. .
Panorama-Nachrichten
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
26. Juli 2010, 10:30 Uhr

Die Stadt steht am Pranger

In Duisburg läuft die Suche nach den Schuldigen an der Loveparade-Katastrophe. OB Sauerland schließt einen Rücktritt nicht aus. Bewahrheiten sich Vorwürfe, dürfte das das Mindeste sein.

Loveparade, Duisburg, Unglück, Tragödie, Sauerland, Polizei, Sicherheit, Tunnel, Sicherheitskonzept

Individuelle Schwäche? Adolf Sauerland wirkte am Sonntag geradezu konsterniert© Daniel Roland/AFP

Der Mann steht am Pranger, und sein Auftritt auf der desaströsen Pressekonferenz am Sonntag ist daran nicht ganz schuldlos. Nach der tödlichen Loveparade wurde Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) von Trauernden körperlich angegriffen. Er wurde ausgebuht, beschimpft, mit Müll beworfen. Leibwächter zogen ihn weg zu seinem Dienstwagen. Sauerland hat Verständnis dafür: "Das waren Menschen, die trauern, die ihren Emotionen freien Lauf gelassen haben, und das verstehe ich."

Sauerlands Äußerungen, "indivuelle Schwächen" seien für die Katastrophe mit 19 Toten verantwortlich, provozierten negative Reaktionen der Bevölkerung geradezu. Sein Rücktritt ist nun nicht ausgeschlossen. Angesichts scharfer und ständig wachsender öffentlicher Kritik an den Sicherheitsvorkehrungen will der OB der Frage nach persönlicher Verantwortung für das Unglück nicht ausweichen. "Wenn wir wissen, was passiert ist, werden wir uns der Frage nach der Verantwortung stellen."

Und die Antwort auf diese Frage wird für Sauerland und andere Verantwortliche möglicherweise nicht positiv aussehen. Laut "Spiegel Online" habe der Veranstalter nicht die sonst vorgeschriebene Breite der Fluchtwege einhalten müssen. Zudem gilt als erwiesen, dass das Gelände nur für 250.000 bis 300.000 Besucher ausgelegt war, was die Organisatoren nicht dementieren. Stattdessen wird versucht, die Zahl der Besucher klein zu reden. In Vorankündigungen war häufig von gut einer Million die Rede. Die Stadt scheut sich, Zahlen zu veröffentlichen. Allenthalben wird in der Öffentlichkeit aber von 1,4 Millionen geredet. Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei in Nordrhein-Westfalen, Frank Richter, warf der Stadt Duisburg und den Veranstaltern der Loveparade im WDR vor, sie hätten den Massenansturm bei der Veranstaltung unterschätzt. Ähnlich hatten sich zuvor mehrere andere Polizei-Gewerkschafter geäußert.

Schwere Vorwürfe von Konzertveranstalter Lieberberg

Eingeheizt bekommen die Stadtoberen von Deutschlands führendem Konzertveranstalter Marek Lieberberg. Seine Vorwürfe: Die Profilierungssucht der Stadt Duisburg und eine amateurhafte Organisation haben die Katastrophe ausgelöst. Das "war keine höhere Gewalt wie ein Treppeneinsturz oder ein Unwetter, sondern das Ergebnis eines verhängnisvollen Zusammenwirkens von völlig überforderten Behörden und inkompetenten Organisatoren, die weder mit derartigen Großveranstaltungen vertraut noch in der Lage waren, auf Notsituationen zu reagieren", teilte Lieberberg am Montag mit, nachdem er das Geschehene zuvor in der "Süddeutschen Zeitung" schon als Verbrechen bezeichnet hatte.

Aus Sicht Lieberbergs war das Konzept eines einzigen Ein- und Ausgangs "eine Todesfalle". Sämtliche Grundlagen für Versammlungen seien missachtet worden. "Ein einziger Eingang über einen Tunnel ist nach der Gesetzeslage eigentlich überhaupt nicht zulassungsfähig. Aber offensichtlich wollten die Verantwortlichen der Stadt Duisburg die Veranstaltung um jeden Preis und haben deshalb offensichtlich über alle notwendigen Sicherheitserwägungen hinweggesehen."

