Cuba libre

24. Oktober 2012, 11:01 Uhr

23 Jahre nach den Ostdeutschen sollen auch die Kubaner frei reisen dürfen. Ein Gespräch mit dem letzten DDR-Staatschef Egon Krenz über Grenzöffnungen, das Leben im Feindesland - und Joachim Gauck.

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© Rainer Jensen/dpa Egon Krenz, 75 ... war in den letzten sieben Woche vor der Wende Vorsitzender des Staatsrats der DDR und Generalsekretär der SED. 1997 wurde er wegen der Todesschüsse an der deutsch-deutschen Grenze zu einer Freiheitsstrafe von sechseinhalb Jahren verurteilt, von denen er knapp vier Jahre absaß. Seitdem lebt Krenz mit Ehefrau Erika in Dierhagen an der Ostsee.

Herr Krenz, in der vergangenen Woche verkündete die kubanische Regierung ein neues Reisegesetz. Was haben Sie gedacht, als Sie diese Meldung hörten?

Gefreut habe ich mich für die Kubaner und geärgert über die Kommentierung hierzulande. Kein Wort, dass das eigentliche Hindernis für normales Reisen in der Region seit Jahrzehnten die Blockadepolitik der USA gegen Kuba ist. Den Kubanern wird nun das Reisen erleichtert, während es für US-Bürger weiterhin schwer ist, von ihrer Regierung ein Visum für Kuba zu bekommen.

In der ersten Aufregung fühlten sich viele Deutsche an den 9. November 1989 erinnert, als der damalige Sprecher der DDR-Regierung, Günter Schabowski, jene legendäre Pressekonferenz gab, die zur Maueröffnung führte. Den Zettel über die neuen Reiseregelungen hatten Sie Schabowski zugesteckt. Was ist damals schief gegangen?

Die Erinnerung an 1989 ist zu weit hergeholt. Beide Ereignisse sind unvergleichbar. Damals hatte unsere Führungsmacht Sowjetunion im Kalten Krieg vor den USA kapituliert. Das war ein weltpolitischer Einschnitt, der bis heute nachwirkt. Dagegen ist Schabowskis Unfähigkeit, auf der Pressekonferenz korrekt mit einem Text und der dazugehörigen Sperrfrist umzugehen, nebensächlich.

Trotzdem war dies der entscheidende historische Moment.

Am Abend des 9. November entstand ein Chaos, das die Gefahr einer militärischen Auseinandersetzung in sich barg. Weder Moskau war informiert noch hatten die Grenzer Befehle zur Öffnung der Grenzübergänge, die für den 10. November vorgesehen war. Was Westpolitiker bis heute als Volksfest wahrnehmen, war tatsächlich die gefährlichste Situation, die ich nach 1945 erlebte. Nur eine Fehlentscheidung, und es wäre zu einer Katastrophe gekommen. Als ich darüber am 11. 11. 1989 mit Helmut Kohl am Telefon sprach, sah er dies noch genauso. Es ist übrigens nicht korrekt, vom 9. November als dem Tag des Mauerfalls zu sprechen. An diesem Tag wurden nur Grenzübergänge von Ost nach West geöffnet. Alles andere passierte später.

Die Umstände, die damals zum Zusammenbruch der DDR führten, wollen Sie in Ihren Memoiren ausführlich kommentieren. Wann erscheint das Buch?

Das weiß ich selbst nicht. Wenn ich lese, dass heutzutage schon 30- und 40-Jährige ihre Memoiren veröffentlichen, habe ich den Eindruck, dass ich ruhig noch etwas warten kann.

Sie sollen dafür auch aufwändig recherchiert haben.

Ich habe meine Notizen, Kalendereintragungen, Aufzeichnungen und Briefe mit den in Archiven vorhandenen Akten verglichen. Einige, die ich 1989 in meinem Panzerschrank im Zentralkomitee der SED oder im Staatsrat hinterlassen habe, sind selbst im Bundesarchiv nicht zu finden. So etwas kommt vor, besonders dann, wenn es sich um Niederschriften geheimer Gespräche handelt, die Erich Honecker oder ich mit Politikern der Bundesrepublik führten.

Die Akten werden peu á peu bis 2019 zugänglich sein.

Hoffentlich. Die jetzt noch vorherrschende Schwarz-Weiß-Malerei wird dann einer objektiven Geschichtsbetrachtung weichen müssen. Links die Hölle, rechts der Garten Eden – so war die Wirklichkeit zwischen der DDR und der BRD nicht.

Sind Sie heute noch politisch aktiv?

Ich bin partei- und funktionslos und dennoch oft auf Veranstaltungen zu finden, bei denen es um die DDR geht.

Haben Sie sich inzwischen mit dem neuen Deutschland arrangiert?

Kürzlich wurde der Bundespräsident gefragt, warum er im Westen beliebter ist als in Ostdeutschland. Statt um das Vertrauen aller Deutschen, auch der Ostdeutschen, zu werben, wie es dem Amt zukäme, antwortete er: "Ich fühle mich geehrt, wenn mich die Anhänger der DDR-Diktatur ablehnen." Wen immer er meint – er spricht über Menschen, die seit 1990 Bundesbürger sind, deren Präsident er sein soll. Sie aus Gesinnungsgründen zu etikettieren, kommt einer Ausgrenzung Andersdenkender gleich. Die Einheit lässt sich nicht vollenden, wenn man nur Bürger will, die sich von ihrer Vergangenheit distanzieren. Eine solche politische Atmosphäre macht es für viele, auch für mich, nicht leicht, sich zu arrangieren.

Werden Sie im kommenden Jahr an der Bundestagswahl teilnehmen?

Ja. Ich werde die stärkste Partei, die Partei der Nichtwähler, nicht vergrößern.

Interview: Werner Mathes
 
 
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