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15. April 2009, 15:44 Uhr

Der brave Busfahrer Stolle

Eine Mutter fährt mit ihren Kindern Bus. Durch die Unaufmerksamkeit des Fahrers bleibt ihr vierjähriges Kind allein an der Haltestelle zurück. Außer sich vor Wut beschimpft und beleidigt die Frau den ihrer Meinung nach Schuldigen. Am Ende steht nicht der Busfahrer vor Gericht, sondern die schockierte Frau. Von Uta Eisenhardt

 
Busfahrer, Haltestelle Sorgfaltspflicht

Ein Bus der Berliner Verkehrsbetriebe: Weil ihr Kind allein an einer Haltestelle zurück bleibt, gerät eine Mutter in Rage und landet schließlich vor Gericht© Sascha Schuermann/DDP

Naciye Yildiz* will mit ihren vier Kindern aus einem überfüllten Bus aussteigen. Wegen des sperrigen Doppelwagens, den sie für ihre beiden Jüngsten dabei hat, lässt sie den anderen Fahrgästen den Vortritt. Am hinteren Ausgang geleitet sie die vierjährige Hatice nach draußen. Dann steigt sie wieder ein, um den Kinderwagen mit ihrem zweijährigen Kind heraus zu tragen. Die beiden Schulkinder sollen ihr folgen.

Doch soweit kommt es nicht. Kaum ist Hatice aus dem Bus und ihre Mutter wieder eingestiegen, schieben sich die Türen trennend zwischen das kleine Mädchen und ihre Familie. Der Bus fährt weiter. Die Rufe der verzweifelten Mutter erreichen den Fahrer nicht.

"Ich stand unter Schock"

Zwei Stunden später passt Naciye Yildiz den Bus auf seiner Rücktour ab. In einem Wortschwall bezeichnet sie Andreas Stolle* als "Kinderschänder", "Arsch", "Hurensohn", "Wichser" und "Scheiß-Deutscher". Ihr ebenfalls anwesender Bruder ergänzt: "Ich hau dir in die Fresse!" Deswegen müssen die Geschwister im Amtsgericht erscheinen: Die kleine Naciye Yildiz mit dem herben Gesicht, deren langes, dunkles Haar von einer Sonnenbrille mit großen Gläsern zurück gehalten wird und der ebenso kleine Mehmet Yildiz*.

Er sei Personalleiter bei einer Discothek, sagt der 43-Jährige mit der Boxernase. Außerdem würde er noch mit Drogen handeln, nuschelt er kaum hörbar hinterher. Der provokante Satz demonstriert seine Verachtung für das Gericht, das ihn und seine Schwester auf die Anklagebank zitiert - dorthin, wo seiner Meinung nach der Busfahrer sitzen müsste. Von einer Anzeige gegen diesen hat ihm sein Verteidiger abgeraten, der Anwalt hält dies für Zeitverschwendung.

Zunächst schildert die 40-jährige Türkin dem Gericht, wie sie jene albtraumhafte Busfahrt erlebte: "Ich habe den roten Knopf gedrückt. Ich dachte, die Türen gehen wieder auf!" Doch der Bus sei losgefahren. "Ich habe geheult und geschrien. Ich stand unter Schock, ich konnte nicht alles richtig erklären." Der Busfahrer habe in ihre Augen geguckt und dann aufs Gaspedal gedrückt - so erschien es Naciye Yildiz.

Ungenügende Sorgfaltspflichten

Andreas Stolle will erst 300 Meter vor der nächsten Haltestelle bemerkt haben, dass es in seinem Bus ein Problem gibt. Ein Fahrgast habe ihn gefragt, ob er die Frau nicht herauslassen wolle, berichtet der als Zeuge geladene Busfahrer. Er sei an jenem Tag von Alexanderplatz nach Steglitz, in den Süden Berlins, gefahren. "Vom Potsdamer bis Innsbrucker Platz gab es ein erhöhtes Fahrgast-Aufkommen, ich konnte nicht mehr durch den Bus gucken", sagt der 28-Jährige. Der große Dunkelblonde spricht mit jener stoischen Ruhe, die für Berlins Busfahrer zuweilen lebensnotwendig ist.

An jener Haltestelle, an der die Familie aussteigen wollte, habe er den "Fahrgastwechsel durchgeführt" und sei dann weiter gefahren. Die "Halt!"-Rufe habe er nicht zu deuten vermocht. Im rechten Außenspiegel habe er keine eingeklemmte Person erkannt, im Rückspiegel sah er nur stehende Fahrgäste: "Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, was los ist."

