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25. Mai 2009, 17:44 Uhr

Noch ein Jahr in Freiheit

Eine Auszeit nach der Schule ist ideal zum Durchatmen, Abenteuer wagen, Lebenslauf bereichern. Viele ziehen mit dem Rucksack los, andere lassen sich die Selbsterfahrung teuer organisieren. Auch Jungs, die sich für Bundeswehr oder Zivildienst entscheiden, können die Zeit nutzen. Von Silke Gronwald

Berufswahl, Lebenslauf, Karriere, Hilfsdienste, Zivildienst

Kulturschock: Michael Rose aus Koblenz entschied sich für ein freiwilliges Jahr in Afrika© Alexandre Dupeyron

Noch ein letztes Mal auf der Abi-Fete rocken, dann die Schulbücher ins Altpapier stopfen und nichts wie raus. Weg von den Eltern. Weg von zu Hause. Mit dem Rucksack durch Afrika touren, zum Rinderhüten nach Australien oder bei den Wildkatzen im Pfälzerwald leben.

Wann, wenn nicht jetzt? Diese Zeit kommt nie wieder. Die Schule ist geschafft, Hörsaal, Büro oder Werkstatt können noch eine Weile warten.

"Fast alle Jugendlichen sehnen sich nach einem Ausbruch auf Zeit", sagt Regina Schmieg von Eurodesk, einem staatlich geförderten Informationsnetzwerk mit 42 Beratungsstellen bundesweit. 36.000 Mädchen und Jungs mit Fernweh kamen im vergangenen Jahr vorbei. Mehr als vier Millionen informierten sich übers Internet. Schmieg erzählt: "Die Pause nach dem Pauken ist unter Schülern Thema Nummer eins: Was machst du? In welchem Land? Mit welcher Organisation?"

Allein im Jahr 2008 reisten 10.000 junge Freiwillige zu Hilfsdiensten in Dritte-Welt-Länder, flogen 16.000 deutsche Work & Traveler nach Australien. 25.000 Au-pairs hüteten Kinder auf allen Kontinenten. Und Hunderttausende von Praktikanten, Jobbern und Sprachschülern brachen in fremde Welten auf.

Exotische Möglichkeiten

Das Leben dreht sich auch für junge Menschen schneller. Das Abi ist auf zwölf Jahre verkürzt. Die Studienzeit seit Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge in ein festes Stundenkorsett gepresst. Freiräume sind rar, die Zeitfenster, die erlauben, auch mal etwas Verrücktes zu machen, klein.

Ob Vögel zählen im Wattenmeer oder chilenische Waisenkinder betreuen, ob in Ghana als Fußballtrainer kicken oder in Thailand als Bademeister für Elefanten arbeiten - die Möglichkeiten werden immer exotischer. Und die Erwartungen und Ansprüche der Jugendlichen wachsen: etwas Sinnvolles tun, sich selbst finden, Sprachen lernen, Bausteine für den Lebenslauf sammeln, Abenteuer erleben - am besten alles auf einmal.

Eine Auszeit muss heute auch "was bringen". Einfach nur den Rucksack packen und auf eigene Faust durch die Welt ziehen ist out. Das mag den Eltern damals gereicht haben, der von Zielstrebigkeit geprägten und durch Wirtschaftskrisen verunsicherten Generation der 18- bis 25-Jährigen genügt es nicht.

Demut statt Anspruchsdenken

Michael Rose aus Koblenz entschied sich für ein freiwilliges Jahr in Afrika. Giraffen schützen im Niger, einem der ärmsten Länder der Welt. "Je krasser der Unterschied, desto nachhaltiger der Eindruck", freute sich der 20-Jährige auf den anstehenden Kulturschock. Im August 2008 verließ er seine Heimatstadt am Rhein und reiste nach Harikanassou, ein kleines Dorf mitten im Busch. Hier ist er der einzige Weiße unter 2500 Schwarzen. Es gibt einige Hundert Strohdachhütten, viele Hühner und - seit Januar die Sensation im Ort - eine Kühltruhe. Ansonsten Sonne, Staub und Sand.