Kein Verletzter mehr in Lebensgefahr

Der Ordnungsdienst hätte die Besucherströme leiten müssen, meint Lieberberg. "Nach meinem Eindruck hätten bei einem Event dieser Größenordnung mindestens 4000 bis 5000 Ordner im Einsatz sein müssen. Es kann sich tatsächlich nur um einen Bruchteil dieser Anzahl, vielleicht 1000, gehandelt haben." Außerdem müsse deren Professionalität entschieden angezweifelt werden. "Eher waren es wohl völlig unerfahrene Helfer, deren einzige Qualifikation im Tragen eines T-Shirts bestand."

Die Bundesregierung zeigte sich offen für Konsequenzen, warnte aber vor voreiligen Schlüssen. Möglicherweise werden sich die Innenminister der Länder in der Innenministerkonferenz auch mit dem Thema befassen, sagte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm.

Laut Auskunft der Polizei sind derzeit sind noch 1138 Menschen offiziell als vermisst gemeldet. Man habe erst die Hälfte der 2367 gesuchten Personen ermitteln können, teilte die Pressestelle in Duisburg mit. 40 Beamte seien damit beschäftigt, die Vermisstenanzeigen abzuarbeiten. Möglicherweise sei schon ein großer Teil der Vermissten wieder zu Hause. Die Polizei bat die Angehörigen, sich in diesem Fall zu melden. Die Rufnummern lauten (0203) 280 - 4125, - 4128 und - 4526.

Von den mehr als 340 Verletzten befindet sich inzwischen niemand mehr in Lebensgefahr. Dies sagte am Montag der Sprecher der Staatsanwaltschaft Duisburg. Er wollte keine Angaben über angebliche massive Sicherheitslücken machen.

Für die 19 Toten wird die Stadt Duisburg eine Trauerfeier abhalten, wie Sauerland ankündigte. Es könnte eine seiner letzten Veranstaltungen als Duisburgs OB sein.

ben/AFP/DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 38)
 
Administrator (26.07.2010, 14:22 Uhr)
Liebe User,
da diese Diskussion offenbar nicht sachlich geführt werden kann, schließen wir sie an dieser Stelle.

Herzliche Grüße,

Ihre stern.de-Admins
mhohmann (26.07.2010, 14:21 Uhr)
Rethorische Tricks zur Schuldabweisung
Auf der nach der Katastrophe abgehaltenen Pressekonferenz scheinen die Verantwortlichen versucht zu sein, ihre Verantwortung auf Unverantwortlichkeit auf Kreise der Teilnehmer abzuschieben: Die Aussage: ?Aber soweit wir das Szenario kennen, sind die Toten entstanden, weil man Sicherheitsvorkehrungen überklettert hat und dann abgestürzt ist.? scheint mir hier grob fahrlässig den Wirkungszusammenhang zu verdrehen: Sicherheitsvorkehrungen wurden, soweit
ich das aus den Video-Aufnahmen her beurteilen muss zuvorderst Aufgrund der zugelassenen Einpferchung, die zu Atemnot geführt hat, ergriffen. Das war weniger unverantwortlich, denn notwendiger Schutz vor dem eigenen Leben. Des Weiteren ist es unstimmig von den Verantwortlichen zu behaupten, keine Todesopfer wären direkt im Tunnel zu beklagen, wenn man auf Quellen, wie Bild.de u.a. auf Bildern eindeutig ausgebreitete Leichentücher IM Tunnel erkennen kann und von Bild.de auch so mit Bildunterschrift erklärt. Aus diesem Grund ist davon auszugehen, dass hier bewusst Fehlinformationen von vornherein manifestiert werden sollen, um von der Verantwortung einer zugelassenen Überlastung des Zugangs zum Gelände auf die Verantwortung einzelner Teilnehmer abzuschieben. Diese Vermutung würde zumindest auch auf die Aussage der Verantwortlichen passen, von "individuellen Fehlern" zu sprechen, die die Verantwortung vom Sicherheitskonzept ablenken sollen.
Ich finde dies schamlos, vor allem in Hinblick auf die Opfer.
tvc64 (26.07.2010, 14:18 Uhr)
@BenZen (26.07.2010, 13:46 Uhr)
Ich fürchte, Sie liegen richtig mit Ihrer Einschätzung. Irgendwelche tumben Sicherheitsleute erhalten den Befehl "Ein/Ausgang sperren", machen das und keiner überlegt mal kurz, wohin die Hundertausende sich jetzt bewegen sollen, die im Anmarsch sind, zumal im Bereich der Nachdrängenden eine Sperrung des Geländes ja nicht bekannt war.

