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20. Januar 2012, 22:30 Uhr

Italien ruft Notstand um "Costa Concordia" aus

Das Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia" liegt seit einer Woche vor der toskanischen Insel Giglio auf Grund. Noch immer werden mehr als 20 Passagiere vermisst. Jetzt hat die italienische Regierung den Notstand für das Gebiet erklärt.

Die italienische Regierung hat wegen des Schiffsunglücks vor der Insel Giglio den Notstand für das betroffene Gebiet ausgerufen. Die Entscheidung sei vom Ministerrat getroffen worden, berichtete die italienische Nachrichtenagentur Ansa unter Berufung auf den Minister für Parlamentsangelegenheiten, Piero Giarda. Durch eine solche Maßnahme sind sämtliche Regierungsinstitutionen auf nationaler wie regionaler Ebene in die Rettungsarbeiten vor Ort eingebunden.

Das Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia" war vor einer Woche vor der toskanischen Insel Giglio auf Grund gelaufen. Mindestens elf Menschen kamen bei dem Unglück ums Leben, noch immer werden mehr als 20 vermisst. Da sich in dem Schiffsrumpf noch immer tonnenweise Treibstoff und an Bord schweres Metall, Putzmittel und Farbe befinden, droht zudem eine Umweltkatastrophe.

Nach dem tragischen Unglück nimmt der US-Eigner Carnival die Sicherheitsvorkehrungen auf allen seinen Kreuzfahrtschiffen unter die Lupe. "Diese Tragödie stellt die Sicherheits- und Notfall-Prozeduren unserer Firma in Frage", sagte Firmenchef Micky Arison in Miami. Er beteuerte, die Bestimmungen in der Branche seien bereits hoch. Die Überprüfung solle aber sicherstellen, "dass sich diese Art von Unglück nicht wiederholt".

Die 290 Meter "Costa Concordia" hatte am 13. Januar nach einer Kursänderung des Kapitäns einen Felsen vor der italienischen Insel Giglio gerammt und war leckgeschlagen. Mehr als 4200 Menschen waren an Bord, es gab mehrere Tote. Passagiere hatten von chaotischen Zuständen bei der Evakuierung berichtet.

Wettlauf gegen das schlechte Wetter

Die Federführung bei der Überprüfung der Notfall-Richtlinien übernimmt der ehemalige Navy-Kapitän James Hunn, der nach einer 32-jährigen Karriere in der US-Kriegsmarine bei der weltgrößten Kreuzfahrt-Reederei angeheuert hatte. Auch außenstehende Experten sollen einen Blick auf die Sicherheitsvorkehrungen werfen. Zu Carnival gehören mehr als 100 Schiffe, die unter eigenem und dem Namen diverser Tochtergesellschaften fahren, darunter der italienischen "Costa Cruises".

Derweil geben die Retter nicht auf. Wie Küstenwachen-Kommandant Cosimo Nicastro mitteilte, werde auf dem havarierten Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia" nach Vermissten "so lange gesucht, bis es das Wetter nicht mehr zulässt".

Am Morgen mussten die Arbeiten jedoch erneut unterbrochen werden. Das Schiff habe sich wieder bewegt, sagte ein Feuerwehrsprecher. Die verschiedenen Einheiten der Rettungskräfte würden sich in Kürze treffen, um weitere Schritte zu beraten.

Die "Costa Concordia" befindet sich vor der Insel Giglio in prekärer Lage. Sie droht vor allem bei unruhiger See tiefer zu sinken. Küstenwachen-Kommandant Cosimo Nicastro erklärte, am Donnerstag seien spezielle Löcher und Wege in das Schiff gesprengt worden, über die sich die Retter im Falle eines Abrutschens in Sicherheit bringen könnten. Am sechsten Tag nach der Unfall wurde nach seinen Worten kein weiterer Mensch gefunden. Immer noch werden mehr als 20 Menschen vermisst.

