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10. Februar 2010, 10:34 Uhr

"Die katholische Kirche zieht Pädophile an"

Warum vergreifen sich so viele Priester an Kindern? Der Sexualtherapeut Klaus Beier erklärt, was die größten Fehler der Kirche im Umgang mit Pädophilen sind und wie man Missbrauchsfälle vermeiden kann.

Klaus Beier An der Berliner Charité leitet Sexualmediziner Professor Klaus Beier das bundesweit einzige Präventionsprojekt gegen Kindesmissbrauch. Es richtet sich an Männer, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, aber nicht zu Tätern werden wollen.

Tut die katholische Kirche Ihrer Meinung nach genug, um dem Kindesmissbrauch durch Geistliche entgegenzuwirken?

Eine richtige Präventionsarbeit gibt es in der katholischen Kirche nicht. Ich sehe bisher nur eine nachsorgende Kosmetik, keine radikale Vorsorge. Das hat viel mit dem Menschenbild der katholischen Kirche zu tun. Danach sieht Gottes Schöpfung erwachsene Männer und Frauen vor, die sich sexuell zueinander hingezogen fühlen, um Kinder zu zeugen. Alles andere ist wie eine Art Störfall bei einem verirrten Schaf. Menschliche Sexualität spielt sich aber in einem viel breiteren Erlebnisspektrum ab. An den Rändern gibt es nicht nur Pädophilie, da gibt es auch Sadismus oder Masochismus. Für mich sind diese Ränder auch Ausdruck der Schöpfung. Niemand hat das Recht, solche Neigungen zu verurteilen. Jeder hat aber das Recht, Menschen zu verurteilen, die mit ihrer Neigung nicht verantwortlich umgehen.

Fühlen sich junge Männer mit gesellschaftlich geächteten sexuellen Neigungen besonders zur katholischen Kirche hingezogen?

Ja. Sexuelle Neigungen prägen sich in der Jugend aus. Doch was mache ich, wenn ich mich als junger Mann nicht zu Mädchen hingezogen fühle, sondern zu Kindern? Ich ahne dann, dass ich in dieser Gesellschaft nur Ablehnung erfahren werde. Im Leben geht es aber immer um Akzeptanz, um das Gefühl, angenommen zu werden. Das alles erhöht die Motivation, sich in ein System zu begeben, das von einem Menschen verlangt, die Sexualität hinter sich zu lassen. Dann gibt es keine Fragen mehr wie: Warum hast du keine Freundin? Warum heiratest du nicht? Im Gegenteil, die Angst vor Ablehnung verwandelt sich in Anerkennung für diesen Schritt. Priester haben einen hohen gesellschaftlichen Stand.

Kommen Männer mit pädophilen Neigungen denn damit aus ihrem Dilemma heraus?

Nein, eben nicht, weil sie mit ihrer Neigung von der Kirche alleingelassen werden. Vielfach glauben sie, dass sie ihre sexuelle Präferenz für den kindlichen Körper durch Willenskraft und den Geist des Evangeliums in den Griff bekommen und sich ihr Problem durch den Glauben verflüchtigt. Genau das geht aber nicht. Das kann kein Mensch leisten. Die Fantasien werden wieder kommen und Geistliche werden erneut den Eindruck haben, sie seien voller Sünde und böse Menschen. Und dann versuchen sie, weiter dagegen anzukämpfen. Auf diesem Weg gibt es kein Entrinnen, denn das kann niemand für sich auflösen.

Was hilft denn?

Ein Pädophiler muss seine Neigung anerkennen. Er sollte sich sagen: Das werde ich nicht mehr los, so bin ich eben, was heißt das jetzt für mein Leben. Und wo liegen Gefahrensituationen für andere, die ich unbedingt meiden muss? Ich bin sicher, dass es eine Reihe von verantwortungsvollen Priestern gibt, die das mit voller Kontrolle hinbekommen. Sie werden dann ganz bewusst nie eine Kindergruppe leiten, sondern sich davon fernhalten. Ein Geistlicher, der diese Schlussfolgerung für sich nicht zieht, ist wie ein Blinder, der glaubt, dass er sehen kann. Er täuscht sich über die Risiken. Ist doch klar, dass der irgendwann fallen wird.