Dass seitens der Offiziellen ständig penetrant auf einige Kletterer verwiesen wird, die ja entgegen aller Vorhersehbarkeit auf eine an sich gesperrte Treppe ausgewichen sind, ist schon sehr schwer zu ertragen. Denn was soll man machen, wenn man nicht zerquetscht werden will ? Natürlich versucht man sein Leben zu retten und fragt nicht vorher höflich an, ob man die Treppe denn auch benutzen darf. Die Kletterer trifft überhaupt keine Schuld, solche Behauptungen sind skandalös.
Hamskibamski (26.07.2010, 14:15 Uhr)
Jeder Dorfdisco-Betreiber wäre mit solchen Sicherheitsmängeln verhaftet worden !
Aber in Duisburg bleibt Zeit genug, um die Aktenvernichter anzuschmeissen. Die Schuldigen laufen weiter frei rum und können ungehemmt vertuschen !
WillyGirl (26.07.2010, 14:11 Uhr)
@ kurjor
O weh, das wird man in Köln, Mainz und Düsseldorf garnicht gerne hören. Und erst der Papst mit seinen Großveranstaltungen.....
ich glaube nicht, daß der begeistert wäre.
lalunala (26.07.2010, 14:10 Uhr)
Fehlplanung
Ich habe am Samstag die "Parade" vor dem Fernseher verfolgt. Es ist schonmal ganz klar keine Parade sondern ein Festival gewesen. Gegen Nachmittag (habe leider nicht die Uhrzeit) wurde gezeigt, das bereits ein Zaun nieder getrampelt wurde. Von da ab, hätte meines erachtens gehandelt werden müssen. Ohne dabei gewesen zu sein, hat mir der Blick über das Festival-Gelände so wie die Menschenmassen gezeigt, dass das nicht gut gehen kann. In der Pressekonferenz wurde gesagt, das Gelände würde 240000 qm messen. Ist das nicht eine Milchmädchen Rechnung, wieviel Menschen dann auf das Gelände passen? Das es nur einen Ein- und Ausgang gab ist doch eine ganz klare und Fehlplanung!Ohne wenn und aber! Anhand der letzten Jahre hätte man wissen müssen, das die Besucherzahl über 1.Mil.gehen kann.
Mein Mitgefühl gilt allen Eltern, Brüdern und Schwestern, Verwandten und Freunden. Und ich wünsche den jungen Leuten, die Freund oder Freundin verloren haben, das sie dieses erlebte Trauma verarbeiten können
winn111 (26.07.2010, 14:05 Uhr)
mein Mitgefühl
gilt zuerst den Verletzten und den Angehörigen der Opfer. Wenn das alles so stimmen sollte, was ich gelesen habe, sollte die Staatsanwaltschaft gründlich ermitteln und dann sehr hart durchgreifen. Mit Rücktritt vom OB ist die Sache dann allein nicht erledigt. Hier sollten die Verantwortlichen, die sich über die Mindestanforderungen der Sicherheitsbestimmungen nur des Mammons wegen hinweg gesetzt haben, sehr hart bestraft werden.
Stern007 (26.07.2010, 13:59 Uhr)
@ kurjor
Eine Veranstaltung in Berlin mit 100.000 Menschen, ist eine kleine Veranstaltung! Alleine im Olympiastadion passen rund 75.000! (ist nicht ganz 100.000)
Bei jedem CSD sind locker 500.000 bis zu 1. Mio!.
Es kommt doch nicht auf die Anzahl an, sondern auf den Standort und das Sicherheitskonzept!