"Müssen Sie sich nicht vergewissern", fragt die Richterin. Wenn jemand "Halt!" rufe, müsse man doch mal nachgucken, was los sei? "Da kann ja nichts sein! Da kann sich nur jemand im Stuhl eingeklemmt haben", beharrt der Busfahrer. "Das genügt nicht so ganz richtig den Sorgfaltspflichten", sagt die Richterin. Ihre Kritik perlt an Andreas Stolle ab: "Ich kann ja nicht mitten auf der Straße halten. An der Haltestelle kann ich mich viel besser um die Fahrgäste kümmern."

Aufgelauert und bedroht

Die Frau sei dann an der nächsten Haltestelle ausgestiegen und mit erhobenen Händen auf ihn zugekommen. Sie habe ihn in einer Sprache angeschrien, die er nicht verstanden habe und "hysterisch wie eine Furie" gegen die Fahrertür getrommelt. Die hatte er zuvor verschlossen - "um Ärger aus dem Weg zu gehen."

"Da muss doch was passiert sein, da mache ich doch nicht die Türen zu!", kritisiert der Verteidiger. "Wenn die aber mit erhobenen Fäusten auf mich zu kommt?" gibt Stolle zu bedenken. Das lässt der Anwalt nicht gelten: "Sie ist eine Frau und Sie sind ein Zwei-Meter-Mann!"

Für den Fahrer wäre jetzt die Sache erledigt gewesen, nicht aber für Naciye Yildiz. Zwei Stunden später, als Stolle sich mit seinem Bus auf dem Rückweg zum Alexanderplatz befand, kochte noch immer die Wut in ihr. "Da haben Sie mir aufgelauert!", beschreibt es der Zeuge. Die Türkin sei vorn in seinen Bus eingestiegen und drohend auf ihn zugekommen. Abwehrend habe er seinen rechten Arm ausgestreckt. Daraufhin habe ihr Bruder Mehmet gesagt: "Wenn du die Frau anfasst, hau ich dir in die Fresse!"

Mildernde Umstände für die Angeklagten

Andreas Stolle informierte seine Leitstelle. Die schickte einen Verkehrsmeister und rief die Polizei. Unterdessen habe Naciye Yildiz ihn beschimpft. Das gibt sie auch zu. Sie habe ihn gefragt, warum er ihr das angetan habe: "Bin ich ausgerastet, hab ich ihn angeschrien, hab ich viele Wörter gesagt." Welche Worte, das weiß sie heute nicht mehr. "Aber Scheiß-Deutscher habe ich nicht gesagt." Ihr Bruder sei gekommen, als sie schimpfend im Bus stand: "Der wollte mich aus dem Bus heraus holen."

Ob ihrem Kind etwas passiert sei, will die Richterin von der Angeklagten wissen. Nein, glücklicherweise blieb die Vierjährige an der Haltestelle stehen, bis deren elfjähriger Bruder sie holte und zurück brachte. "Mein Sohn ist einen Kilometer zurück gerannt!", schimpft Naciyes Lebensgefährte von der Zuschauerbank.

Die Staatsanwältin hat Verständnis für die Aufregung der Familie und für die Panik der Frau. Sie billigt beiden Angeklagten mildernde Umstände zu. Die Ein-Euro-Jobberin und ihr gering verdienender Bruder sollen wegen Beleidigung je 450 Euro (30 Tagessätze) zahlen.

Keine Strafmilderung für vorbestraften Bruder

Auch die Richterin äußert Mitgefühl für die psychische Ausnahmesituation der Mutter. Diese sei zwar wegen Betruges, Falscheides und gemeinschaftlicher Bedrohung mehrfach vorbestraft, aber noch niemals wegen Beleidigung. Außerdem sei sie geständig. Für ihren siebenfach vorbestraften Bruder jedoch könne die Richterin nichts Strafmilderndes erkennen. Er soll darum 750 Euro (50 Tagessätze) zahlen, für die Schwester bleibt es bei 450 Euro. Den Busfahrer nimmt die Richterin trotz ihrer Kritik in Schutz: Andreas Stolle habe nicht vorsätzlich gehandelt.