Aufgepumpt mit deutschem Eifer und, wie er heute sagt, überzogenen Erwartungen, kam der Abiturient in der Sahel-Zone an. Er wollte helfen, Resultate sehen. Doch auf den jungen Deutschen hatte keiner gewartet. Sein Projektleiter war noch irgendwo unterwegs, und die Afrikaner wussten nichts mit der Weißnase anzufangen. "Das muss man erst mal aushalten." Am Anfang hatte er eine Krise nach der anderen. Doch dann begann Michael mit der Entwicklungshilfe - bei sich selbst: Er wartete nicht, dass man ihm etwa zu tun gab. "Bei 46 Grad im Schatten den ganzen Tag in einer Hütte rumzusitzen macht schließlich auch keinen Spaß." Michael knüpfte Kontakte, fahndete nach eigenen Projekten. Sein Anspruchsdenken wich einer guten Portion Demut: "Ich hab ja nichts vorzuweisen, außer meinem Abi - keine Berufsausbildung, keine Erfahrung." Doch vieles ergab sich wie von selbst. Zum Beispiel die Zusammenarbeit mit einem französischen Wissenschaftler, für den Michael alle Giraffen der Gegend fotografierte und katalogisierte. Oder der Kontakt in das Museum der Hauptstadt Niamey, für das Michael ein aufwendiges Computerprogramm schrieb. "Irgendwas ergibt sich immer, man weiß vorher nur nicht, was genau es sein wird", sagt er mit seiner neu gewonnenen Gelassenheit.

Michael ist mit Weltwärts unterwegs, dem Freiwilligendienst des Entwicklungshilfeministeriums. Flug, Unterkunft und Verpflegung übernimmt die Organisation. Außerdem gibt es noch ein kleines Taschengeld von rund 100 Euro im Monat. Projektleiterin Karin Schüler sagt: "Wir wollen, dass jeder helfen kann und nicht nur junge Menschen mit wohlhabenden Eltern." Rund 200 Verbände und Vereine, vom Roten Kreuz bis zur Aktion Sühnezeichen, bieten Austauschprogramme für Jugendliche an. In der Regel werden die Erfahrungen in Seminaren vor- und nachbereitet. Und manche Einsätze im Ausland werden sogar als Wehrersatzdienst anerkannt.

Beschönigung des Lebenslaufs

Auch kommerzielle Anbieter haben inzwischen den Markt entdeckt. Oft sind es klassische Reiseveranstalter, die nun auch Freiwilligenjobs in Afrika, Asien oder Südamerika vermitteln. Das Geschäft boomt. Manche Volunteerreisen sind für dieses Jahr bereits ausgebucht. Dabei ähneln die meisten eher Safaris denn echter Entwicklungshilfe. Freiwilligenarbeit in Kenia bei Travelworks sieht beispielsweise so aus: Erste Woche: Mit dem Forschungsschiff zu Buckelwalen & Delfinen plus Schnorcheln zwischen Schildkröten. Zweite Woche: In den Küstenwäldern Daten sammeln zu den Schwarzweißen Stummelaffen und zwischendurch Waisenkinder betreuen. Dritte Woche: Wal- und Delfinbeobachtung mit Echolotaufzeichnung und zum Abschluss noch eine Miniexpedition zu den Elefanten. 3620 Euro kosten zweieinhalb Monate. Ohne Flug - dafür mit Abschlusszertifikat für die Bewerbungsmappe.

Bei der TUI-Kooperation Real Gap wird eine fünfmonatige Südamerika-Rundreise für 8000 Euro aufwärts angeboten - inklusive Sprachkurs, organisierter Ausflüge und zweier Alibi-Wochen Straßenkinderbetreuung in Ecuador.

Das Lebenslauf-Design hat sich in den vergangenen Jahren zu einem eigenen Gewerbe entwickelt. Die Anbieter werben mit "dem Turbo für die Karriere", "dem Farbtupfer in der Biografie". Wer nun aber glaubt mit solchen All-inclusive-Angeboten Personalchefs beeindrucken zu können, sitzt einem teuren Irrtum auf. Thomas Fritz, Leiter des Recruiting bei der Unternehmensberatung McKinsey, warnt: "Wir schätzen soziales Engagement unserer Bewerber sehr - sofern es nicht zur bloßen Beschönigung des Lebenslaufs dient. Heuchelei entlarven wir im Vorstellungsgespräch sehr schnell."

