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4. November 2003, 14:20 Uhr

Jagd auf "Zwergerl"

Konrad wird nachdenklich: "Eigentlich kann man sich nur aus so einem Milieu einen Jungen so einfach holen, wo nicht nachgefragt wird. Was hat der Kleine da zu Hause, was soll er da schon?"

Julius kommt aus einer zerrütteten Familie in der Betonsiedlung Berlin-Marzahn. Die Mutter trinkt wohl zu viel, sagt Konrad. Dann ist Julius froh, wenn er dem Geschrei zu Hause entfliehen kann. Zum Glück gibt es Konrad, der immer auf ihn wartet. Der meckert nicht. Holt ihn freitags von der Schule ab und hört sich seine Sorgen an - für die sich sonst offenbar niemand interessiert. Konrad unternimmt immer so tolle Sachen mit ihm, behandelt ihn wie einen Erwachsenen.

Ausnahmsweise darf ich Konrad einen Tag lang mit "seinem" Kleinen begleiten, denn Konrad ist ausgesprochen eifersüchtig. Mittags warten wir an der Grundschule Berlin-Marzahn. Konrad ist schon aufgeregt, er freut sich, den Jungen zu sehen. Als Julius in den gemieteten Mercedes steigt, umarmt ihn Konrad erst mal. Ich sitze hinten. Julius muss noch zu Hause vorbei, seine Schultasche abliefern und ein paar Klamotten holen.

Mit dem Aufzug fahren wir hoch in den 13. Stock des Plattenbaus, in dem Julius die Woche über lebt. Die Wohnung ist bieder eingerichtet, ein deutscher Schlager dudelt aus einer Stereoanlage. Julius' Mutter ist geschieden, arbeitslos und hat drei hungrige Mäuler zu stopfen - Julius, seinen älteren Bruder und die ältere Schwester.

Die Mutter freut sich, Konrad zu sehen. Ein guter Freund der Familie. Umarmung, "Hallo, Konrad", "Hallo, Monika", Küsschen auf die Wange. Nach einer kurzen Plauderei verabschieden wir uns. Konrad sagt: "Tschüs, bis Sonntag dann." Julius drückt seiner Mutter einen Kuss auf die Wange.

Wir essen bei McDonald's, fahren zur Go-Kart-Bahn und dann zu einem ehemaligen Flugplatzgelände, wo der Junge ans Steuer darf. Mit 100 rast Julius im Leih-Mercedes über den Platz, auf dem Schoß von Konrad, der das sichtlich genießt. Ich sitze wieder hinten. Konrad dreht sich um und grinst mich an. Abends fahren die beiden heim, zu Konrad in die Wohnung in Berlin-Charlottenburg. Dort bin ich ein paar Tage später. Auf einem selbst gebastelten Längenmaß im Flur liest Konrad Julius' Wachstum ab, seit der Junge acht Jahre alt ist. "Mein Großer, der wird älter, damit muss ich mich abfinden." In der Wohnung gibt es nur ein Schlafzimmer - eine kleine Kammer, in der Matratzen liegen.

 
 
 
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