Laut schimpfend und "Schande" skandierend verlässt Familie Yildiz den Gerichtssaal. Andreas Stolle, der noch bis zur Urteilsverkündung geblieben ist, strebt zügig dem Ausgang entgegen.

* Namen von der Redaktion geändert

Uta Eisenhardt

Uta Eisenhardt Uta Eisenhardt ist Berlinerin in dritter Generation. Seit fünf Jahren ist sie Gerichtsreporterin. In der stern.de-Kolumne "Icke muss vor Jericht" berichtet sie aus dem Berliner Amtsgericht, einem der größten Deutschlands. Jede Woche schreibt Eisenhardt über einen Prozess mit dem gewissen Etwas: manchmal traurig, manchmal kurios - immer spannend.

Von Uta Eisenhardt
 
 
KOMMENTARE (10 von 21)
 
Heinrich_Koch (16.04.2009, 21:21 Uhr)
Am meisten gelacht habe ich an dieser Stelle:
"Auch die Richterin äußert Mitgefühl für die psychische Ausnahmesituation der Mutter. Diese sei zwar wegen Betruges, Falscheides und gemeinschaftlicher Bedrohung mehrfach vorbestraft, aber noch niemals wegen Beleidigung."
Na, da muss es natürlich mildernde Umstände geben. Ist doch klar.
Chessi (16.04.2009, 20:28 Uhr)
Eine wirlich Kulturelle Beeicherung laut unserem Minister
Mutter. wegen Betruges, Falscheides und gemeinschaftlicher Bedrohung mehrfach vorbestraft, Für ihren siebenfach vorbestraften Bruder jedoch könne die Richterin nichts Strafmilderndes erkennen.
Eine tolle Familie nicht wahr ???
FrankAdam (16.04.2009, 17:57 Uhr)
lauter Lärm
also nu muss ich mal ne Lanze für die Busfahrer brechen:
Ein Geräuschpegel bis zum Erbrechen gibt es in einem Bus sicherlich nicht, aber als Busfahrer konzentriert man sich auf den Verkehr, das Ein - und Aussteigen der Fahrgäste, das Kassieren, unerwartete Hindernisse, Ampeln.......der Fahrer ist nach hinten abgeschirmt, dazu kommt noch das Fahrgeräusch.
WENN JEMAND GEFAHR SIEHT UND DEN BUSFAHRER AAUFMERKSAM MACHEN WILL; DANN BITTE LAUT!
Alles andere ist Blödsinn.
botoxia (16.04.2009, 09:01 Uhr)
Beleidigungen
sind ein täglicher Bestandteil unseres Lebens, egal ob man Scheiß-Deutscher oder Scheiß-Türke oder Scheiß-Sonstwer ist. In fast jedem meiner Vorgängerkommentare ist eine Beleidigung, und auch in ganz vielen anderen Diskussionen hier auf dem Sternforum wird sich gegenseitig beleidigt, bis der Admin kommt. Oder im Strassenverkehr, wer ist da denn nett zu seinem Vordermann, der grade Mist baut? Na? Maria1000, ich befürchte, die haben nicht über das Urteil gelacht, sondern sich ungerecht behandelt gefühlt, und haben wahrscheinlich angenommen, dass sie nur deswegen selber vor Gericht stehen, weil sie eben die "Ausländer" sind. Sein 4 jähriges Kind alleine an einer Bushaltestelle zu wissen, und in das entsetzte Gesichtchen zu schauen, während man sich in einem verschlossenen Bus befindet, der sich stetig entfernt - und mit jedem Meter, den der Bus weiter wegfährt erhöht sich die Gefahr für das Kind - und man schreit "Halt", aber den stoischen Busfahrer interessiert es nen Dreck, warum - nun, ich befürchte, mir wären zu 100% auch mehrere Beleidigungen über die Lippen gekommen. Einzig die Tatsache, mit Bruder (erstaunlich, nur einer) Stunden später "Rache" nehmen zu wollen ist verwerflich.
Mikeorganizer (16.04.2009, 07:26 Uhr)
Das spricht doch Bände oder ?
Zitat "Diese sei zwar wegen Betruges, Falscheides und gemeinschaftlicher Bedrohung mehrfach vorbestraft, aber noch niemals wegen Beleidigung. Außerdem sei sie geständig. Für ihren siebenfach vorbestraften Bruder jedoch könne die Richterin nichts Strafmilderndes erkennen.
