Zum 70. Eurovision Song Contest in der österreichischen Hauptstadt Wien war die Bühne am Samstagabend (16. Mai) geprägt von kreativen Bühnenbildern, jeder Menge Feuer, schwarzer Leder-Ästhetik und einer Energie, die selbst Skeptiker mitgerissen haben dürfte. Moderiert wurde das Finale von "Let's Dance"-Moderatorin Victoria Swarovski und dem österreichischen Schauspieler Michael Ostrowski, kommentiert im Ersten von Thorsten Schorn. Am Ende zählten die Stimmen der Zuschauerinnen und Zuschauer zu 50 Prozent, die Stimmen der internationalen Jurys ebenfalls zu 50 Prozent.
Und das Ergebnis ließ es lange offen: Zum Schluss sah es nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Bulgarien und Israel aus - was es dann doch nicht war. Letztlich holte Bulgarien 516 Punkte, deutlich vor Israel mit 343 auf Platz zwei und Rumänien mit 296 auf Platz drei. Australien landete mit 287 Punkten auf Rang vier, Italien mit 281 Punkten auf Rang fünf. Auch die Jury hatte Bulgarien vorne gesehen, dahinter Australien und Dänemark.
Bulgarien hatte in den vergangenen drei Jahren auf eine ESC-Teilnahme verzichtet - und kehrte nun mit einem Knall zurück und sicherte dem Land seinen ersten ESC-Sieg überhaupt. Die 27-jährige Dara trat mit "Bangaranga" an, einem tanzbaren Stück, das laut der Sängerin selbst "das Gefühl beschreibt, das jeder in sich trägt, wenn dir klar ist, dass du alles sein kannst". Der Titel bedeutet so viel wie Chaos oder Aufruhr - und die Choreografie war eine der kreativsten und mitreißendsten des gesamten Wettbewerbs.
Null Punkte für Deutschland vom Publikum
Für Deutschland war der Abend ernüchternd. Sarah Engels trat als zweite Startnummer mit "Fire" an und lieferte eine handwerklich tadellose Performance - Feuer, eine körperbetonte Choreografie, ein spektakulärer Fall nach hinten in die Arme ihrer Tänzerinnen. Vom Publikum gab es trotzdem null Punkte. Von den internationalen Jurys erhielt Engels immerhin zwölf Punkte. Am Ende landete Deutschland auf Platz 23 von 25 - und ließ damit nur noch das Vereinigte Königreich und Gastgeber Österreich hinter sich.
Besonders in Erinnerung blieb auch Dänemark mit Søren Torpegaard Lund und "Før Vi Går Hjem": Der passionierte Liebessong wurde in Netzhemd und Lederhose mit Tänzern vor, auf und in einem Plexiglaskäfig performt. Coole Nummer! Ebenfalls bemerkenswert: Australien, das mit Pop-Ikone Delta Goodrem und "Eclipse" antrat. Vor einer riesigen Mondsichel ließ sie sich auf einem aus dem Flügel ausfahrenden Podest fünf Meter in die Höhe heben - großes Kino.
Emotionaler Gegenpol zu all dem Spektakel war der ukrainische Beitrag, der auf Platz 9 landete: Leléka trat mit "Ridnym" an und brauchte für maximale Wirkung nur ihre Stimme, ein paar Vorhänge und eine Windmaschine. Auch Frankreich (Platz 11) setzte auf stimmliche Kraft: Die erst 17-jährige Monroe lieferte eine eindrucksvolle Performance ihres anspruchsvollen Opernsongs "Regarde!".
Zwischen Tradition und Wahnsinn
Für einen der denkwürdigsten Momente des Abends sorgte Kroatien: Das Frauen-Quintett Lelek trat mit dem Ethno-Popsong "Andromeda" an - mit mehrstimmigem Gesang, der ins Mark ging, und symbolischen Tätowierungen auf ihren Gesichtern. Die ungewöhnliche Performance bescherte ihnen den 15. Platz.
Für Israel sang Noam Bettan einen französischen, hebräischen und englischen Text. Herauskam ein Liebeskummersong für "Michelle", den er vor einem riesigen Spiegel-Diamanten und zwischen unbeeindruckten Tänzerinnen performte. Bei der Punktevergabe - starke 220 gab es vom Publikum - gab es in der Halle deutlich hörbare Buhrufe.
Den kompletten Wahnsinn rief Look Mum No Computer aus dem Vereinigten Königreich aus - ihr Partytrack "Eins Zwei Drei" ließ Computer über die Bühne tanzen, machte sonst aber offenbar nicht viel mit dem Publikum (letzter Platz). Griechenland sorgte für wirklich gute Stimmung und einen echten WTF-Moment des Abends: Akylas erschien mit Katzenmütze, Neon-Fellstiefeln, einer Oma, einem Goldmann, einer Statue und einem Roller auf der Bühne (Platz 10). Und Serbien schaffte das Kunststück, trotz Progressive Metal, Scream-Attacken und brennendem Schwert-Mikrofon einen eingängigen Popsong zu bauen (Platz 17).
Für Tschechien lieferte Daniel Zizka seinen Song "Crossroads" mit viel Understatement: barfuß, zerknittertes Hemd, Performance in einem Spiegelkabinett. Allerdings hatte bei seinem Auftritt die Kamera technische Probleme, weshalb einige Zuschauer in den sozialen Medien sogar eine Wiederholung forderten. Zizkas Stimme war davon allerdings nicht beeinträchtigt.
Österreichs Eigengewächs Cosmó durfte als letzter das Heimspiel bestreiten: Mit "Tanzschein" und TikTok-Tanzeinlagen lieferte er das komplette Gegenteil des Vorjahressiegers, Countertenor JJ, und landete damit auf dem vorletzten Platz.