Vor einem Jahr erlebte Japan die Fukushima-Katastrophe. Regierungschef war damals Naoto Kan. Im stern-Interview spricht er über die dramatische Lage nach dem Erdbeben und über mögliche Fehler.
Mit Angst. Ich lebe in einem Vorort von Tokio. Meine Mutter lebt in Mitaka, ein kleines Stück weiter. Wenn das atomare Desaster sich von Fukushima aus weiter ausgebreitet hätte, wäre diese Gegend jetzt unbewohnbar. Der Gedanke macht mir bis heute Angst.
Mit dem enormen Erdbeben. Sofort haben wir uns im Krisenzentrum zusammengefunden und die notwendigen Maßnahmen ergriffen. Unmittelbar danach erhielten wir die Information, dass ein Tsunami die japanische Küste treffen werde.
Sofort nachdem der Tsunami das Land erreicht hatte, erfuhr ich, dass in der Atomanlage die gesamte Stromversorgung zusammengebrochen war. Mir war bewusst, dass wir nun ein ernsthaftes Problem bekommen würden.
Unser Problem bestand darin, dass wir keine präzisen Auskünfte über den Zustand der Reaktoren bekamen. Es scheint so, dass nicht einmal Tepco, der Betreiber der Anlage, wusste, was sich wirklich abspielte.
Zumindest wissen wir, dass wir im Krisenzentrum zu lange von falschen Annahmen ausgegangen sind. So dachten wir, der Wasserstand in den Kühlbecken sei deutlich höher. Tepco ging davon aus, dass die Brennstäbe noch unter Wasser sind. Hätten wir gewusst, wie niedrig der Wasserstand in den Kühlbecken wirklich war, hätten wir viel früher angefangen, Wasser nachzupumpen. Wir wussten auch nicht, wie hoch die Temperatur in den Reaktoren war. Die meisten Gedanken machten wir uns darüber, wie wir mobile Generatoren nach Fukushima bringen konnten, um die Stromversorgung wieder in Gang zu bringen.
Es gibt in Japan Überlegungen, einige Küstenorte im Norden nicht wieder aufzubauen. Ob die Bevölkerung da mitmacht, kann man noch bezweifeln. Wir haben es nach dem Kobe-Erdbeben von 1995 erlebt, dass die Menschen ihre Region nicht verlassen wollten. Inzwischen hat wohl bereits eine Baufirma angekündigt, zeitnah 30.000 Häuser bauen zu wollen. Insgesamt bin ich zuversichtlich, dass Japan auch diese schwere Krise in den Griff bekommt.
In der Tat gab es am 15. März gegen drei Uhr nachmittags solche Gedankenspiele. Es gab Wasserstoff-Explosionen, und die Radioaktivität nahm dramatisch zu.
Der Radius der Evakuierungszone hing immer mit dem aktuellen Zustand der Reaktoren zusammen. Erst waren es drei Kilometer, dann fünf, dann zehn. Wäre die Lage weiter eskaliert, hätten wir darüber nachdenken müssen.
Was ich heute denke und damals wusste, sind zwei verschiedene Dinge. Heute weiß ich, dass die Leute von Tepco alles taten, was sie tun konnten. Heute weiß ich auch, dass das nicht ausreichte.
Ja. Die Gründe für den Unfall liegen weit vor dem 11. März 2011. Als die Anlage vor etwa 40 Jahren geplant wurde, wusste man, dass die Küste alle 50 bis 100 Jahre von schweren Tsunamis heimgesucht wird. Trotzdem baute man das Kernkraftwerk nicht 35 Meter über dem Meeresspiegel, sondern nur zehn Meter darüber. Auch die Möglichkeit eines kompletten Stromausfalls zog keiner in Betracht.
Das kann sein. Vor dem 11. März war in meiner Heimat die nukleare Technik von einer Art Sicherheitsmythos umgeben. An dessen Entstehen waren diverse Behörden, Experten und auch die Medien beteiligt. Nach dem 11. März brach dieser Mythos zusammen, denn im schlimmsten Fall wäre ja die Existenz unseres gesamten Landes in Gefahr gewesen. Heute ist eine Energiepolitik, die auf den Dialog mit den Bürgern verzichtet, nicht mehr möglich.
Deutschland hatte ja bereits vor dem Unfall entschieden, die Abhängigkeit von der Kernenergie zu reduzieren. In Japan gab es dagegen Pläne für weitere Atomkraftwerke. Auch wir versuchen nun, stärker auf erneuerbare Energien und auf Energieeffizienz zu setzen. Trotz Fukushima findet der Atomausstieg in Japan aber nicht mit der gleichen Geschwindigkeit statt wie in Deutschland.