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Lindsey Stirling, der unbekannteste Megastar der Welt

Diese Frau hat zehn Millionen Follower. Lindsey Stirling spielt Geige und tanzt dabei. Hat die Welt darauf gewartet? Sieht so aus. Die Frage ist nur: Wieso? Ein Besuch backstage.

Die Tanz-Geigerin Lindsey Stirling hat es mit Youtube-Videos zu Welterfolg gebracht

Die Tanz-Geigerin Lindsey Stirling hat es mit Youtube-Videos zu Welterfolg gebracht

Am Anfang war die Demütigung. Als Lindsey Stirling 2010 bei "America’s Got Talent" auftrat, war sie ein dünnes Mädchen mit Geige und tanzte, während sie spielte. Der Juror Piers Morgan urteilte: "Du spielst nicht gut genug, um nebenher noch zu tanzen. Es klingt, als würden Ratten stranguliert." Eine Klatsche vor Millionenpublikum. Sie schaffte es, nicht in Tränen auszubrechen. Danach, so erzählt sie es heute, heulte sie stundenlang. Man kann nicht sagen, dass es danach so aussah, als hätte die Welt auf eine tanzende Popgeigerin mit Lichtshow gewartet. Aber, das ist das Verblüffende: Das hat sie.

Stirlings Geschichte ist die eines Phönix aus der Asche. Vom Tiefpunkt hat sie sich zum Superstar hochgearbeitet. Gerade wird sie auch in Deutschland richtig bekannt, jetzt schon füllt sie Hallen mit Tausenden Besuchern. Ihr Sound ist ein Cross-over aus gefälliger Klassik, Dubstep, meist ohne Gesang. Manchmal covert sie auch Videospiel-Melodien. Wenn sie einen neuen Song auf veröffentlicht, wird der innerhalb weniger Stunden von Zehntausenden angesehen, sie spielt in einer Liga mit Songs wie "Paparazzi" von Lady Gaga. Ihr erfolgreichster Song heißt "Crystallize" und wurde auf Youtube 174 Millionen Mal angesehen, er erhielt 15 Millionen mehr Klicks als "Fix You" von Coldplay. Und wer meint, auf Youtube berühmt zu sein, sei genauso wie bei Monopoly reich zu sein, der hat zwar Recht, liegt im Falle von Stirling aber trotzdem daneben: Auf der Forbes-Liste war sie auf Platz vier, und damit die reichste Frau in der Kategorie "Youtuber". Aber sie aufs Youtuben zu reduzieren, wäre falsch. Sie hat für ihre Verkäufe Gold und Platin bekommen, sie hat zwei Echos gewonnen, ist bei ihrer letzten Tournee laut eigenen Angaben vor über 500.000 Menschen aufgetreten, ach ja, und ihre Autobiografie wurde direkt ein Bestseller.

Wie wurde Lindsey Stirling so erfolgreich?

Wie hat Lindsey Stirling das geschafft? Wie wurde sie so erfolgreich? Hat sie sich als perfektes Pop-Produkt neuerfunden, das von Klassik- bis Dubstep-Fans einfach jeden erreicht? Eine riesige Inszenierung, die es allen recht macht? Vom Schreibtisch aus kann man das nicht ergründen, das haben schon der Pop- und der Klassikexperte der "New York Times" versucht. In einem amüsanten Schlagabtausch analysierten sie das Album "Shatter Me": Es sei nah am Dancemusic-Mainstream, aber das Violinenspiel? Grell und naiv. New Age? Lernmusik für nerdige Teenies? Schwierig. Die allein scheint es ohnehin, sorry guys, bei einer tanzenden Geigerin mit bunten Haaren nicht zu sein. Was aber dann? Wir treffen Stirling auf ihrer Welttournee und begleiten sie backstage.

Der Nachmittag des Arbeitnehmers ist der Morgen des Popstars. Als wir Lindsey Stirling gegen 15 Uhr in München vorgestellt werden, ist sie erst ein paar Stunden zuvor aus Prag gekommen. Sie begrüßt uns superfreundlich, ihr Pferdeschwanz wippt. Optisch ist sie gerade genau in der Mitte ihrer Verwandlung vom All American Girl zum Bühnenstar angekommen: Obenrum schon Las Vegas, untenrum noch Couch-Potatoe. Schwarze Leggins, darüber ein schwarzes Sweatshirt der US-Teeniemarke Forever 21, das die kleine 30-Jährige als Kleid trägt. Dazu ihr Bühnen-Make-up: lange Fake-Wimpern und eine dicke Schicht Lidschatten.