Engagement gesucht

Auch Berufsberaterin Uta Glaubitz sagt: "Es ist völlig in Ordnung, nach der Schule ein paar Monate durch die Welt zu reisen - nur sollte das anschließend nicht in der Rubrik soziales Engagement im Lebenslauf auftauchen. Unternehmen interessieren sich nicht für Touristen, sondern für Leute, die Herausforderungen meistern."

Genau die sucht Charlotte Hamway beim Work & Travel- Aufenthalt in Australien. Das spezielle Arbeitsvisum gibt es für Erwachsene zwischen 18 und 30 Jahren. Es gilt bis zu zwölf Monate und wird nur ein einziges Mal im Leben vergeben. Charlottes Mutter fand die Kombination aus Arbeit und Urlaub schlicht großartig. "So etwas hätte ich selber auch gerne einmal gemacht, wenn es das zu meiner Zeit schon gegeben hätte." Sie schenkte ihrer 18-jährigen Tochter einen Teil des Reisebudgets zum Abi. "Der Rest stammt von meinen Großeltern und aus meinen Ersparnissen. Den Rucksack beispielsweise habe ich selbst gekauft", erzählt Charlotte.

Ungefähr 5000 Euro kostete der Trip - allein 1700 Euro überwies Charlotte an Travelworks. Dafür kümmert sich der Veranstalter um Visa und Flug, verspricht Hilfe bei der Jobsuche und den Steuerformalitäten vor Ort. Zunächst aber stand Urlaub auf dem Programm. Elf Tage Cowboy-Training auf einer australischen Rinderfarm. Wenn Charlotte den Tagesablauf auf der Farm runterrattert, leuchten ihre Augen: Morgens ging's zum Kühemelken, anschließend galoppierte sie durchs Outback und trieb Rinder zusammen, nachmittags war sie zur Schafschur oder zum Zäunebauen eingeteilt. Und abends am Lagerfeuer sangen alle zusammen Countrysongs. Charlotte fand die Zeit: "Super. Richtig. Extrem. Klasse."

Jobsuche in Australien

Ende April war dann erst einmal Schluss mit Urlaub, die Jobsuche begann. Charlotte will sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen. Das Netzwerk "Willing Workers On Organic Farms" (WWOOF) hilft. Ökologisch ausgerichtete Bauernhöfe haben sich zusammengeschlossen. Statt Bargeld gibt es Unterkunft und Essen. Nach zwei E-Mails und einem Telefonat hat Charlotte bereits das erste Angebot in der Nähe von Brisbane. Ausfindig gemacht hat sie es ganz allein, ohne Unterstützung der Reiseagentur. Charlottes Resümee nach den ersten drei Wochen in Australien: "Ganz ehrlich, es ist nicht notwendig mit einem kommerziellen Anbieter zu fliegen. Das kriegt man alles auch alleine hin."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 22/2009

Einsatz ohne Waffen Zivis können fast überall arbeiten - im Altenheim genauso wie im Watt

Verweigerung: Der erste Schritt zum Zivi ist die Verweigerung beim Kreiswehrersatzamt. Darin muss schriftlich erklärt werden, warum man den Dienst mit der Waffe ablehnt. Gute Gründe sind eine gewaltfreie Erziehung oder religiöse Überzeugungen. Aber auch Gewalterlebnisse oder Berichte von Angehörigen über Kriegserlebnisse können angeführt werden. Im vergangenen Jahr verweigerten 156 248 junge Männer den Kriegsdienst, davon wurden 106 717 anerkannt.

Einsatzstellen: Sobald die Verweigerung anerkannt ist, sollte sich der Zivi auf die Suche nach einer Stelle machen. Wer sich nicht selbst kümmert, bekommt nach einer Wartezeit von einigen Monaten einen Platz vom Bundesamt für den Zivildienst zugeteilt. Die meisten Zivi-Stellen gibt es in Krankenhäusern, Altenheimen und Behinderteneinrichtungen. Seit 2002 können Kriegsdienstverweigerer sich aber auch für einen Freiwilligendienst im In- oder Ausland entscheiden. In der Kultur (www.fsj.kultur.de), im Sport (www.freiwilligendienste-im-sport.de), im Sozialen (www.pro-fsj.de), im Umweltschutz (www.foej.de), sogar in der Denkmalpflege können Zivis arbeiten. Der Einsatz dauert dann zwölf statt neun Monate. In der Regel starten die Programme im August. Weitere Informationen bietet www.zivildienst.de.

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