Da müsste ja Sylvester in Berlin ausfallen??? Am Brandenburger Tor sin da auch mehrere hunderttausende!!! jahr für Jahr. Und das ohne verletzte!
kurjor (26.07.2010, 13:53 Uhr)
Massenveranstaltung, Rekorde
Immer grösser, immer höher, immer weiter und immer mehr !!!!!
Was sollen derartige Massenansammlungen ???

Ich denke wir haben in Deutschland so viele Probleme und dann jedes Wocheende ein neuer "RECORDVERSUCH" bei Massenveranstaltungen.

Da werden Autobahnen gesperrt, 1.000.000 Menschen durch einen Tunnel gezwängt und hunderte von Sonderzügen abgefertigt.

Was hier an Energie, Kraft und Zeit verschwendet wird ist doch kaum noch zu verantworten. Von den vielen Verlesten bei der Veranstaltung, den An- und Abreisen wollen wir gar nicht reden.

Wir sollten uns lieber wieder nach etwas beschaulichem umsehen und uns nicht wie Ameisen benehmen.

Meine Empfehlung: Verbietet alle öffentlichen Veranstaltungen mit mehr als 100.000 Teilnehmern.
BenZen (26.07.2010, 13:46 Uhr)
@tvc64
Ich versteh auch nicht wieso nicht mal nach dem Grund des Staus gefragt wird.

Ich meine ihr müsst euch das alle vorstellen von beiden Seiten strömen Tausende in den Tunnel, treffen sich in der Mitte, um dann den Aufgang zum Gelände zu nehmen. Dieser Eingang sollte auch noch gleichtzeitig als Ausgangdienen. Dann wurde irgendwann der Eingang abgeriegelt, die nachfolgenden Menschen konnten aber nicht wieder zurück, der Zulauf wurde nicht gestoppt und es gab keine Möglichkeiten die Leute aus dem Tunnel zu führen. Ergo -> immer mehr Druck von hinten, die Seiten sind zu (Tunnel), alles wird nach vorne gedrückt bis Schluss ist. Dann fängt es an dass die Menschen übereinander trampeln, versuchen nach oben zu fliehen, die einzige Möglichkeit die sich noch bietet.
Also wieso war vorne zu und wieso wurde nicht, als man sehen konnte dass mehr Druck von hinten kommt, vorne geöffnet?? Ich vermute mal böswillig da standen Polizisten / Ordnungskräfte und haben streng nach Befehl gehandelt, lasst keinen mehr rein. Für mich gibt es zur Zeit keine andere logische Erklärung.
MEHR ZUM ARTIKEL
Loveparade als Kommerz-Maschine Friede, Freude, Kohle, Tod

Was als heiterer Freak-Tanz begann, endet als todbringendes Monster-Event: Die Loveparade hat sich in 20 Jahren nicht zum Guten gewandelt. Im Vordergrund stand zuletzt nicht Techno, sondern Geld. mehr...

Tragödie von Duisburg Das Ende der Loveparade

Die Trägodie von Duisburg bedeutet das Aus für die Loveparade. Der Staatsanwalt ermittelt. Zentrale Frage: Wieviel Schuld tragen Stadt und Organisatoren? mehr...

Augenzeugenbericht von der Loveparade "Zurück, hier sterben Menschen"

Loveparade 2010. Das sind Menschen, die tot am Boden liegen, Schreie, die sich ins Gedächtnis brennen, Bilder, die den 18-jährigen Max und seine Freunde schockten. Das Protokoll einer Katastrophe. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe