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1. November 2007, 16:14 Uhr

"Kriegserklärung an England"

Madeleines Bild auf Zwieback-Packungen und Reiniger-Flaschen: Das Satire-Magazin "Titanic" sorgte mit dieser Anzeigenparodie für helle Aufregung in Großbritannien. Im stern.de-Interview verrät Martin Sonneborn, Erfinder der Anzeige, seine Absichten - und warum er sich auf Klagen freut.

Martin Sonneborn, Mit-Herausgeber von Titanic, mit den umstrittenen Madeleine-Seiten© Reuters

Herr, Sonneborn, was war der Auslöser dafür, das Thema der verschwundenen Madeleine in der "Titanic" aufzugreifen?

Wir hatten furchtbare Angst, dass etwa Lidl oder Aldi bereits Pläne in der Schublade liegen haben, solch eine abgefeimte Werbekampagne mit Maddies Bild zu veranstalten. Deshalb wollten wir schnell die Weltöffentlichkeit informieren. Ich glaube aber, dass die ganze Empörung unangebracht ist. Die Engländer haben ja eine große Satire-Tradition. Und jetzt haben sich die beiden großen satirischen Blätter des Landes, die "Sun" und die "Daily Mail", empört, weil wir ihnen einen guten Witz vor der Nase weggeschnappt haben.

Ist es nicht verwunderlich, dass sich die englischen Boulevardblätter mokieren, die ja für ihren schwarzen Humor bekannt sind?

Nein, das ist nicht verwunderlich. Wie gesagt, diese Blätter sind einfach sauer, da wir in ihren Gewässern fischen und den besseren Witz gemacht haben.

Haben Sie mit so einer starken Reaktion aus England überhaupt gerechnet?

Ich hätte eher erwartet, dass es gar nicht groß auffällt, schließlich ist ja die halbe Welt mit Bildern von Maggie überzogen worden. Außerdem stand ja auch "Find Maddie" darüber, es hebt sich also nicht groß ab von den anderen 80 Millionen Maddie-Bildern um uns herum.

Können Sie die Entrüstung von Madeleines Eltern nachvollziehen?

"Titanic" ist ein Satire-Magazin, und Maddies Eltern stehen nicht auf unserer Abonnenten-Liste. Wenn jetzt ein Reporter von der "Sun" zu Maddies Eltern geht und ihnen diesen Artikel unter die Nase hält, finde ich das geradezu empörend. Pfui! Schmutz total!

Es wird also keine Entschuldigung von Seiten der "Titanic" geben?

Nein, ich hoffe eher, das sich die "Sun" bei uns entschuldigt. Sie haben schließlich unseren geschmacklosen Artikel nachgedruckt, und wir überlegen gerade, ob wir sie nicht verklagen sollten.

Haben Sie Angst, verklagt zu werden?

Man fährt immer gut, wenn man "Titanic" verklagt. Helmut Markwort, Stuckrad-Barre und die SPD wissen ein Lied davon zu singen. Ich kann wirklich jedem nur zuraten, "Titanic" zu verklagen. Das bringt öffentlichkeitswirksame Prozesse, die für beide Seiten eine großartige Werbung sind.

Und Madeleines Bild würde auch weiter im Fokus der Öffentlichkeit stehen?

Stimmt!

Überschreitet der Artikel nicht die Grenzen der Satire?

Das ist auf jeden Fall grenzüberschreitende Satire, denn wir sind ja damit über den Kanal gegangen. Ich würde sogar sagen, es handelt sich um eine Kriegserklärung an England.

Sie werden demnächst von englischen Kamerateams besucht, wird es eine Pressekonferenz geben?

Nein, es gibt verschiedene Interview-Termine mit britischen Sendern. Dabei herrscht aber eine ganz freundliche Atmosphäre, viele englische Journalisten freuen sich natürlich über das, was wir da gemacht haben. Bei anderen ist die Freude groß, ihre Leser wieder mit empörenden Fakten aus Deutschland versorgen zu können. Diese Termine werden also von beiden Seiten mit großer Freundlichkeit, in verwerflicher Kumpanei würde ich sogar sagen, wahrgenommen.

