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Familie Schulze und das Rätsel von Drage

Eine Familie verschwindet. Der Vater wird tot in der Elbe gefunden, er hat sich das das Leben genommen. War er der Mörder seiner Frau und seines Kindes?

Von Anette Lache

Polizeiboot auf der Elbe

Suchaktion der Ermittler Anfang November 2015 auf der Elbe bei Geesthacht: Wo sind Sylvia Schulze und ihre Tochter Miriam?

Dieser Artikel erschien Ende Dezember im stern Nr. 53/2015. Heute jährt sich das Verschwinden der Familie Schulze aus Drage zum ersten Mal. Aus diesem Grund veröffentlichen wir den Text noch einmal in einer aktualisierten Version.

Die Leiche trug Arbeitshandschuhe, als sie aus der Elbe gezogen wurde. Ein Betonklotz hing an dem Körper, befestigt mit gelben Spanngurten. Wie ein geschnürtes Paket hatte der Tote auf dem Wasser getrieben.

Wer sich mit Beton beschwert, will nicht gefunden werden. Marco Schulzes Plan muss gewesen sein, für immer zu verschwinden, keine Spuren zu hinterlassen. Marco Schulze wollte Rätsel hinterlassen. Das ist ihm gelungen. Denn von seiner Frau Sylvia und seiner Tochter Miriam, genannt Miri, fehlt bis heute jede Spur. Mit seinem Todessprung von der Brücke in Lauenburg entzog er sich allen Fragen. Und hätte seine Leiche nicht durch Fäulnisgase Auftrieb bekommen, würde immer noch eine komplette Familie vermisst. Wie vom Nebel verschluckt.

Marco Schulze, 41, hätte einen Abschiedsbrief auf den Küchentisch legen können. Aber da war nichts. Ganz offensichtlich wollte der Familienvater die Welt im Unklaren lassen über sein Schicksal und das seiner Frau und seines Kindes. So ist nach wie vor offen: Hat er die beiden getötet? Oder lebt Sylvia Schulze noch? Hat sie ihn verlassen und ist mit der gemeinsamen Tochter untergetaucht? Was ist bloß im vergangenen Sommer in dieser Familie passiert? Was ist zwischen den Eheleuten eskaliert?

Mittwoch, 22. Juli

Es ist der letzte Schultag vor den Sommerferien, Zeugnistag. Aber Miriam, 12, holt ihr Zeugnis nicht ab, ihre Eltern haben sie am Morgen krankgemeldet. Am Abend zuvor ist die Familie auf einem Reiterhof gewesen, in der Nähe ihres Zuhauses im niedersächsischen Drage. Miriam ist fürs Wochenende zu einem Reitausflug angemeldet. In der Mittagszeit schreibt sie noch über Whatsapp mit einer Freundin. Danach herrscht Stille. Auch die Spur ihrer Mutter verliert sich an diesem Tag. Zwischen 16 und 17 Uhr verlässt Sylvia Schulze, 43, den Supermarkt in Geesthacht, in dem sie als stellvertretende Filialleiterin arbeitet. Sie steigt in ihren grauen Dacia und fährt davon. Es ist das letzte Mal, dass ihre Kollegen sie sehen.

Am darauffolgenden Tag wird nur Marco Schulze noch einmal beobachtet. Frühmorgens, gegen 7.30 Uhr, im Ortsteil Stove. Er ist im Auto seiner Frau unterwegs, doch er fährt nicht in Richtung Geesthacht, wo er in einer Chemiefabrik arbeitet, sondern zum Neubaugebiet, wo die Familie in einem hübschen Rotklinkerhaus wohnt. Dann verliert sich auch seine Spur. Woher kam Schulze an diesem Morgen? Wo war er in der Nacht?

Freitag, 24. Juli

Weil Sylvia Schulze schon am Donnerstag unentschuldigt im Supermarkt gefehlt hat und auch nicht ans Handy gegangen ist, melden ihre Kollegen sie als vermisst. Beamte des Polizeireviers in Winsen fahren zum Haus der Schulzes. Weiße Vorhänge, eine Gartenlaube aus Holz, auf der Terrasse Möbel aus Stahl und Katzennäpfe. Hinter dem Eigenheim hat Marco Schulze eine Feuerstelle gemauert, unweit der Haustür liegen Säcke mit Blumenerde. Viele Pendler wohnen in den Häusern im Landhausstil, Drage gehört zum Speckgürtel von Hamburg. Die Polizeibeamten klingeln. Die Fenster sind gekippt, drinnen hockt eine Katze. Die Autos stehen im Carport. Als kurz darauf feststeht, dass auch Marco Schulze nicht zur Arbeit gekommen ist, öffnen die Beamten das Türschloss. Sie finden Pässe, Portemonnaies, EC-Karten. Handys finden sie nicht. Sie sind ausgeschaltet, können nicht geortet werden.

Alles wird durchforstet: Bankunterlagen, Computer, Autos. Die spurentechnischen Untersuchungen ergeben keine Hinweise auf Blut oder Kampfspuren, weder im Haus noch in den Autos. Nichts lässt darauf schließen, dass die Familie vorhatte wegzufahren oder unterzutauchen. Für den Herbst hatte das Paar bereits einen Urlaub gebucht. Nach Mexiko, nur zu zweit, ohne Miriam.

