Zeit ist rar und nach Gesundheit das kostbarste Gut. Aber Zeit lässt sich verdoppeln beim Backen von Brot. Weil Teig einen Rhythmus hat. Wer sich ihm fügt, erhält jede Minute zurück, die er zuvor investiert, und das zweifach. Von Bert Gamerschlag

Das Gros der Bäcker backt Fertigmischungen auf. Dagegen selbst gemacht und rein: Kartoffelbrot, knuspriges Landbrot, Butter-Quark-Brot, Nussbrot und rustikales Weißbrot, Ciabatta-Style (von r. nach l.)© Hans Hansen
Wir sind rastlos. Niemand hat Zeit. Die Einsamen nicht. Auch die Zweisamen nicht. Den Doppelverdienern verweht die Arbeit ihre Tage, und ihre Wochenenden verschleißen sich im Haushalt. Auch Singles verplanen sich auf Wochen im Voraus. Selbst den Urlaub, in dem wir versäumtes Leben nachzuholen suchen, verbringen wir im Schweinsgalopp. Keiner jedoch bringt sich mehr in Stress als die Rentner, das Finale im Blick.
Und doch gibt es Wege, freie Zeit zu verlängern: keine Termine machen, Besuche meiden; Sisyphosarbeiten (putzen, waschen, bügeln) auf das Notwendige reduzieren, indem man sich Perfektionismus abschminkt und dasjenige delegiert, was zu delegieren finanzierbar ist. Hier lässt sich Zeit sparen.
Wieder ausgeben und sogar mehren kann man sie beim Sicheinlassen auf Vorgänge, die ihre eigene Zeit haben und Muße mit Schönheit und Nutzen verbinden. Brot backen gehört dazu.

Unser Landbrot verlangt 20 Minuten reine Arbeitszeit, eine 3/4 Stunde zum Gehen und noch einmal so lange im Ofen. Das ist nicht sehr viel, aber sehr sinnvoll zugebrachte Zeit, die vor allem eines mit vermittelt: Muße© Hans Hansen
Brot lebt. Brot ist neben Wasser unser wichtigstes Lebensmittel, einfach und kapriziös zugleich. Erst kapriziös, später immer einfacher. Einfach sind seine Zutaten: Mehl, Wasser, Hefe. Kapriziös ist sein Werden: Der Teig für ein Brot will gehegt werden wie ein Kind, will freundlich angefasst sein, Ruhe spüren, geschützten Raum, Zeit zur Entwicklung. Schließlich will Teig das genau bemessene Feuer der Bewährung, das ihm äußere Härte gibt und innere Lockerheit - den Ofen.
Natürlich kann man Brot an jeder Ecke kaufen, aber dann ist es nur Ware, sonst Prozess. Aus ähnlichem Grund greift man nicht zur Fertigbackmischung, sie verhindert das Verstehen. Das Backen von Brot ist anfangs neu und fremd, man riskiert Fehler, die man zunächst einmal nicht, manchmal auch niemals versteht.
Die Zutaten haben ihr Eigenleben, das Werden hat seine eigene Zeit. Dem muss man sich widmen. Mit der Routine erwachsen aus einem schwierigen Prozess Schönheit und Ruhe, wie man sie sonst nur schwer findet. Was wir zunächst staksig verhackstücken, geht bald elegant von der Hand. Und am Ende stehen wir vor einem Produkt, das hinreißend aussieht, von großer Reinheit ist und sättigt. Tiefer sättigt als Aldi-Brot. Am Ende eines Wochenendes, dem Brot backen den Rhythmus gibt, haben wir vielleicht nur halb so viel geschafft wie sonst, aber doppelt so viel Zeit gelebt. Wo gibt es solche Renditen?
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Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 14/2006