Laut schimpfend und "Schande" skandierend verlässt Familie Yildiz den Gerichtssaal. Andreas Stolle, der noch bis zur Urteilsverkündung geblieben ist, strebt zügig dem Ausgang entgegen." warum strebt Sie nicht der Landesgrenze entgegen ? solche Verbrecher und unsoziale Menschen brauchen wir nicht - die haben wir schon genug in unseren eigenen Reihen. Hier versagt die Politik auch wieder mal - gibts eigentlich irgendwas wo sie nicht versagt ? Mir fällt da nix ein.
Mikeorganizer (16.04.2009, 07:01 Uhr)
Zivilisiert ?
Ich persönlich kann einigen Kommentaren hier nur zustimmen. Einen rechten Hintergrund sehe ich in diesem Falle aber nicht. Zu beobachten ist aber, dass sich hier die seit Kindheit eingetrichterten Lehrer einer Kriegsschuld hervorragend bemerkbar machen, indem man sich gegen Menschen mit entsprechender Weitsicht stürzt und sie am liebsten auf den Scheiterhaufen setzen würde. Fakt ist aber und ich lebe in einer Türkenstadt mit eigenem türkischen Stadtteil – einem sogenannten fremden Staat im eigenen Lande. Da leben Menschen neben mir die 30 Jahre ihres Lebens hier verbracht haben und nicht ein einziges deutsches Wort beherrschen. Alle Vorteile dieses Landes genießen oder gar bis zum letzten Ausnutzen aber sich sonst nicht anpassen. Das man sich beim geringsten Auffallen als scheiß deutsche Drecksau betitelt wird oder gar Prügel kassiert sind keine Seltenheit. Von Integration oder Eingliederung dieser merkwürdigen radikalen Türken, kann in Deutschland zumindest keine Rede sein. Dieser Vorfall ist nur wieder mal ein Paradebeispiel für die Wertschätzung die uns hier das türkische Volk an Respekt den deutschen Gegenüber zeigt. Wir haben doch im Grunde schon genug mit unserem eigenen deutschen Kriminellen und sozial niedrigen Aussatz zu tun.
….und bevor jetzt die Leute meinen Scheiterhaufen anzünden, weil Sie wieder nix verstanden haben… Wenn ich mich für ein Land entschieden habe, dann lerne ich erstens die Sprache, respektiere die kulturellen Unterschiede und passe mich an und bilde keine deutschsprachigen Ghettos um diese wohl bald tote Sprache weiter zu erhalten. Weil dann kann ich gleich in diesem Scheiss Land bleiben …gell ?
Countryjoe (16.04.2009, 06:59 Uhr)
Man staunt immer wieder
was für Entschuldigungen sich Richter einfallen lassen, wenn es darum geht, ausländische Täter möglichst milde zu bestrafen. Die können sich einen Verteidiger glatt sparen. Man stelle sich vor wie die gleiche Richterin entschiedne hätte wenn eine Deutsche einen Türken derart beschimpft hätte. Soweit ich weiß schlägt dann die Volksverhetzung zu, die ja bei Beschimpfungen gegen Deutsche dank eines juristischen Ticks nicht angewandt wird.
SethusCalvisius (16.04.2009, 01:01 Uhr)
Schade,
man hätte sich mal einen Spaß machen sollen und die Geschichte mit einem türkischen Busfahrer und einer deutschen Mutter erzählen sollen. Das würde mich interessieren, wie die Kommentare dannn ausgefallen wären. :-)
Windukeit (15.04.2009, 22:30 Uhr)
@DanielV
Die Frau ist den Busfahrer Stunden NACH dem Vorfall mit dem Kind mit Hilfe ihres Bruders angegenagen. Würde sie ihr Kind schützen wollen, würde sie Solches vermeiden, um nicht möglicherweise im Knast zu landen. Ihr Verhalten ist nicht tolerabel.
Dennoch: Sie haben Recht mit dem, was Sie über Rechtsradikalismus und Rassismus schreiben.
leobissinger (15.04.2009, 21:28 Uhr)
widerliche kommentare ...
und stellt euch vor: ich fühle mich durch den "scheiss deu.." übrigens auch nicht angesprochen.
Scheisse finde ich die reaktion einiger busfahrers in der beschriebenen situation.
Solch komplette beratungsresistent gegen alle ansagen und rufe erlebe ich beim busfahren leider allzuoft.
Der beschriebene fall ist vielmehr symthomatisch für die service-wüste in deutschland.
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