Wenn es unter den Beilagen der deutschen Küche einen Klassiker gibt, dann sind es die Thüringer Klöße, gemacht aus roh geriebenen Kartoffeln und in schweißtreibender Handarbeit. Von Christoph Wirtz

Thüringer Klöße sind eine Beilage zu großen Bratenstücken mit viel Sauce© Annika Büssemeier
Große Globalisierungsklage: Heute gibt's ja alles überall! Haifischflossensuppe in Herne, Tafelspitz auf Trinidad und Sushi in jeder zweiten Fußgängerzone. Alles weich gespülte Plagiate. Authentische Spezialitäten findet man oft noch nicht mal mehr am Ursprungsort. Ein Beispiel? Gern: Für den ultimativen Exotikfoodkick suche man nach einem 100 Prozent hilfsmittelfrei, wie früher rein handwerklich fabrizierten original Thüringer Kartoffelkloß. Krokodilfrikadellen sind leichter zu haben.
Beim Kloß handelt es sich um eine hellgelbe, etwa tennisballgroße, seidig-zarte, meist paarweise anzutreffende Kartoffelbeilage zu Bratenstücken mit ordentlich Sauce. Er besteht aus Kartoffeln, Salz und sonst nix. Einzige zulässige Verfeinerung: Brötchenwürfel im Zentrum. Das Problem mit dem Kloß beginnt bereits mit seiner korrekten Bezeichnung. Der echte Thüringer Kloß heißt nämlich nicht "Echter Thüringer Kloß", sondern in jedem dritten Dorf anders. Die berühmteste Variante heißt "Hütes". Warum, weiß kein Mensch. Es gibt aber eine Legende.
Der nähert man sich am besten im Baumbachhaus zu Meiningen an der Werra. Dort huldigt man dem lokalen Dichterfürsten Rudolf Baumbach - Autor von "Hoch auf dem gelben Wagen" und dem "Lied vom Hütes". Dr. Andreas Seifert, Leiter des Literaturmuseums, ist folglich amtlicher Kloßexperte. Er weiß, dass die Kartoffel schon 1750 in die Gegend kam und der Kloß seit 1830 nachgewiesen ist. Er kann auch wunderschön das entsprechende Baumbach'sche Kloßepos von 1887 aufsagen:
"Vor langen Jahren schritt einmal / Frau Holle durch das Werrathal. / Um Segen mit den Götterhänden / der jungen Wintersaat zu spenden. / Bevor sie deckt zur Winterruh, / das Land mit weißen Federn zu." Nach getaner Arbeit will die Fee dann vor Ort rasch noch einen zwitschern - und ist entsetzt: Der Werra-Wein schmeckt grottig. Ärgerlich für Frau Holle, noch ärgerlicher für die Winzer: "Es hat der Frost in einer Nacht / die Reben alle umgebracht." Im Frühjahr herrscht natürlich winzerseits großer Katzenjammer, und Frau Holle ist wieder milder gestimmt. Sie empfiehlt den Thüringern statt des Weinbaus die Kartoffelkultur und verrät als Dreingabe, "was die kund'ge Hand für Werke / kann schaffen aus Kartoffelstärke". Das Kloßmysterium wird dem Meininger Bürgermeister im "Schlundhaus", dem Ratskeller, anvertraut: "Du Sohn uralten Stadtgeblühtes, / Hier hast du das Receptum. - Hüt es!"
Die beste Adresse für einen ersten Hütes-Test wäre also das historische Schlundhaus nahe dem Kirchplatz. An guten Tagen werden dort 120 Klöße serviert, jeder einzelne nach Bestellung frisch abgekocht. Dort trifft man zudem auf die aktuelle Verkörperung der legendären "Hütes-Holle": Manuela König, 28, Medizinstudentin. Ihre Aufgabe als Kloßfee ist es, die Stadt Meiningen bei allerlei Gelegenheiten zu repräsentieren und jederzeit blind Tütenklöße von Selbstgemachten unterscheiden zu können. Ihr Urteil hinsichtlich der Schlundhaus-Hütes zur Roulade: ausgesprochen lecker. Unser investigativer Spürsinn aber ergibt: Es ist vorfabrizierte Kloßmasse und "Knödelhilfe" im Spiel. Der Fachmann spricht von "Faule Weiber Hütes".
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 10/2009