Knapp eine Woche nach dem Unglück warnten Meteorologen vor starken Winden und schwerem Seegang. Meterhohe Wellen könnten das havarierte Schiff abrutschen und sinken lassen.

"Nicht aufgeben, Kapitän"

Die Reederei suspendierte den beschuldigten Kapitän Francesco Schettino mit sofortiger Wirkung vom Dienst. Das Genueser Unternehmen werde ihn auch nicht verteidigen, sagte Costa-Anwalt Marco De Luca nach Angaben der Nachrichtenagentur Ansa. Schettino wird mehrfache fahrlässige Körperverletzung, Havarie und Verlassen des Schiffes während der Evakuierung vorgeworfen. Bei einer Verurteilung drohen ihm bis zu 15 Jahre Haft.

Der 52-Jährige steht in seiner Heimat unter Hausarrest. Freunde verteidigten ihn. Sie fordern, Schettino nicht länger an den Pranger zu stellen. "Nicht aufgeben, Kapitän", stand auf einem Plakat zur Begrüßung, wie Aufnahmen aus Meta di Sorrento bei Neapel zeigten.

In etwa zehn Tagen sollen toxikologische Untersuchungen abgeschlossen sein, die Aufschluss über einen möglichen Drogenkonsum Schettinos geben. Dies wurde laut Ansa aus Justizkreisen in Grosseto bekannt. Ausgeschlossen scheine es, dass Schettino während der Havarie betrunken war, hieß es.

"Geheimnisvolle Frau entpuppt sich als normaler Gast"

In italienischen Medien sorgten Spekulationen über eine angeblich geheimnisvolle Frau auf der Kommandobrücke der "Costa Concordia" für Verwirrung. Von blinden Passagieren war die Rede. Zumindest eine 25-jährige verdächtigte Moldawierin entpuppte sich jedoch als normaler Gast. Domnica Cemortan erklärte dem moldauischen Fernsehen, sie sei als Gast des Kreuzfahrtunternehmens auf dem Schiff gewesen, für das sie kurz zuvor als Hostess gearbeitet habe. Während des Abendessens mit ihren früheren Kollegen habe sich dann das Unglück ereignet.

Für das Personal von Kreuzfahrten sei es kein Geheimnis, dass Kapitän und Offiziere inoffiziell Freunde oder Verwandte einladen könnten, schrieb "La Stampa". Diese im Fall der "Costa Concordia" zu ermitteln, könnte wichtig werden, weil es auch die Verwirrung bei der Zahl der Vermissten erklären könnte.

Öl soll ab Samstag abgepumpt werden

Das Abpumpen von Öl aus den Tanks des Schiffes wird voraussichtlich mehrere Wochen dauern. Die Arbeiten sollen am Samstag beginnen, vielleicht auch schon früher, wie das italienische Umweltministerium mitteilte. Man warte darauf, dass die Rettungsarbeiten auf dem Schiff beendet seien. Die deutsche Niederlassung von Costa Crociere, Costa Kreuzfahrten, teilte mit, das niederländische Bergungsunternehmen Smit Salvage habe einen Plan zum Abpumpen ausgearbeitet.

Nach Angaben der Reederei sollen etwa 2300 Tonnen Treibstoff an Bord sein, offensichtlich überwiegend Schweröl. "Schweröl ist wie dicker, zähflüssiger Honig. Um es abzupumpen, muss es erst auf 45 bis 50 Grad erwärmt werden", sagte eine Sprecherin das Havariekommandos Cuxhaven. Die Tanks der "Costa Concordia" fassen 2400 Tonnen.

Insel Giglio
Bedienungsanleitung für die Karte: Pfeilsymbole = Karte verschieben;
Plus- und Minussymbole = Kartenausschnitt vergrößern/verkleinern.
"Karte" = Straßenkartenansicht;
"Satellit" = Luftbildaufnahme;
"Hybrid" = Luftbild mit eingezeichneten Straßen
jar/DPA
 
 
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