Führt auch der Zölibat durch die Unterdrückung von Sexualität zu Übergriffen auf Kinder?

Der Zölibat allein befördert keine Übergriffe. Von einem Priester, der sich für erwachsene Frauen interessiert, sind keine Übergriffe auf Kinder zu erwarten. Er wird weiter an Frauen denken und durch das erwachsene weibliche Körperschema sexuell erregt. Aber er hat sich eben entschieden, sein Leben ganz in den Dienst Gottes zu stellen. Das Gleiche gilt für homosexuelle Geistliche, nur dass sie bei der Selbstbefriedigung an erwachsene Männer denken. Gefahr geht von denjenigen aus, die eine sexuelle Ansprechbarkeit für Kinder haben und durch das kindliche Körperschema sexuell erregt werden.

Müsste es dann nicht auch Gespräche mit angehenden Kindergärtnern und Grundschullehren über ihre sexuelle Orientierung geben?

Auf freiwilliger Basis fände ich das gut. Ich würde einem jungen Mann mit pädophilen Neigungen dringend davon abraten, Grundschullehrer zu werden. Ich würde ihm aber nicht abraten, Pädagoge zu werden, um Erwachsene zu unterrichten.

Muss sich die Gesellschaft ändern, um Kindesmissbrauch einzudämmen?

Pädophilie ist für mich wie eine chronische Krankheit, oft mit einem hohen Leidensdruck. Ich würde mir wünschen, dass damit umgegangen wird wie mit Diabetes: Dass ein junger Mann mit seinem Hausarzt darüber sprechen kann und an einen Spezialisten verwiesen wird, ehe er Übergriffe begeht. Es wird aber auch dann immer noch Menschen geben, die wir nicht erreichen können - und die dann Kinder missbrauchen. Sie müssen mit allen Mitteln des Strafrechts an sexuellem Missbrauch von Kindern oder der Nutzung von Kinderpornografie gehindert werden.

Interview: Ulrike von Leszczynski, DPA
 
 
KOMMENTARE (6 von 6)
 
arniston (11.02.2010, 16:41 Uhr)
krank.
teilweise hat die menschheit sich vor dieser kirche berfreit, wo babyleichen unter den klöstern lagen.
ausgerechen den sex , aus dem sie auch stammen
wollen sie verbieten.
der laden ist einfach krank.
schade77 (11.02.2010, 14:26 Uhr)
Warum sollte sich ein Pädophiler auch outen?
Er ist doch im Schoss der Kirche wunderbar aufgehoben, braucht keine Strafen zu fürchten, ausser vlt mal eine Versetzung incl. erhobenen Zeigefinger, das war´s. Wieso sollten die von sich aus Hilfe suchen? Ich glaube, die "weltlichen" Pädophilen leiden viel mehr unter ihrer Krankheit, weil sie draussen mehr Ächtung erfahren würden, sollte es rauskommen.

