Es erscheint wie eine Farce. Skrupellos hat ein Ehepaar in Saus und Braus gelebt - und zwar auf Kosten einer gutgläubigen, alten Dame. Als die Ehe auseinanderging, begannen die gegenseitigen Racheakte. Von Uta Eisenhardt

Die Hände einer alten Frau: Aber zugegeben, so einfach ist's nicht, den Zusammenhang zwischen dem Bild und der Kolumne herzustellen© Philipp Guelland/DDP
Es waren einmal ein Oberstudienrat und eine Augenärztin, die hatten ein Haus und drei Kinder. Außerdem gehörten ihnen eine Praxis, mehrere Eigentumswohnungen und Autos. "Wenn Gärtner und Haushälterin bezahlt waren, hatten wir noch 4000 Euro übrig", sagt Peter Heinemann*. Gemeinsam veruntreute das Paar das Vermögen einer Hundertjährigen.
Im Oktober 2007 musste der Oberstudienrat allein dafür gerade stehen. Die Rolle seiner Ex-Frau durchschaute die Justiz damals nicht. Er besaß die Vollmachten, er hatte das Geld bewegt, das Dr. Irena Heinemann* erben sollte. Doch während des Prozesses gegen ihren Ex-Mann fiel die Mitschuld der Ärztin auf.
Nachlässig hat die teuer gekleidete Blondine ihr glattes Haar hoch gesteckt. Die 59-Jährige trägt eine randlose, blau getönte Brille. Ein Schmollmund im puppenhaften Gesicht zeugt von früherer Schönheit, ihre Stimme klingt schleppend und nörgelig.
Zwanzig Jahre lang betreute sie die verwitwete Charlotte König*, Jahrgang 1908. Die konnte kaum gehen und nur schlecht sehen. Regelmäßig kam Frau Doktor zum Hausbesuch. Anschließend plauderten sie. "Wieso hatten Sie zu Frau König ein besonderes Verhältnis", fragt der Staatsanwalt. "Das war nicht anders als zu anderen Patienten", sagt die Angeklagte und fügt hinzu: "Sie hatte niemanden."
2002 erkundigte sich die Seniorin, ob die Ärztin jemanden kenne, der sich um ihre Finanzen kümmern könne. Ob das nicht Frau Doktor machen wolle? Irena Heinemann hegte Bedenken und schlug ihren Mann vor. "Ich hatte volles Vertrauen", erklärte Charlotte König im Prozess gegen Peter Heinemann. Schließlich handelte es sich um einen Lehrer, "zudem an einer höheren Schule".
Im Januar 2003 übergab sie dem Paar ihre Sparbücher. 524.420 Euro besaß die alte Dame, die sparsam gelebt und ihre Schwester beerbt hatte. Einen Monat später transferierte der Oberstudienrat 240.000 Euro auf das Geschäftskonto seiner Frau. Später tilgte er Kredite für die Praxis, das gemeinsame Haus und die Eigentumswohnungen, bezahlte Familienreisen, Aktien sowie einen Sprachkurs für den Sohn. Seine Frau kaufte sich eine neue Praxis, einen Alfa Romeo und viele Klamotten.
Peter Heinemann beglich auch Rechnungen für Charlotte König: Er überwies die Kosten für einen kurzen Aufenthalt in einem Seniorenstift, für eine Pflegekraft und eine Fernsehreparatur. Zuweilen brachte er ihr Bargeld und las bei Kaffee und Kuchen Gedichte vor. Nach knapp zwei Jahren war das Vermögen ausgegeben.
Der Geldsegen konnte die Stimmung im Hause Heinemann nicht bessern - seit Mitte der neunziger Jahre wollte die Ärztin sich trennen, berichtet ihre ehemals beste Freundin Waltraud dem Gericht. Dies habe Irena aber ihren Kindern nicht antun wollen, weil sie selbst als Scheidungskind "Zerrissenheit und Kluft erlebt hatte", ergänzt eine andere Freundin.
Anfang 2005 zog Waltraud um. Eigentlich wollte die Ärztin helfen, schickte dann aber ihren Mann. Beim Kistenpacken und -schleppen entdeckten der Oberstudienrat und die Justizobersekretärin ihre Liebe zueinander: "Es klingt wie eine Seifenoper", sagt Waltraud, die neue Frau Heinemann. "Der Mann meiner Freundin war immer eine Unperson für mich, ich habe nie einen Blick auf ihn geworfen." Im Juli 2005 zog der Beamte bei ihr ein.
Die Ärztin sann nach Rache: Sie berichtete Charlotte König von den abgeräumten Sparbüchern. Die alte Dame war bitter enttäuscht - von dem Oberstudienrat. Auf Frau Doktor ließ die Seniorin bis zu ihrem Tod im Januar 2009 nichts kommen.
Nach dem Auszug ihres Mannes zeigte Irena Heinemann selbigen an und verdächtigte Waltraud: Diese habe im Arbeitszimmer ihres Mannes einen Zettel mit der Kontonummer ihrer ehemaligen besten Freundin gefunden, berichtete die Verlassene der Polizei. Half die Ehebrecherin, das Königsche Geld ins Ausland zu bringen?
Die Angeklagte habe die Herkunft des Zettels gekannt, erklärt ihre Nachfolgerin. Die Ärztin schuldet ihr nämlich Geld, das sie überweisen wollte. Darum schrieb ihr Waltraud ihre Kontonummer auf.
In seinem Prozess sprach Peter Heinemann von einer Schenkung. Diese war nicht offiziell, weil Frau König "absolut die Steuer vermeiden wollte". Sie habe ihm aber erklärt, "sie gebe lieber mit warmen als mit kalten Händen." Dem widersprachen sowohl die geistig rege Rentnerin als auch der Notar.