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25. Juni 2008, 16:40 Uhr

Anleitung zur Zivilcourage

Jeden Tag wird auf Deutschlands Straßen gedroht, gepöbelt, geschlagen - zum Glück enden die Auseinandersetzungen selten wie der Überfall auf den Rentner in München. Wie reagieren Sie, wenn jemand in Ihrer Nähe belästigt wird? Schauen Sie weg oder mischen Sie sich ein? stern.de gibt eine Anleitung zur Zivilcourage. Von Almut F. Kaspar

Zoom

Bilder des brutalen Überfalls in der Münchner U-Bahn Ende 2007© Picture-Alliance

Es war in München, zwei Tage vor Heiligabend. Da schlugen und traten zwei Jugendliche in einer Münchener U-Bahn-Station einen 76-jährigen Rentner brutal zusammen. Der Mann hatte sie zuvor in der U-Bahn aufgefordert, ihre Zigaretten auszumachen. Neujahrstag, wieder in München. Während eines Streits über zu laute Musik kam es, wieder in einer U-Bahn, zu einer Schlägerei zwischen drei Jugendlichen und zwei Männern, wobei der eine mit einem Ziegelstein schwer am Kopf getroffen wurde. 1. März, in einer Berliner U-Bahn. Nachdem ein Mann lautstark zwei Frauen anpöbelte, mischte sich ein 44-Jähriger ein, der daraufhin einen Faustschlag ins Gesicht erhielt. Dann hängte sich der Pöbler mit beiden Händen an die obere Haltestange und trat dem anderen mit vollem Schwung gegen den Kopf.

Mittlerweile scheinen solche Szenen zum Alltag in unseren Städten zu gehören. "Du wagst es, mich blöde anzuquatschen? Pass auf, ich steche dich gleich ab." Oder: "Hey, Alte, niemand sagt mir, was ich zu tun habe, hau ab, sonst zerfetzt dir mein Hund deine Visage." Zu jeder Tageszeit finden diese oder ähnliche Stänkereien und verbalen Drohungen mit ungewissem Ausgang statt. Derzeit wohl besonders beliebt: öffentliche Verkehrsmittel. Da wird gegrölt, gesoffen und geraucht - dazu Musikbeschallung, bis die Ohren dampfen. Auf engstem Raum, unter vielen Menschen.

Die Wenigsten zeigten Zivilcourage

Wie reagiert man in solchen Situationen? Wenn ein harmloser Mitbürger plötzlich von offenbar gewaltbereiten Rabauken angepöbelt und belästigt wird. Einfach die Zeitung höher halten und weiter lesen? Betreten auf den Boden schauen und schweigen?

Das Münchener Institut für Recht und Wirtschaft befragte Menschen zwischen 16 und 76, ob sie je Zeuge einer Gewalttat gewesen seien. Alle antworteten mit "ja". Ob sie geholfen hätten? 86% sagten nein.

Die Angst geht um in Deutschland. Nach den jüngsten gewalttätigen Übergriffen im öffentlichen Nahverkehr, in denen hilfsbereite Mitbürger selbst lebensgefährlich verletzt wurden, stellt sich mancher die berechtigte Frage: Warum helfen und eingreifen, wenn ich am Ende selbst Opfer sein könnte? In der Tat: Wer sich einmischt, läuft Gefahr, selbst in unübersichtliche Gewaltaktionen einbezogen zu werden. Gerade deshalb genügt es nicht, mutig einzuschreiten, sondern man muss wissen, wie. Viel zu wenig wird in der Öffentlichkeit publik gemacht, an wen man sich wenden kann, um einschlägige Ratschläge zu erhalten, die immer häufiger auch lebensrettend sein können. Dabei gibt es Angebote en masse. Angefangen bei der polizeilichen Präventionsarbeit bis hin zu mehrtägigen Seminaren in Volkshochschulen, Betrieben, Instituten, Betriebsgenossenschaften - überall werden Workshops zum Thema Zivilcourage oder Anti-Gewalt-Trainings angeboten.

"Täter suchen Opfer, keine Gegner"

Wobei dort keinesfalls Patentrezepte vermittelt werden können. Günther Gugel, Geschäftsführer des Tübinger Instituts für Friedenspädagogik e.V., weiß: "Gewaltsituationen sind häufig emotional aufgeheizt und in ihrem Verlauf kaum berechenbar oder kontrollierbar. Eine Vorbereitung auf die spezifische Situation ist kaum möglich."

Der ehemalige Berliner Kriminalhauptkommissar Reinhard Kautz ist ein alter Hase auf dem Gebiet der Gewaltprävention. Bis zu seiner Pensionierung vor fünf Jahren hat er sich ganz der Vorbeugung vor Verbrechen gewidmet und ein eigenes Anti-Gewalt-Training entwickelt, dass auch noch heute von seinen Kollegen eingesetzt wird. Ihm lag es am Herzen, die Mitbürger aufzuklären und ihnen Strategien mit auf den Weg zu geben, wie man sich gegenüber potenziellen Kriminellen aus der Opferrolle herausbringen kann. Sein Fazit aus langer Erfahrung: "Täter sind nicht machtvoll, sondern wir machen sie mächtig, wenn wir schweigen. Und: "Täter suchen Opfer, keine Gegner." Reinhard Kautz weiß, dass 95 von 100 Gewalttätern im Vorfeld aufgeben, wenn sie merken, dass da jemand auf der Hut ist.

Deshalb zielt das von ihm entwickelte Training darauf hin, Menschen aus ihrer Opferrolle herauszuholen. "Wer angepöbelt und bedroht wird", sagt Kautz, "muss sofort, energisch und unüberhörbar, verlangen: Stopp, das will ich nicht!" Damit schaffe man erst mal Distanz. Und mache andere auf seine Situation aufmerksam. Auf eine Konfrontation aber solle man sich gefälligst nicht einlassen: "Es ist klüger", sagt er, "den Belästigern aus dem Weg zu gehen und einfach an der nächsten Station auszusteigen und dem Personal Hinweise auf die Täter zu geben."

Entscheidungen in wenigen Sekunden

Seine dreistündigen Workshops, die immerhin von rund 37.000 Berlinern - davon 97 Prozent Frauen - in Schulen, Vereinen und Betrieben besucht wurden, waren so aufgebaut, dass in intensiven Rollenspielen Situationen nachgespielt worden sind. "Nur wer sich selbst helfen kann", sagt Bundesverdienstkreuz-Träger Kautz, "kann auch anderen beistehen." Nach seiner Erfahrung treffen Täter in Sekunden Entscheidungen, nur wenige sind von vornherein entschlossen und lassen sich meist durch couragiertes Auftreten abschrecken.

"Wenn Sie auf dunkler Straße verfolgt werden", rät er, "sprechen Sie nicht den vermeintlichen Täter an, sondern verändern Sie ihre Laufrichtung; sollten Sie weiterhin verfolgt werden, schreien Sie laut. Stellen sie Öffentlichkeit her." Die meisten Täter suchen dann das Weite. Oder wenn man in der U-Bahn einer Gruppe Jugendlicher gegenübersitzt, die ihre dreckigen Straßenschuhe auf den Sitzen verteilen: "Verzichten Sie auf die Aufforderung, die Füße runterzunehmen. Das provoziert nur. Steigen Sie lieber an der nächsten Station und sagen Sie, dass Sie das nicht okay finden. Und nehmen Sie wenn möglich Kontakt zum Zugführer auf, der Hausherr ist." Kautz: "Geben Sie Regelverletzern die Gelegenheit, beim Ansprechen ihr Gesicht zu wahren".

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die Tipps der Bundespolizei, wie anderen zu helfen ist, ohne sich selbst zu gefährden:

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KOMMENTARE (10 von 140)
 
kosherpork (25.06.2008, 16:55 Uhr)
Anleitung für Politiker/Richter
Lege deine Rolex ab, das Geld laß auch daheim, ziehes festes Schuhwerk an, erzähle deinem Personenschutz nicht was Du vorhast und steige am Samstag morgen, so gegen 04H00 in Hamburg in die S-Bahn, am bessten wenn es Geld gegeben hat. Ich werde Dich begleiten, deine heldenhafte Zivilcourage mit der Cam dokumentieren, sie in Youtube stellen, und alle werden Dich bewundern. Ob Du dann physisch wiedergewählt werden kannst, hängt ganz von deiner Zivilcourage ab.
Administrator (25.06.2008, 16:39 Uhr)
Liebe User,
in der letzten Stunde kreiste die Debatte hier weniger um das Thema des Artikels, sondern vielmehr um die User und Ihre Probleme untereiander.
Daher haben wir uns entschlossen, die Debatte an dieser Stelle zu schließen.
Herzliche Grüße,
Ihre stern.de-Admins
zaxxon (25.06.2008, 16:33 Uhr)
@tricky_dude
sorry, sie waren nicht gemeint! das synonym ist ähnlich.
tricky_dude (25.06.2008, 16:18 Uhr)
@zaxxon
Ich bin es nicht. Danke für die Beleidigung!
tricky_dude (25.06.2008, 16:17 Uhr)
@sportartmakler
Gibs auf, das ist eindeutig ein Österreicher. Frechheit finde ich nur das er uns was über die deutsche Sprache erzählen will.
cklasseking01 (25.06.2008, 15:39 Uhr)
@sportartmakler
Ich entschuldige mich für meine Schreibweise. Es gibt natürlich Leute, die sagen sowas höflich, andere aber auch in einem barschen Ton. Ich hatte beides erlebt. Und nein, geschlagen wurde niemand.
Da ich nicht weis, wie der Rentner die beiden Täter angesprochen hat, kann ich diesen Fall auch nicht beurteilen und zähle ihn nicht zu den potentiellen Tätern. Man muß aber auch bedenken, daß jemand, der in der U-Bahn raucht, genau weis, daß er etwas unrechtes tut und wird sich deshalb auch nichts sagen lassen. Wie ich vorher aber schon sagte, die Reaktion, die daraus resultierte, ist absolut unentschuldbar. Denn kein noch so giftig vorgetragenes Argument rechtfertigt eine gewalttätige Antwort!
Administrator (25.06.2008, 15:26 Uhr)
@sportartmakler
Lieber sportartmakler,
vielen Dank für Ihr Posting. Das gehört zwar thematisch nicht hierher, dennoch unser Hinweis: Der aktuelle Aufmacher ist in deutsch und türkisch veröffentlicht worden.
http://www.stern.de/em2008/analyse/hintergrund/:Deutschland-T%FCrkei-Ein-Herz/625028.html
Herzliche Grüße,
Ihre stern.de-Admins
whismerh2 (25.06.2008, 15:24 Uhr)
@sportmakler
Danke
wollte ich cklasseking01 auch schon fragen, war aber beschäftigt.
sportartmakler (25.06.2008, 15:23 Uhr)
@stern
supi, gibts euren aktuellen aufmacher auch in deutsch? so schaut die vom stern gelebte integration aus, wir passen uns halt an? ihr wolltet sicherlich damit einen reißen, ein großteil der leser wird es hoffentlich nicht so sehen. vielleicht ohne die ubahnschlägerdebatte am gleichen tag wäre es anders angekommen.....
whismerh2 (25.06.2008, 15:21 Uhr)
@wendraf
Warum haben denn eben diese Menschen
diese Perspektivlosigkeit.
Ihnen wurde doch von der Gesellschaft die gleichen Bildungschancen gegeben wie anderen.
Ist halt cooler Schule zu schwänzen und einen auf dicken Molly machen.
Ich habe für diese beiden Assos nicht das geringste Verständniss und mit nichts ist diese Tat zu entschuldigen.Ich habe fast selbst meine komplette Jugend in Heimen verbracht und ich meine die richtigen, nicht da wo die Reichen Ihre Söhnchen hinbringen.
Ich stehe fest im Leben habe noch nie einen Schwächeren verprügelt
und habe Achtung vor Menschnen gerade
vor Älteren.
Die beiden wissen nicht was Achtung ist und werden es auch nie Lernen
ich hatte auch keine Eltern die
mich Achtung gelehrt haben.
Ich hoffe diese beiden weicheirigen Großmäuler bekommen richtig schön den Arsch aufgerissen.
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