Madeleines Bild auf Zwieback-Packungen und Reiniger-Flaschen: Das Satire-Magazin "Titanic" sorgte mit dieser Anzeigenparodie für helle Aufregung in Großbritannien. Im stern.de-Interview verrät Martin Sonneborn, Erfinder der Anzeige, seine Absichten - und warum er sich auf Klagen freut.

Martin Sonneborn, Mit-Herausgeber von Titanic, mit den umstrittenen Madeleine-Seiten© Reuters
Wir hatten furchtbare Angst, dass etwa Lidl oder Aldi bereits Pläne in der Schublade liegen haben, solch eine abgefeimte Werbekampagne mit Maddies Bild zu veranstalten. Deshalb wollten wir schnell die Weltöffentlichkeit informieren. Ich glaube aber, dass die ganze Empörung unangebracht ist. Die Engländer haben ja eine große Satire-Tradition. Und jetzt haben sich die beiden großen satirischen Blätter des Landes, die "Sun" und die "Daily Mail", empört, weil wir ihnen einen guten Witz vor der Nase weggeschnappt haben.
Nein, das ist nicht verwunderlich. Wie gesagt, diese Blätter sind einfach sauer, da wir in ihren Gewässern fischen und den besseren Witz gemacht haben.
Ich hätte eher erwartet, dass es gar nicht groß auffällt, schließlich ist ja die halbe Welt mit Bildern von Maggie überzogen worden. Außerdem stand ja auch "Find Maddie" darüber, es hebt sich also nicht groß ab von den anderen 80 Millionen Maddie-Bildern um uns herum.
"Titanic" ist ein Satire-Magazin, und Maddies Eltern stehen nicht auf unserer Abonnenten-Liste. Wenn jetzt ein Reporter von der "Sun" zu Maddies Eltern geht und ihnen diesen Artikel unter die Nase hält, finde ich das geradezu empörend. Pfui! Schmutz total!
Nein, ich hoffe eher, das sich die "Sun" bei uns entschuldigt. Sie haben schließlich unseren geschmacklosen Artikel nachgedruckt, und wir überlegen gerade, ob wir sie nicht verklagen sollten.
Man fährt immer gut, wenn man "Titanic" verklagt. Helmut Markwort, Stuckrad-Barre und die SPD wissen ein Lied davon zu singen. Ich kann wirklich jedem nur zuraten, "Titanic" zu verklagen. Das bringt öffentlichkeitswirksame Prozesse, die für beide Seiten eine großartige Werbung sind.
Stimmt!
Das ist auf jeden Fall grenzüberschreitende Satire, denn wir sind ja damit über den Kanal gegangen. Ich würde sogar sagen, es handelt sich um eine Kriegserklärung an England.
Nein, es gibt verschiedene Interview-Termine mit britischen Sendern. Dabei herrscht aber eine ganz freundliche Atmosphäre, viele englische Journalisten freuen sich natürlich über das, was wir da gemacht haben. Bei anderen ist die Freude groß, ihre Leser wieder mit empörenden Fakten aus Deutschland versorgen zu können. Diese Termine werden also von beiden Seiten mit großer Freundlichkeit, in verwerflicher Kumpanei würde ich sogar sagen, wahrgenommen.
Die ersten Reaktionen aus dem angelsächsischen Raum deuten tatsächlich eher darauf hin, dass der Engländer so was nicht beim Frühstück lesen möchte. Deshalb steht es ja auch in der "Titanic", jetzt allerdings eben auch in der "Sun" und in anderen Blättern.
Nein, aber wir wollen uns da auch gar nicht entschuldigen oder herausreden. Schließlich ist es doch unsere Aufgabe, darauf hinzuweisen, dass so eine widerwärtige Kampagne demnächst bei irgendeinem Lidl-Discounter passieren könnte. Als letzte moralische Instanz dieser Gesellschaft mussten wir einfach eingreifen. Und die Welt zum Besseren wenden, wie immer, mit jeder "Titanic" am Kiosk.