"Ich stecke auch in Wirklichkeit zwischen zwei Leben", sagt Stirling. "Viele Popstars sind Freunde, Justin Timberlake hängt mit Ryan Gosling ab. Ich bin nicht deren Kaliber." Sie wohne in einer WG, fahre einen Kia und mache keine Urlaube mit dem Privatjet auf Bali. Trotzdem sei ihr Leben natürlich nicht ganz gewöhnlich. Wie reagieren Männer auf ihren Popstarstatus? "Wenn ich erkläre, was ich mache, sind sie entweder eingeschüchtert oder sagen: "Cool, du machst kleine Videos für Youtube?" Die Zutaten, die normalerweise zum Erfolg im Showbiz führen - viel nackte Haut, ein aufregendes, öffentlich ausgetragenes Privatleben sowie ein zugkräftiges Plattenlabel - fehlen bei der Erfolgsgeschichte von Lindsey Stirling. Sie arbeitete zwar mit Lady Gagas Manager, aber wo ein Fleischkleid brauchte, trägt Stirling Pullunder und Brille. In Interviews spricht sie gerne darüber, dass sie Mormonin ist, Tochter eines Religionslehrers und einer Hausfrau. Die Tournee ließ sie so planen, dass sie immer sonntags frei hat, um in die Kirche zu gehen. Später, auf der Bühne, wird sie mehrere Outfits tragen, die alle ziemlich züchtig sind. Sie trägt maximal ein kurzes oder enges Teil, der Rest ist weit geschnitten oder bedeckt den Körper.

Stirling will attraktiv, aber "nicht schmuddelig" sein

"Ich möchte zeigen, dass man sexy sein kann und trotzdem nicht alle Grundsätze aufgeben muss. Ich möchte jungen Frauen vermitteln, dass sie sich für nicht schmuddelig oder anrüchig anziehen müssen, damit sie sie attraktiv finden. Vor allem junge Mädchen wissen das zu schätzen!" Die Branche rede Künstlerinnen ein, dass sie wenig anziehen müssten, um berühmt zu sein. "Aber das stimmt nicht." Es sei allerdings nicht einfach, ein Bühnenoutfit zu finden, das beim Tanzen praktisch ist, die eigenen Vorzüge betont, aber nicht zu viel Haut zeigt. Auf Instagram hat sie gerade angefangen, vereinzelt Fotos von ihrem Freund zu posten. Sie erwähnt ihn nicht, obwohl er gerade zu Besuch ist. Er soll Duftkerzenhersteller in Los Angeles sein.

Für das perfekte Pop-Produkt hat Lindsey dann doch zu viele Widersprüche: zu wenig freizügig für Instagram, Mormonin mit Ruhetag im Popzirkus, blaue Haare, aber zu reflektiert für Bubblegum-Pop. Was ist es dann, was alle so anziehend an ihr finden?

Offenbar unterschätzt die Musikbranche den Bedarf an angezogenen Stars. Die zwar musizieren und tanzen, aber bei denen nicht jeder Tanz eine Trockenkopulation ist. Disney brachte ein paar solcher Stars auf den Markt, aber Miley Cyrus und Christina Aguilera ("Dirrty") verabschiedeten sich vom Sauber-Image. Stirling spürt den Druck nur indirekt. "Ich bin in den USA mein eigenes Label", sagt sie lässig, und das bedeutet nicht weniger, als dass sie Plattenlabel und Konzertagenturen selbst auswählt und beauftragt. Dass sie völlige künstlerische Freiheit hat. Und dass ihr keiner vorschreiben kann, was sie trägt. Den Soundcheck bestreitet Stirling in ihren Leggins und zwei verschiedenen Donald-Duck-Socken. Es ist wirklich beeindruckend, wie jemand gleichzeitig Achtelnoten geigen und Dubstep tanzen kann, es sieht schon ohne Geigenspiel aus wie das härteste Work-out der Welt.

"She’s busy running an empire"

Erfolgreiche Geiger außerhalb des Klassikbereichs gab es ja immer wieder: André Rieu, den Schnulzengeiger, Vanessa-Mae, die E-Geigerin, David Garrett, den Grungegeiger. Lindsey ist nun die prominenteste Tanzgeigerin der Welt.

Das ist das Verwirrende, wenn man Lindsey Stirling trifft: Sie wirkt wie das ewige Mädchen, weil sie mehr tanzt als geht, weil sie mehr singt als spricht, weil sie Kindersocken trägt, weil sie mit den zu dem Zeitpunkt roten Haaren und zwei blonden Strähnen wie eine süße Mangafigur aussieht. Manchmal, wie beim Dreh für die Dokumentation "Lindsey Stirling: Brave Enough", trägt sie auch eine blaue Perücke. Nichts deutet äußerlich darauf hin, dass sie eine Geschäftsfrau ist, die eine Tour aus eigener Tasche finanziert und ihre Mitarbeiter selbst bezahlt. Als sie zwischendurch zehn Minuten lang Klavierunterricht nimmt wie jeden Tag, dann aber weiter muss, sagt ihr Lehrer: "She’s busy running an empire." Das Meet & Greet steht an. Für 125 Euro, ohne die Konzertkarte für etwa 45 Euro, darf man genau ein Foto mit ihr machen und etwas unterschreiben lassen. Viele lassen Geigen signieren, manche brechen in Tränen aus. Für 75 Euro mehr kann man vor dem Konzert ein kleines Akustik-Set besuchen und Fragen stellen.

