeptabel sei die überbordende Präsenz des "Falls" Robert Enke auf allen Kanälen und in allen Formaten.

Medienkritiker ohne Herz

Diese Medienkritik ist herzlos. Warum? Weil sie zwar auf Strukturelles aufmerksam machen will, die trauernden Subjekte, die vielen Menschen, die in Hannover stumm vor das Stadion zogen, die ernste Trauer zeigten und irgendwie der Witwe beistehen wollten, nicht als aus eigenem Entschluss handelnde Menschen wahrnimmt. Ihr entgeht, warum die Menschen gerade in diesem Fall so berührt waren und was sie bewegt hat. Obwohl die Medien kritisiert werden sollen, wirken sie in dieser pauschalen Konstruktion wie allmächtige Herrscher über das Handeln der Menschen.

Es gab Furchtbares in den Medien

Anlass zu konkreter Kritik gaben viele Medien auf unterschiedliche Art. Nach dem Maß ist zu fragen. War es wirklich angemessen, dass auch die ARD über Tage hinweg den Suizid des Torwarts für wichtiger erachtete als etwa die Regierungserklärung oder den SPD-Parteitag? Da ist es schon eher berechtigt, dass Illustrierte und die regionale Presse Sonderseiten erstellten oder nun plötzlich allenthalben Serien zur Depression erscheinen. Sie können ja aufklärerisch wirken. Es gab Furchtbares und Stilloses. Selten fanden Fußballer angemessene Worte. So wusste der ZDF-Fußballreporter Rolf Töpperwien schon bald, dass es keinen Grund gebe, das Länderspiel gegen Chile abzusagen - es sei denn, Robert Enke habe in seinem Abschiedsbrief die Nicht-Nominierung für die Nationalelf als einen Grund, aus dem Leben zu scheiden, erwähnt. Wieder einmal hatte Töpperwien nichts begriffen. Der ehemalige ZDF-Sportchef Wolf-Dieter Poschmann moderierte sich hilflos durch ein "ZDF spezial". Er schwankte zwischen flottem Sportjargon und Betroffenheits-Kitsch. In der entsprechenden ARD-Sondersendung wird der Tod der Tochter als "Rückschlag" für Enkes Karriere gedeutet. Quer durch alle Magazine laufen Bilder, die voyeuristisch zeigen, wie Teresa Enke am Unfallort mit der Todesnachricht konfrontiert wird. Manche sind nur stillos; hier wurde die Würde mit Füßen getreten.

Dennoch: Da war etwas Besonderes

All dies erklärt aber nicht, was in den letzten Tagen die Menschen bewegte, warum sie so berührt waren, was anders war als zuvor. Viel hatte unmittelbar mit dem Torwart zu tun. Er war kein entrückter Heroe oder glamouröser Held. Er wirkte stets sehr vernünftig, leistungsorientiert, kontrolliert, zugewandt. Sogar hinter diesem Sportler, der so viel erreicht hat, der doch gut leben könnte, der genug Geld hat, der sich sogar leisten könnte auszusteigen, der mit einer imponierenden, liebenden Frau zusammenlebt - hinter ihm lauert die Leere, der Abgrund. Mit der Frage, warum denn niemand etwas bemerkt habe, steht auch eine Schuldfrage im Raum. Wichtiger aber: viele Menschen kennen diese Angst aus ihrem Alltag, die Überforderung, ein Doppelleben zwischen gespielter Sicherheit und Leistungsfähigkeit im Beruf und der Erschöpfung daheim. Die Frage, ob man durchhalten werde, welche Alternativen es denn gebe. Die Identifikation mit Robert Enke war unglaublich groß - und auch wenn es der Sport als Teil einer Star- und Unterhaltungsindustrie war, der diese Identifikation anbot, die Trauer war echt, weil sie an das Eigene rührte, es dabei aber nicht beließ, sondern auf Beistand und Gemeinschaft zielte. Das "You never walk alone" mochte oft wie Kitsch klingen, es war aber auch ein Hilferuf. Wir brauchen einander. Wir müssen uns darüber verständigen, wie wir damit umgehen, wenn wir es allein nicht mehr schaffen. Die Dimension der Trauer ist nicht allein durch die Person Robert Enkes zu erklären; schlagartig machte sie die massenhafte Sorge jedes Einzelnen deutlich, selbst in eine solche Situation zu geraten. Und das ist ein überindividuelles, ein gesellschaftliches Problem.

Theo Zwanziger ist ein Glücksfall für den deutschen Fußball

In dieser Situation hat der deutsche Fußball zum Glück einen Repräsentanten wie nie zuvor. Ob auf der Pressekonferenz des DFB zur Absage des Länderspiels, ob im Stadion in Hannover bei der offiziellen Trauerfeier – dieser einfache, bescheiden auftretende Mann findet die richtigen Worte. Noch vor einigen Jahren hätte es ein wackeres „Das Leben geht weiter!“ gegeben. Jetzt spricht Theo Zwanziger davon, dass Trauer zeit braucht. Er hat begriffen, dass der Sport sich den großen gesellschaftlichen Themen verantwortlich zuwenden muss. Bei ihm sind sie gut aufgehoben. Er fördert eine tolerante Fan-Kultur und bekämpft Rassismus. Er weiß, wie unerbittlich das Fußballgeschäfts ist. Er streitet für einen Bruch mit dem martialischen Ideal eines Sportlers, der in einem Körperpanzer wohnt und nur besessen der Höchstleistung nachjagt. Er will Tabus brechen. Nicht zuletzt durch ihn ist es gelungen, die massenhafte Trauer nicht in Stil- und Würdelosigkeit abrutschen zu lassen.

Gibt es nachhaltige Trauer?

Jetzt sind die Vorsätze groß: mehr aufeinander zu achten; selbst im Hochleistungssport nach seelischer Befindlichkeit zu fragen; eine neue Kultur der Offenheit zu praktizieren; aufzuklären über rätselhafte Krankheiten wie Depression; Leistungsanspruch nicht in unerträglichen Druck ausarten zu lassen; auf sensible Mitspieler, Mitarbeiter und Freunde besonders zu achten. Gehen wir ruhig davon aus, dass die Vergesslichkeit einer Gesellschaft groß ist. Morgen werden sich Jauchzen und Erschrecken andere Objekte suchen. Aber es gab ein Innehalten, dass zeigte, was viele empfinden: da ist etwas aus dem Lot, zwischen Leistung, Ängsten und Miteinander gibt es keine Balance. Darum war das Mitgefühl so vieler mehr wert als der ein oder andere Medienkritiker uns jetzt, im Nachhinein glauben machen will.

Zur Person

Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.

Von Bernd Gäbler
 
 
Die Medienkolumne

Bernd Gäbler kommentiert regelmäßig die aktuellen Ereignisse aus der Medienwelt

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