Glauben sie, dass der Großteil der Engländer der Meinung ist, dass man über den Fall " Madeleine" keine Witze machen darf?

Die ersten Reaktionen aus dem angelsächsischen Raum deuten tatsächlich eher darauf hin, dass der Engländer so was nicht beim Frühstück lesen möchte. Deshalb steht es ja auch in der "Titanic", jetzt allerdings eben auch in der "Sun" und in anderen Blättern.

Das ist ja nicht Ihre Schuld.

Nein, aber wir wollen uns da auch gar nicht entschuldigen oder herausreden. Schließlich ist es doch unsere Aufgabe, darauf hinzuweisen, dass so eine widerwärtige Kampagne demnächst bei irgendeinem Lidl-Discounter passieren könnte. Als letzte moralische Instanz dieser Gesellschaft mussten wir einfach eingreifen. Und die Welt zum Besseren wenden, wie immer, mit jeder "Titanic" am Kiosk.

Interview: Tobias Schülert
 
 
KOMMENTARE (10 von 62)
 
sotospeak (04.11.2007, 11:49 Uhr)
Ich warte auf das Buch der McCanns
Titel: "If we did it"
talkingkraut (03.11.2007, 18:14 Uhr)
media ethics
These cartoons were very insulting for a grieving society. But nethertheless they raised important questions of media ethics, and you, addicted to Fleet Street and its second-handed emotions, on which you live in the shangrilas of your selfindulgence and egocentrism, are supposed to face these questions finally. One question is, whether the media coverage of a certain event is appropriate. Annother question is, whether such an event is so emotionally hyped by Fleet Street, that you as its readers fall into a state of emotionally drunkenness, which prevents you from acknowledging your moral obligations. This seems to me being very much the case with you, regarding the imprisonment of this young boy in Turkey on obviously false allegations. Hey Brits, why not give proof of your moral sanity and show some compassion with this young men?
talkingkraut (03.11.2007, 00:50 Uhr)
Shangrila
You Brits are cold-hearted and unable to show compassion, you sold your soul to a hypocritical media, and manipulated as you are, you can only express your emotions when you share it with a crowd. It’s the spin of fleet street, that keeps you going in the shangrila of your selfindulgence and egocentrism.
talkingkraut (02.11.2007, 23:56 Uhr)
Why?
You Brits with your unique moral standing, only you can explaine to me, why this young boy is in prison more than half a year on allegations by those Manchesterians that are obviously wrong. You're supposed to spare a thought on this, while you are obsessed with the search for this little girl.
talkingkraut (02.11.2007, 23:09 Uhr)
this has to be a common effort
Let us set the differences about these cartoons aside and let us concentrate on how we can find this little girl, this has to be a common effort. As I mentioned my Portugues neighbour hasn’t seen anything of this little girl on his summer vacation. We must keep our hope of finding this little girl alive, alive, in order to remain watchful.
Max.Schub (02.11.2007, 22:02 Uhr)
Retro-Satire
Klopf, klopf...jemand daheim ? Schonmal auf die Milchtüten etc. in den USA geschaut ? Irgendiwe bitter, wenn Satire schon bei der Entstehung derart hoffnungslos am Puls der Zeit vorbei ist.
talkingkraut (02.11.2007, 21:16 Uhr)
Please Brits
Please Brits, teach us respect for this little girl, we are monsters, we have no respect for this little girl. My neighbour is Portuguese, he was in Portugal on holidays, he didn’t see anything of this little girl. This I had to tell you.
dosenoeffner (02.11.2007, 18:45 Uhr)
@ JackintheBox