Wie kam sie eigentlich dazu, von Troy Carter, dem legendären Manager von Lady Gaga und John Legend, vertreten zu werden? "Er kam zu einer meiner Shows. Ich mochte ihn." Was hat sie von ihm gelernt? "Er hat mir die Augen dafür geöffnet, dass es nicht nur darum geht, ein lustiges Video zu machen, sondern die Business-Perspektive einzunehmen: Wer verdient wie viel? Ist alles richtig gebucht?" Lindsey, die One-Woman-Show: Sie komponiert, stellt Leute ein, tanzt und kontrolliert, ob die Bilanz stimmt. Als Youtube Red ein Video von ihrem Konzert verschnitten hat, editiert sie es selbst noch mal komplett, kurz vor dem Auftritt, während alle anderen chillen.

Beim Abendessen nimmt Lindsey Stirling sich eine kleine Portion und sagt: "Oh, das Schweinegericht schmeckt lecker." Sie isst vielleicht fünf Minuten lang, dann kippt sie die Reste in den Mülleimer. "Bist du schon fertig?", fragt einer ihrer Mitarbeiter, und es klingt so, als würde er das nicht zum ersten Mal fragen. Stirling geht offen damit um, dass sie an Magersucht litt. Sie blendet Niederlagen und Probleme nicht aus, das wirkt authentisch, nicht so disneymäßig. Sie redet darüber auch auf der Bühne in dieser Art typisch amerikanischer Motivationsrede. Sie sagt, sie habe die Krankheit überwunden. Tatsächlich isst sie nur diesen Happen und tanzt dann zwei Stunden am Stück.

Cross-over-Musik für die Cross-over-Zielgruppe

Lindsey Stirling musste in den vergangenen zwei Jahren sowohl ihren Vater Stephen als auch ihren Keyboarder Gavi zu Grabe tragen. Die Liebe zu ihrem Vater spüre sie jeden Tag, sagt sie. Der lebenslustige Gavi sei ihr Vorbild, er habe sie zu einem besseren Menschen gemacht. Beim Konzert am Abend sagt sie, man habe ihr bei "America’s Got Talent" gesagt, sie werde nie Hallen füllen. Das Saallicht geht zum Beweis an, sie kann es. Das ist das Interessante an Lindseys Inszenierung: Ihre Erzählung ist immer eine mit Happy End. Die Magersucht ist überwunden, ihr Vater begleitet sie immer noch, Gavi macht sie über seinen Tod hinaus stärker, über das Urteil der Jury triumphiert sie. Oder, anders gesagt: Ein Problem teilt sie immer erst, wenn es gelöst ist. So kann sie sich verletzlich präsentieren, ohne es in dem Moment zu sein. Lindsey ist "brave enough", wie ihr Album heißt, mutig genug, immer positiv. Vermutlich zieht gerade das die Menschen so an.

In dem Moment, in dem das Saallicht angeht, sieht man auch, wer die Konzerte besucht: 20-jährige Pärchen, Instagramer, Rentner mit ihren Teenie-Enkeln, Geeks, Fantasy-Freunde. Vielleicht ist dieses Publikum gar nicht der Mainstream, sondern eine wahnsinnig große Nische? Eine, in der sich ziemlich unterschiedliche Subkulturen wohlfühlen? Im Merchandise-Shop gibt es nicht wie bei den Rolling Stones nur T-Shirts in Rock-’n’-Roll-Optik, sondern: Fantasy, Rock, Romantik, New Age. Auch in der Musik lebt Lindsey Stirling all diese Stile, und zwar parallel: mal ein Video im Fantasy-Look, dann eines im Wild-West-Stil, auch die Musik ist Cross-over.

Vermutlich trifft Lindsey Stirling genau mit diesem Nebeneinander den Zeitgeist - von Spotify und Musik-Shuffle sind wir es längst gewöhnt, dass unterschiedlichste Stile zugleich existieren. Sie ist eine wirklich postmoderne, mehrdimensionale Künstlerin. Das ist das ganze Geheimnis: Mach dein Ding. Auch wenn es wirklich anders ist, oder ziemlich viel auf einmal. Und dein Publikum findet dich.

Dieser Text ist in der Ausgabe 8/17 von NEON und auch digital für das Tablet auf iOS und Android erschienen. Hier können Einzelhefte des Magazins nachbestellt werden.

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