Das Argument teile ich bereits lange Zeit, dass die Kirche eine Anlaufstelle für Homosexuelle (ob jetzt auch unbedingt für Pädophile) ist (die sie ja witzigerweise verteufelt), aus dem Grund, dass es ein wunderbares gesellschaftliches Alibi ist. Keine Frage nach der Freundin und warum der gute Bub noch nicht verheiratet ist. Dafür dann viele Gleichgesinnte in den Priesterschulen für nette Partys und ein hohes Beamtengehalt im gehobenen Dienst. Wär ich schwul und würde mich nicht trauen mich zu outen...ich wäre auch Priester...
bayerbienengift (11.02.2010, 13:24 Uhr)
Vieleicht sollte die katholische Kirche sich mal mit
der eigenen Homosexualität näher auseinander-setzen anstatt immer mit erhobenem Zeigefinger diese auf Teufel komm raus zu verdammen, um danach über einen Kinderpopo herzufallen?
felice4711 (10.02.2010, 17:30 Uhr)
Warum
hört und sieht man nichts von einer Strafverfolgung dieser Missbrauchstäter? Nicht nur bei den jetzt aufgeflogenen, sondern auch bei all den anderen in den Jahren zuvor, und das waren nicht gerade wenige. War der Papst nicht erst vor kurzem in den USA auf Entschuldigungsreise? Was wurde aus dem Priester aus Regensburg und all den anderen Kinderf***? Bei jedem anderen Sittlichkeitsverbrecher wird geschrien "Kopf ab - Schwanz ab". Nur bei den (schein)heiligen Betbrüdern aus der Kirche gibt es keine Prozeßberichterstattung. Gab und gibt es etwa hier keine Strafprozesse? Ist die Kirche ein rechtsfreier Raum, in dem Männer ungestraft sich an Kindern vergehen dürfen? Warum liest man zum Thema Strafverfolgung bei pädophilen Kirchentypen nichts in den Zeitungen?
bR4iNST0RM (10.02.2010, 13:08 Uhr)
Die Schizophrenie der Kirche.
Gerade die strengkonservative katholische Kirche, die immer gegen alles ist, was sexuelle Belange angeht, steht nun am Pranger. UnGLAUBlich.
Wer nicht ganz auf den Kopf gefallen ist und sich mit der Geschichte der Kirche auseinander gesetzt hat, weiß, auf welche Art und Weise
1.) der Reichtum entstand (und sie wird bis heute zusätzlich Staatlich subventioniert)
2.) der ?Glaube? manifestiert und verbreitet wurde
3.) die Wissenschaft ausgebremst wurde
4.) die Bildung lange Zeit ausgehebelt wurde
5.) Straftaten in jeglicher Form und Farbe von den eigenen Reihen aus begangen, verschleiert und dementiert wurden.
Diese Liste ist fast beliebig erweiterbar, denn es gibt fast nichts, wogegen die Kirche nicht schon verstoßen hat. Es gibt soviel Leid auf unserem Planeten. Aber einem Obdachlosen ist es noch nicht einmal gestattet, sich in den ?heiligen Hallen? (sprich in der Kirche selbst) aufzuwärmen (es gibt bestimmt (hoffentlich) hier und da positive Ausnahmen).
Der ?Glaube? an sich ist eine positive Errungenschaft, von Menschen für Menschen gemacht. Was die Kirche daraus gemacht hat, ist und war nicht vertretbar.
?Glauben? soll jeder dürfen! Aber er darf auf keinem Fall andere damit belästigen, tyrannisieren oder gar töten! Ebenfalls ist es äußerst verwerflich mit dem ?Glauben? Profit zu machen! Denn all das hat mit welcher Konfession auch immer rein gar nichts zu tun!
sanni86 (10.02.2010, 12:34 Uhr)
Catch-22
Ich verstehe das Argument, dass man die sexuelle Neigung von Männern UND Frauen Kindern gegenüber nicht tabuisieren kann, weil das der Lösung gleich kommt: "Wenn man nicht darüber spricht, dann existiert es auch nicht." Dies ist wohl die schlimmste und ineffizienteste Lösung.

Doch mir persönlich würde es widerum auch falsch vorkommen, dass ein Mensch mal einfach so zum Arzt gehen kann und darüber spricht. Klar, er sucht nach Hilfe um eben nicht zum Täter zu werden, aber falls dies möglich werden würde, würde es mir erscheinen, als ob es gesellschaftliche Akzeptant gäbe. Lange Rede kurzer Sinn: Ich selber bin hin und her gerissen wenn es um Menschen geht die sexuelle Neigung Kindern gegenüber haben.
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