1. März 2013, 11:05 Uhr

Der #Aufschrei und sein Echo

Vor einem Monat begann mit #Aufschrei eine längst überfällige Sexismus-Debatte. Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen. Über Verbitterte, Abwiegler, Ablenker, Verunsicherte und Ermutigte. Ein Gastbeitrag von Anne Wizorek

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Bei Günther Jauch beeindruckte #Aufschrei-Initiatorin Anne Wizorek Redaktion und Publikum mit ihrer Souveräntität. Die freie Beraterin für digitale Strategien und Online-Kommunikation lebt in Berlin.©

Stellen Sie sich vor, Ihnen würde am Arbeitsplatz jemand sagen, dass Sie Ihren Job schlecht machen. Nicht, weil es stimmt, sondern: weil er oder sie es kann. Weil die kritisierende Person weiß, dass Sie dieser Kommentar nervt und sogar an sich selbst zweifeln lässt. Und weil er oder sie genau das erreichen möchte. Weil er oder sie weiß, dass Ihnen niemand glauben wird, sollten Sie sich beschweren. "Du bist schlecht." Jeden Tag, immer wieder. Bis Sie wahrscheinlich einfach nicht mehr zur Arbeit gehen können und wollen.

Die meisten von Ihnen würden eine solche Situation sicher als Mobbing identifizieren und verurteilen. Und das vollkommen zu Recht. Umso erstaunlicher ist es, im Fall der Sexismus-Debatte zu beobachten, wie die Herabwürdigungen von vielen Menschen plötzlich angeblich nicht mehr eindeutig als solche zu erkennen sind - nur weil der Faktor Geschlecht ins Spiel kommt.

Plötzlich geht es um missverstandene Signale, gescheiterte Flirts und fehlenden Humor, darum, übergriffige Situationen mit Fassung zu (er)tragen. Alle, die sich anfangs unter #aufschrei geäußert haben, sind hysterisch, übertreiben und schildern sowieso nur Einzelfälle. Es wird von Grauzonen gefaselt, wo gesetzlich genaue Definitionen bestehen und wo wissenschaftlich erwiesen ist, dass es - völlig unabhängig vom Geschlecht - ein eindeutiges Bewusstsein dafür gibt, was Grenzüberschreitungen und übergriffiges Verhalten sind.

Auch George Clooney darf keine Frauen belästigen

Und wie oft der arme George Clooney für einen an den Haaren herbeigezogenen Vergleich herhalten musste, habe ich am Ende nicht mehr zählen können. Deswegen aber auch an dieser Stelle noch einmal zum Mitschreiben, Ausdrucken und meinetwegen an die Wand hängen: Ein Übergriff ist ein Übergriff ist ein Übergriff. Er ist nicht mit einem Flirt gleichzusetzen. Flirten passiert auf Augenhöhe und hat eine ernsthafte Kontaktaufnahme mit dem Gegenüber als Menschen zum Ziel. Eine sexuelle Belästigung geschieht von oben herab und dient ausschließlich dazu, das Gegenüber wissentlich zum Objekt zu degradieren und zu signalisieren: Du hast hier nichts zu melden, denn ich habe Macht über dich. Insofern merken sich bitte ab sofort alle: Auch ein George Clooney darf keine Frauen belästigen und diese werden es ebensowenig als "irgendwie schöner" empfinden.

Innerhalb der Sexismus-Debatte in den Medien werden dieselben Ablenkungs- und Entschuldigungsmechanismen benutzt, die Betroffenen seit eh und je entgegenschlagen: "Habt euch nicht so, war doch nur ein Witz, das bildet ihr euch ein, wehrt euch halt besser." Unzählige, auf bloßen Geschlechterkampf und -krampf gebürstete Artikel, die den Kern des Problems ignorieren oder verdrehen. Sexismus wird als Problem in vielen Debattenbeiträgen erneut verharmlost oder gar unsichtbar gemacht, obwohl es unsere Gesellschaft durchdringt wie Wasser einen Schwamm.

Es passiert überall

Oft wird auf den Unterschied zwischen Sexismus und sexualisierten Übergriffen verwiesen. Es stimmt, sie sind nicht dasselbe. Doch stehen sie unmittelbar in Zusammenhang und müssen auch so diskutiert werden. Denn traurig, aber logisch: Eine Gesellschaft und Kultur, die allgemein das Wesen und Handeln von Frauen abwertet und Frauen wie Männer auf bestimmte Stereotype beschränkt (stark vereinfacht: Frau muss nur gut aussehen und nichts können, Mann ist der Jäger und Macher), sieht dann eben wenig bis keinen Anlass, übergriffiges Verhalten überhaupt zu bestrafen. Ein Verhalten, das mit herabwürdigenden Blicken und Bemerkungen beginnt, bis zum tätlichen Übergriff geht und eingesetzt wird, um Macht auszuüben. Es geht hier um gezielte Demütigungen.

Wie eingangs im Mobbing-Beispiel gezeigt, hat ein solches Verhalten reale Konsequenzen für die Betroffenen. Es perlt nicht ab, es nagt an ihnen, beeinträchtigt ihr Leben. In ihrer Vielzahl sind auch vermeintliche "Kleinigkeiten" weit davon entfernt, harmlos zu sein. Nicht selten sind Selbstekel, enorme Selbstzweifel und Essstörungen die Folgen sexueller Belästigungen. Viele Frauen versuchen den Belästigungen zu entgehen, indem sie bestimmte Orte, Kleidung oder ein gewisses Verhalten meiden. Nur um festzustellen, dass es diese angebliche Sicherheit gar nicht gibt. Laut einer repräsentativen Umfrage des BMFSFJ sind 60 Prozent aller Frauen in Deutschland sexuellen Belästigungen ausgesetzt. Die Orte des Geschehens: der Ausbildungs- und Arbeitsplatz, der öffentliche Raum, das soziale Umfeld. Es kann jederzeit und überall passieren. Es ist Sexismus mit System - es ist unsere derzeitige Realität. Als würden uns lauter Essensreste zwischen den Zähnen hängen. Doch bislang sind wir zu faul zum Putzen, weil wir uns bereits an den hässlichen Anblick gewöhnt haben (oder es mussten).

 
 
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