Schnauze voll!

17. Januar 2013, 13:02 Uhr

Zu viele Arschlöcher, zu wenig Gemeinsinn - und jetzt das Flughafen-Desaster. Warum mich nach zehn Jahren nichts mehr in Berlin hält. Eine Abrechnung. Von Tyll Schönemann

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Hat genug von Berlin: Tyll Schönemann, gebürtiger Bayreuther, hat es knapp zehn Jahre in der Hauptstadt ausgehalten. Schönemann war von 1990 bis 1994 stellvertretender Chefredakteur des stern. Der 64-Jährige arbeitet derzeit als freier Journalist und Redenschreiber.©

Nach zehn Jahren Berlin reicht es jetzt. Ich werde gehen. München, Hamburg, Heimatstadt – egal, nur raus hier. Nein, es ist nicht nur das Airport-Desaster. Es ist das Muster, das hinter dem BER-Debakel erkennbar wird, ein Muster, das diese Stadt in all ihren Facetten geprägt hat: diese organisierte Verantwortungslosigkeit der Politik und der Verwaltung auf der einen und diese eigentümliche Leidensfähigkeit oder Gleichgültigkeit der Bürger auf der anderen Seite; was nicht im unmittelbaren Kiez passiert, interessiert nur am Rande. Flughafen hat nicht geklappt, aber hamse jehört, dit neue Hotel am Bahnhof Zoo is nu fertig.

Es ist einfach nicht zu fassen, dass es in dieser Stadt noch immer so viele Verteidiger und Schleppenträger von Klaus Wowereit gibt, der die Hauptverantwortung trägt für den größten Bauskandal, Pardon, seit der Errichtung der Mauer. Andererseits: Auch zu der gab es ja damals positive Stimmen, wenn auch hauptsächlich aus dem Osten, womit ich bei einem der irritierendsten Ärgernisse in dieser Stadt bin. Heute – es ist wirklich wahr – kann man ohne große Mühe Menschen finden in Charlottenburg oder Schöneberg, in Lichtenberg oder Köpenick, die die Mauerzeiten im Rückblick als recht heimelig empfinden. Unter ihnen nicht wenige, die sich am 9. November 1989 gar nicht mehr einkriegen konnten vor lauter "Wahnsinn!".

Diese Ost- beziehungsweise West-Nostalgie der eingesessenen Berliner meiner Generation nervt zunehmend. Die einen vermissen Harald Juhnke (West), die anderen Schrippen (Ost) und finden es unzumutbar, wenn im Prenzlauer Berg auch schwäbische "Weck-le" auftauchen. Schon mal was von Globalisierung gehört? Nö, wir arbeiten noch an den Schrippen.

Theoretisch wuppt man alles - theoretisch

Ach, Berlin. Die Stadt erinnert an ein kleines Kind, das zu Weihnachten ein viel zu schwierig zusammenzusetzendes Spielzeug erhalten hat und nun verbissen, aber vergebens mit der Bauanleitung kämpft. Man will ja – und zwar ganz doll. Und man weiß auch, wie es am Ende aussehen soll, aber man kann es halt nicht. Theoretisch wuppt man alles: Wolkenkratzer am Alex, Oper Unter den Linden, Sanierung des Kongresszentrums ICC, neues Schloss, Flughafen etc. pp. Die Pläne sind jeweils so hoch-fliegend, dass man mit ihnen in schöner Regelmäßigkeit den Boden unter den Füßen verliert.

Das Wechselbad der Gefühle ist eine Berliner Erfindung. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Manisch-depressiv, heute Größenwahn, morgen Minderwertigkeitsgefühl. Das ist es, was dem Rest der Republik so auf den Wecker geht und die reichen Länder über den Finanzausgleich räsonieren lässt: Dass man hier mit dicker Hose Projekte anschiebt und dann mit der Sammelbüchse durch die Republik zieht. Und in den örtlichen Feuilletons dieses auch noch feiert: "Berlin – die Stadt, die niemals fertig wird". Das klingt nach Wagemut und unaufhörlichem Fortschritt. Ich aber habe ihn satt, diesen Schwebezustand zwischen Wunsch und Wirklichkeit, den man in Berlin "Vision" nennt.

Versifft und verSUVt

In Wahrheit gleicht Berlin eher jenen unvermeidlichen U-Bahn-Schnorrern, die durch die öffentlichen Verkehrsmittel streunen und alle den gleichen Text verkünden: "Ein durch einen tragischen Unglücksfall unverschuldet in Not geratener Mensch bittet Sie um eine kleine Spende für sich und seinen Hund." Tut mir leid: Ich kann es nicht mehr hören.

Ein weiterer Grund, diese Stadt zu fliehen: dass man zum Armutsverächter werden könnte, ebenso wie man vorher schon Reichtumsverächter war. Die Stadt ist nicht nur versifft, sondern auch verSUVt. Nirgends wirken die allgegenwärtigen riesigen Geländewagen obszöner als hier, wo mehr Menschen als in irgendeiner anderen deutschen Stadt auf Versorgungsleistungen des Staates angewiesen sind. Nirgends wirken die Plattenbauten für Reiche mit den aufgeklebten Fassaden, französischen Balkonen und Quadratmeterpreisen, die dem Jahreseinkommen eines Friseurs entsprechen, provozierender.

In keiner vergleichbaren Großstadt Deutschlands ist der Kitt des gesellschaftlichen Zusammenhaltes so brüchig wie in Berlin, in keiner Stadt gibt es weniger Gemeinschaftsgefühl. Auch wegen der Zugezogenen, die in Gedanken ohnehin mehr da sind, wo sie herkommen. Im Grunde bleibt der Münchner auch in Berlin Münchner und der Stuttgarter eben Stuttgarter. Sie haben nicht mal Heimweh, im Grunde waren sie nie weg von zu Hause.

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