
Naturkunde: Lena Braun macht ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) im Pfälzer Forst© Thomas Rabsch
Den meisten jungen Männern wird die Pause staatlich per Gesetz angeordnet. Sie müssen entweder neun Monate zur Bundeswehr oder zum Zivildienst. Aber auch hier gibt es Herausforderungen, die denen im australischen Outback in nichts nachstehen (siehe Kästen Seite 96 und 100).
Als Markus* aus der Nähe von Starnberg ein paar Monate nach seinem 18. Geburtstag den Musterungsbescheid aus dem Briefkasten fischte, wollte er vor allem eines nicht: die Zeit einfach nur zähneknirschend absitzen. Wenn schon Bundeswehr, dann, bitte schön, auch mit Mehrwert.
Am Ende seiner Grundausbildung meldete er sich deshalb für den Hochgebirgszug in der Kaserne Bad Reichenhall. In den folgenden Monaten hat er dann in selbst gebauten Iglus übernachtet, ist über Gletscherspalten gesprungen, hat sich mit dem Hubschrauber auf die Berge bringen lassen und ist auf Skiern wieder runtergerast. Mitte März etwa erklomm die Truppe den Hochkalter beim Watzmann. Von 1500 auf 2100 Höhenmeter. Die Windböen tobten mit 40 Stundenkilometern, wer schwitzte, dem fror wenig später die Hose steif. "Ich musste den Stoff im Knie regelrecht brechen, um die Beine wieder bewegen zu können", erinnert sich Markus. Die Rekruten fühlten sich wie Edmund Hillary bei der Besteigung des Mount Everest. Der Lohn der Strapazen: eine Stunde Abfahrt durch Tiefschnee, weit abseits der präparierten Pisten. "Ein unbezahlbares Abenteuer", sagt Markus. Und eine kostenlose Ausbildung als Skilehrer und Bergführer war es für ihn obendrein.
Für Alexander Harms, deutlich über 1,90 groß und ziemlich durchtrainiert, wäre die Bundeswehr dagegen nie infrage gekommen. Also Bettpfannen im Altenheim leeren oder Windeln im Kindergarten wechseln? Nein, die Zeiten der Zivildienst-Monotonie sind vorbei. Wer will, kann heute auch als Sport-, Öko- oder Kultur-Zivi arbeiten, ja sogar in der Denkmalpflege finden sich ein paar Stellen.
Baseballfan Alex bewarb sich beim Hamburger SV. Tagsüber kümmert er sich um die Zehnjährigen in der Baseball-Nachwuchsmannschaft. Abends trainiert er selbst. Ein Intensivprogramm, in dem von ganz allein die Erkenntnis reifte: "Ohne Sport kann ich nicht leben, aber nur Sport ist mir auch zu wenig." Jetzt hat er sich am amerikanischen College Genesee im Staat New York beworben - Management will er studieren und natürlich im College-Team spielen.
Eine Auszeit nach der Schule ist eine gute Gelegenheit, sich selbst kennenzulernen. Seine persönlichen Grenzen auszuloten. Wie komme ich zurecht? Was kann ich mir zumuten? Und: Wie viel halte ich eigentlich aus?
Um das herauszufinden, reicht manchmal schon ein Abstecher in den heimischen Wald. Lena Braun hat das so gemacht. Sie bewarb sich für ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) im Pfälzer Forst - "Die beste Investition meines Lebens". Ihre Freunde reagierten eher verwundert: "Da lernst du doch gar nix, noch nicht mal eine Sprache. Warum machst du das nicht in Frankreich oder Lettland?" Auch die Eltern der 20-Jährigen trieb die Angst um, das Jahr könnte sich als Zeitverschwendung herausstellen. Warum denn nicht gleich an der Uni durchstarten? Für Lena war die Antwort klar: weil über dem ganzen Prüfungsstress die Planung ihrer beruflichen Zukunft auf der Strecke geblieben war. "Sofort nach der Schule irgendwas zu studieren wäre mir wie Torschlusspanik vorgekommen." Im Wald hatte sie erst mal Zeit, sich selbst auszuprobieren. Sie legte Übernachtungsplätze für Wanderer an, entrindete Bäume, warb auf Veranstaltungen für den Schutz der heimischen Wildkatzen. Bisheriger Höhepunkt: die Organisation eines Sommercamps für 50 Schulkinder - mit Brotbacken, Ritterspielen und selbst gebauten Lehmöfen. Noch bis August wohnt Lena zusammen mit einem Kollegen in einer kleinen Hütte mitten im Wald, 25 Kilometer von der nächsten Stadt entfernt. Ohne Zentralheizung. Das Holz für den Kamin schlagen die beiden selbst. "Als Erstes gab es für uns einen Motorsägenkurs", erzählt Lena. Strom liefert die Solaranlage auf dem Dach. Die Abwässer werden in der Ökokläranlage aus Schilf gereinigt. Und aus dem kleinen Gemüsegarten rupfen sich die beiden ihre Kartoffeln und Möhren. "Ich fühle mich, als würde ich ein Jahr lang Survival-Training machen."
Sie weiß jetzt, was sie kann ("überleben, überall") und was sie will ("andere für eine gesunde Lebensweise sensibilisieren"). Im Herbst geht's an die Uni in Gießen oder Fulda. Ernährungsberaterin will Lena werden.
Noch ein Jahr in Freiheit - wer diese Zeit nutzt und mal was ganz anderes wagt, wird mit unvergesslichen Erlebnissen belohnt. "Davon kann ich noch meinen Enkeln erzählen", sagt Michael aus dem Niger. Und für die Karriere sind Ausflüge auf ungewohntes Terrain mittlerweile Pflicht. Vorausgesetzt, sie waren mehr als ein All-inclusive-Urlaub. Thomas Fritz von McKinsey sagt: "Wir erwarten von unseren Kandidaten Beweglichkeit - vor allem geistige. Aus dem Lebenslauf muss erkennbar sein: Der Bewerber ist bereit, sich auf Neues einzulassen, auf sein gewohntes Umfeld zu verzichten. Das ist Voraussetzung für einen Top-Job in einem globalen Unternehmen."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 22/2009