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16. Januar 2010, 14:52 Uhr

Leben retten im Akkord

Er hat auf seinem Anwesen ein Feldlazarett eingerichtet und versorgt die Erdbebenopfer im Akkord: Ein haitianischer Kinderarzt ist für viele Menschen zur letzten Hoffnung geworden.

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Dr. Frantz Python und Dr. Claude Surena (r.) begutachten die Verletzung einer Frau© Lynne Sladky/AP

Schon seit Jahren behandelt Claude Surena Kranke in seinem zweistöckigen Haus in der Nähe der Innenstadt von Port-au-Prince. Seit dem jüngsten verheerenden Erdbeben in Haiti ist die Hilfe des 59-jährigen Kinderarztes aber gefragt wie selten zuvor. Surena hat sein Anwesen in ein Feldlazarett für mehr als 100 Erdbebenopfer verwandelt. Seine Patienten behandelt er im schattigen Hof seines unzerstörten Hauses, während tausende andere Verletzte in den Straßen der Stadt unter gleißender Sonne darauf warten, dass sich einer der wenigen Ärzte ihrer annimmt.

"Wer auch immer mich hierher gebracht hat, ich muss mich bei ihm bedanken", sagt Steve Julien. Er kann sich nur erinnern, dass Rettungskräfte seinen Namen riefen, während sie sich durch die Trümmer seines eingestürzten Hauses gruben. Dann verlor er das Bewusstsein. Als er aufwachte, lag er auf einer Matratze im ruhigen Hof von Kinderarzt Surena.

Den Sterbenden Trost spenden

Schon kurz nach dem Erdbeben vom Dienstag, bei dem fast alle Gebäude in der Umgebung einstürzten, erschienen die ersten Nachbarn bei Surena. "Es ist ein Segen, dass mein Haus sicher ist", sagt der Arzt. "So konnten wir wenigstens für jeden etwas tun." Er nutzt Essen und anderes Material, das aus den umliegenden zerstörten Gebäuden geborgen wurde, für die Patienten. Er hat zahlreiche Knochenbrüche behandelt, und den Sterbenden konnte er in seinem Hof zumindest ein wenig Trost und einen ruhigen Platz abseits aller Verwüstung bieten.

Seine Patienten haben bei dem Beben körperliche und seelische Wunden davongetragen. Der 48-jährige Julien ist mit ein paar Kratzern noch vergleichsweise glimpflich weggekommen. Andere haben Mehrfachbrüche und eiternde Wunden. Mindestens zehn Patienten benötigen laut Surena dringend eine intensivere Behandlung. Die Verletzten singen christliche Lieder und drängen sich unter den Laken zusammen, die zeltartig aufgespannt wurden und Schatten spenden. Die Erinnerung an das Erdbeben verfolgt sie, und Nachbeben erschrecken sie. "Manchmal fangen sie einfach an zu weinen. Und die Erde bewegt sich immer noch", sagt Surena, der zugleich örtlicher Bezirksvorsitzender der haitianischen Katastrophenhilfe ist.

Die Bedingungen in seinem Haus sind bescheiden. Plastikeimer dienen als Toiletten, und für einige der Patienten kann Surena wenig mehr tun, als ihre Wundverbände zu wechseln. Dennoch geht es ihnen besser als vielen anderen in der Stadt mit vermutlich drei Millionen Einwohnern.

18 Patienten gestorben

Surena kümmert sich gemeinsam mit zwei Kollegen um die Hilfsbedürftigen auf seinem Grundstück. 18 ihrer Patienten sind inzwischen gestorben. Als seelisch besonders belastend empfand Surena den Tod einer Schwangeren. Sie starb am Dienstagabend, kurz nachdem ihre Wehen eingesetzt hatten, vermutlich an inneren Blutungen. Trotz eines rudimentären Kaiserschnitts konnten die Ärzte auch das Kind nicht retten. "Sie hat wirklich gelitten", sagt Surena. "Das emotional Schwierigste war, dass du weißt, was du machen musst, aber du hast einfach nicht das nötige Material dafür."

Die Patienten sagen, sie wüssten, dass Surena tue, was er könne. In einer Ecke des Hofs versucht die 19-jährige Florene François auf einer Decke, ihren 18 Monate alten Sohn zu beruhigen. Sie sagt, ihr gehe es gut, aber sie sorge sich über eine tiefe Wunde am Hinterkopf ihres Kindes. "Ihnen fehlt, was sie zum Nähen der Wunde brauchen", sagt François. Der 39-jährige Schneider Roger Hubert trägt seinen mehrfach gebrochenen Arm in einer Schlinge. Weil es kein Röntgengerät gibt, konnten die Knochen noch nicht gerichtet werden. "Angesichts des Materials hier versorgen sie uns gut", sagt er.

"Man weiß nicht, wohin sich wenden"

Die Vorräte an Nahrungsmitteln, Wasser und Arznei gehen schnell zur Neige. Surena selbst fuhr am Donnerstag zum Flughafen, nachdem Nachbarn die Trümmer von der einzigen Straße, die den Hügel von seinem Haus hinunterführt, beiseite geräumt hatten. Doch im allgemeinen Chaos am Flughafen konnte er nichts ausrichten. "So viele Flugzeuge. Man weiß nicht, wohin man sich wenden soll und wen man ansprechen soll." Doch er glaubt fest daran, dass weitere Hilfe kommt, Vorräte und auch mehr Ärzte.

Unterdessen gewährt Surena weiter jedem auf seinem Grundstück Unterschlupf, denn die Hilfesuchenden haben keinen anderen Ort, wo sie hingehen könnten. Drei Patienten, die dringend operiert werden müssten, schickte er am Donnerstag in ein Krankenhaus an der Straße zum Flughafen. Doch als sie dort abgewiesen wurden, nahm er sie wieder auf. "Die hätten sonst ihre Leichen auf der Straße liegen lassen", sagt Surena.

Spendenkonten Mehr als 50.000 Menschen sind bei dem schweren Erdbeben in Haiti ums Leben gekommen. Unzählige sind obdachlos, verletzt und hilfsbedürftig. Wenn Sie für die Opfer der Naturkatastrophe spenden wollen, finden Sie hier eine Liste mit Hilfsorganisationen, die vor Ort die Bedürftigen unterstützen.

Personensuche des Roten Kreuzes Zahllose Menschen werden seit dem verheerenden Erdbeben in Haiti vermisst. Das Internationale Rote Kreuz gibt auf einer speziellen Web-Site die Möglichkeit, nach vermissten Verwandten und Freunden zu suchen.

Dort sind bisher bereits mehr als 14.000 Vermisste registriert, die Zahl der Einträge steigt weiter.

Mike Melia/AP
 
 
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