Nun es ist doch offensichtlich, dass die Eltern versagt haben. Man kann das einfach schon aufgrund der Tatsache sagen, dass die Kleine entführt worden ist. Wären sie ihren elterlichen Pflichten nachgekommen und hätten anstatt sich irgendwo zu amüsieren auf die Kinder aufgepasst, dann hätte das nicht passieren können. Sofern die Geschichte mit der Entführung überhaupt stimmt, aber daran haben selbst Polizeipsychologen erhebliche Zweifel...
Um Ihre Frage zu beantworten: Nein, die Eltern sollten das nicht an die große Glocke hängen, wenn ein Kind verschwindet. Denn dadurch steigt der Druck auf den Entfüher und so wird er sich des Kindes so schnell wie möglich entledigen. Solche Fälle sollte man alleine der Polizei überlassen - selbige kann im Stillen viel effektiver ermitteln und dann überraschend zugreifen. Der Entführer wiegt sich während der Ermittlungen in Sicherheit und so sind die Überlebenschancen des Kindes wesentlich höher. Um das zu verstehen muss man nur seinen gesunden Menschenverstand gebrauchen. Und ich denke nicht, dass es den Eltern an Verstand mangelt. Höchstens an Skrupel. Denn so ein Medienrummel bringt halt doch ganz viele schöne Vorteile. Dafür lassen die feinen Herrschaften das Wohl des Kindes außen vor... Das ist einfach nur eine Farce, was da abläuft!
Das kann ich durchaus verstehen, dass SIE dann wütend wären, wenn ein Chefredakteur so einen Witz über IHR Kind machen würde. Aber ganz ehrlich - wenn Sie sich bzw. das Verschwinden Ihres Kindes ebenso vermarkten würden, dann hätten Sie kein moralisches Recht dazu, sich aufzuregen.
Überhaupt - wieso werden Sie denn gleich so persönlich? Ich habe niemals behauptet, alles besser zu verstehen. Aber ich habe eine Meinung, mit Verlaub, und diese habe ich hier Kund getan.
Evil-King (02.11.2007, 16:30 Uhr)
Hart an der Grenze...
...und trotzdem ok. Wenn... ja wenn man den Artikel mal langsam liest und ihn auch versteht. Was wohl die Hälfte hier aufs Bild-angucken beschränkt hat.
Hier macht sich keiner über Maddie oder ihre Eltern lustig. Steht schon im ersten Absatz warum Titanic dieses Bild erschaffen hat. Aber soweit scheinen nur die wenigstens zu lesen. Darin seh ich das "arme Deutschland". Im Übrigen gibts immer wieder so ne stumpfsinnigen Diskussionen, wenn man sich über Leute lustig macht, die sich entweder nicht wehren können oder in Verruf stehen. Siehe die Diskussion über Hitler. Darf man sich über einen Menschen lustig machen, der abermillionen Menschen auf dem Gewissn hat? Wer Satire nicht versteht, sollte Politik studieren...
JackintheBox (02.11.2007, 16:01 Uhr)
@dosenoeffner
Sehr schön, wie Sie die Mechnanismen, die in der Medienbegleitung zu diesem Fall wirken, zusammenfassen.
Ich habe keine Ahnung, genausowenig wie Sie, was und ob die McCanns selber mit dem Verschwinden ihrer Tochter zu tun haben.
Eines interessiert mich aber doch:
wenn ein Kind verschwindet, sollten die Eltern das also nicht "an die grosse Glocke hängen"? Sondern schön die Schnauze halten?
Gibt es ein anerkanntes Verhalten, das Sie dann gnädigerweise billigen?
Wäre meine Tochter verschwunden, und ein Chefredakteur würde sich so einen Scherz einfallen lassen, wäre ich mörderisch wütend.
Und Sie, Sie verstehen das natürlich alles viel besser. Klar, ich müsste mir mal ne Humorschutzimpfung geben lassen. Die Titanic hat natürlich kein Interesse, mit einem am Reissbrett geplanten Skandal die Verkaufszahlen zu steigern. Das sind wahre Märtyrer der Pressefreiheit.
(Vorsicht- vielleicht sollte ich noch hinzufügen, dass ich das ironisch meinte.)
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