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12. Juli 2008, 02:00 Uhr

Lass mich ran, Liebling

Dreißig Jahre träumte Hobbykoch Joschka Fischer davon, Wolfram Siebeck kennenzulernen, den großen Gastro-Kritiker. Als es dann so weit war, verließ ihn der Mut. Er traute sich nicht, für den Meister zu kochen. Feigling, sagte Fischers Frau Minu, dann mach ich das eben. Ich koch persisch. Was ihr gelang. Die Fischers schreiben selbst, wie's war. Von Joschka Fischer und Minu Barati-Fischer

Joschka Fischer, 60, und seine Frau Minu Barati-Fischer, 32, im Februar 2008© Jens Kalaene/DPA/LBN

Ach ja, die 68er - viel beschrieben, viel besprochen und nicht gerade gut: allgemeiner Werteverfall, hemmungslose Genusssucht - alles ein Dutzend Mal gelesen. Die Grundlage aller Kultur aber kommt bei den ernsten Schreibern viel zu kurz: das Essen und Trinken.

Um 1968 nämlich war das Essen in Westdeutschland schlecht, und das in Ostdeutschland wohl noch mieser. Sättigung war nach all den Hungerjahren das oberste Ziel, und Feinschmeckerei galt als welsche Dekadenz, vor der man sich als junger deutscher Bursche besser hütete.

Dabei hatte ich noch Glück: Mein Zuhause war ein ungarndeutscher Metzgerhaushalt, in dem Wiener Schnitzel, Gulasch, gefüllte Kalbsbrust, Strudel und Marillenknödel durchaus üblich waren. Und meine Mutter Elisabeth konnte kochen!

Gegessen wurde, was auf den Tisch kam

Außer Haus aber, in meiner baden-württembergischen Heimat, wurde alles in Maggi ersäuft, selbst Maultaschen nebst Salat. Gegessen wurde, was auf den Tisch kam, und zwar fix und ratzeputz. Gemault wurde kaum, man kannte nix anderes.

Ich aß Anfang der 60er Jahre meine ersten Fritten mit Mayo an einer frisch eröffneten Bude in Bad Cannstatt, nicht weit von meinem Gymnasium. Mein erstes Softeis hatte ich auf dem Stuttgarter Killesberg! Es gab plötzlich gefrorene Hühnchen satt und billig aus Amerikas Zuchtbatterien - zuvor war ein Huhn teurer und seltener Festtagsschmaus gewesen. Ferner gab es Hawaii-Toast, gefüllte Eier, Räuberspieß, Jäger- und Zigeunerschnitzel und andere Delikatessen mehr. Die Fresswelle rollte über die westdeutsche Republik hinweg.

Ganz anders die ersten Urlaubseindrücke aus la France. Das erste Baguette! Fromage! Saucisson sec! Vin rouge ordinaire - zu 1 Franc der Liter! Und das alles beim Trampen am Straßenrand verzehrt. Aber welch eine Offenbarung. Etwas später kamen dann die ersten Haricots verts, Escargots, Lammkoteletts, Crevetten, Artischocken, Ziegenkäse, Crème Caramel und vieles andere hinzu. Einfach himmlisch!

Der Maestro des kulinarischen Sternenhimmels

So weit hatte meine eigene Kraft auf dem Weg zur Grande Cuisine gereicht. Um allerdings nach dem kulinarischen Sternenhimmel zu greifen, ja, ihn überhaupt erst wahrzunehmen, bedurfte es der Anleitung eines leidenschaftlichen Genießers, Kritikers und Lehrers. Eines Maestros eben.

Das war Wolfram Siebeck. Er war genau 20 Jahre älter und hatte die politisch fatale Wirkung des Eintopfes in der Volksgemeinschaft noch an eigenem Leib erlebt. Erbswurst, Krieg und Hunger formten im jungen Wolfram den festen Entschluss, dass ihm so etwas nie wieder passieren sollte.

Siebecks Kolumnen und Kritiken, anfangs im stern, dann in der "Zeit", über Restaurants und Köche, Weine und Winzer ließen mir wöchentlich die Augen glänzen und das Wasser im Maule zusammenlaufen, in der zweiten Hälfte der 70er und zu Beginn der 80er Jahre war das. Träumen durfte man, träumen von den Sternen, von Gänsestopfleber, Austern und all den herrlichen Genüssen … Siebeck wurde mein Traum- und Sterndeuter. Und er blieb es! Immer habe ich mir gewünscht, den Meister einmal persönlich zu treffen. Es traf sich aber nie. Es sollte schließlich der stern sein, der mir diesen Wunsch erfüllte.

Niemals!!!

"Das Treffen mit Wolfram Siebeck und seiner Frau findet statt", wurde meiner Frau Minu und mir beschieden. "Aber Sie müssen kochen!" Ich? Für Siebeck? Für den Meister? Nein, absolut nein! Eher disputiere ich mit dem Papst auf Lateinisch das Dogma der Unfehlbarkeit, als für Wolfram Siebeck und seine Frau zu kochen. Ich werde mich doch nicht lächerlich machen! Niemals!!!
so weit Joschka Fischer

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Minu Barati-Fischer ihren verwundeten Mann zurückließ, die Hälfte des Nachtisches erst am nächsten Morgen fand, und das Pendel verriet, wer amerikanischer Präsident wird

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 28/2008

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KOMMENTARE (1 von 1)
 
ganzbaf (13.07.2008, 10:32 Uhr)
Kochen hin oder her...

Joschka kann sich einreihen in den großen Teil jener Ex-Politiker, die weitaus mehr Schaden als Nutzen für Deutschland angerichtet haben.
.
Ruhegelder weg. Dann kann er doch mit seiner jungen Hausmagd nach Persien gehen.
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