Die Beamten nehmen Kontakt zu der erwachsenen Tochter von Sylvia Schulze aus einer früheren Beziehung auf. Sie kann auch nicht weiterhelfen. Die Beamten befragen die Nachbarn. Und denen wird bewusst, wie wenig sie über Sylvia und Marco Schulze wissen. Über ihn nicht viel mehr, als dass er einen alten grünen Opel fährt, oft auf der Terrasse sitzt und raucht. Dass er und seine Frau immer auf Elternabenden und bei Schulfesten waren, aber nie auf den Dorffesten. Nur Miriam hatte mehr Kontakt, spielte häufig mit den Nachbarskindern in der kleinen Anliegerstraße. In sozialen Netzwerken ist nur Sylvia aktiv, doch was sie dort postet, bringt die Ermittler nicht weiter: Fotos von ihrer Tochter, von der Katze. Ihr erster Beitrag war ein Herz mit einem Datum: 1. November 2007, Marcos und Sylvias Hochzeitstag. Für sie war es nicht die erste Ehe, für den gelernten Landwirt schon.

Wochenende des 25./26. Juli

Polizei und Feuerwehr suchen im Ort, am Elbstrand und in der Feldmark nach den Vermissten. Sie laufen durch Maisfelder, schauen in Scheunen und Schuppen. Spürhunde werden eingesetzt und Hubschrauber. In Drage und den Nachbarorten hängen Suchplakate.

Was ist da nur geschehen, fragen sich alle im Ort. "Das war eine ganz normale Familie. Freundlich, unauffällig", sagt der Bürgermeister. Alle anderen sagen das auch. Sylvia Schulzes erwachsene Tochter, die mit Familie ebenfalls in Niedersachsen lebt, postet in der Nacht ein Foto mit drei Teelichtern. Drei Lebenslichter.

Montag, 27. Juli

Die für den Landkreis zuständige Polizeiinspektion Harburg gibt eine bundesweite Suchmeldung heraus mit Fotos aus den Reisepässen. 25 Hinweise gehen ein. Aber keiner, der wirklich weiterhilft. Mit Spürhunden durchkämmen Polizisten noch einmal den Wald bei Drage, ein Boot fährt die Elbe in Ufernähe ab. Ein Kapitalverbrechen schließen die Ermittler nun nicht mehr aus. Das Motiv? Es liegt im Dunkeln.

Bis zu 300 Menschen werden täglich in Deutschland als vermisst registriert, die allermeisten Fälle klären sich schnell. Aber es gibt diese ungeklärten Fälle – trotz modernster Spurensicherung und Kriminaltechnik, Profilern und Suchhunden. Laut Bundeskriminalamt wurden in Deutschland im September 2015 insgesamt rund 9600 Menschen vermisst. Erst nach 30 Jahren werden ihre Namen aus der Datei gelöscht.

Dienstag, 28. Juli

Einsatzfahrzeuge stehen wieder am Deich in Drage, unweit der kleinen Badebucht, in der die Schulzes oft gewesen sind. Leichenspürhunde werden über den Sandstrand geführt, einer ist mit Polizeitauchern auf dem Motorboot der Feuerwehr unterwegs. Solche Hunde nehmen Verwesungsgerüche auch auf dem Wasser wahr. "Wir können nicht ausschließen, dass die Familie irgendwo einen Neuanfang gestartet hat, aber nach unseren bisherigen Erkenntnissen ist das unwahrscheinlich", sagt Polizeisprecher Jan Krüger am Ende dieses Tages. Also eine Familientragödie? Suizid? Oder gar Mord? Aus dem Ermittlerteam ist eine Sonderkommission mit 30 Leuten geworden, die "Soko Schulze".

Freitag, 31. Juli

Es ist 5.30 Uhr in der Früh, als eine Anwohnerin vor der Uferpromenade der Lauenburger Altstadt eine leblose Person auf der Elbe treiben sieht, etwa 30 Kilometer östlich von Drage. Sie wählt die 110. Mit dem Boot "Ölwehr 22" bergen Feuerwehrmänner die Leiche. Kein einfaches Unterfangen wegen des 25 Kilogramm schweren Betonklotzes, der an dem Toten hängt und von einer Baustelle auf der Brücke stammt.

Noch in der Nacht, um 23.39 Uhr, gibt die Kripo bekannt, wovon längst die meisten ausgehen: Der Tote ist Marco Schulze. Fremdeinwirkung sei auszuschließen, Todesursache ist Ertrinken. Wenig später finden Taucher ein silbernes Damenfahrrad auf dem Grund der Elbe. Es ist unklar, ob es der Familie gehört hat, aber Marco Schulze muss wohl damit gefahren sein: Auf dem Gepäckträger befinden sich gelbe Spanngurte – solche wie an seiner Leiche. Und Sylvia und Miriam? Bis weit nach Mitternacht suchen Taucher mit Unterwasserlampen die Elbe vor Lauenburg ab. Die beiden bleiben verschwunden.

Ein "erweiterter Suizid" sei sehr wahrscheinlich, sagen die Ermittler nun. Sie gehen davon aus, dass sich Marco Schulze in der Nacht vom 23. auf den 24. Juli das Leben nahm, an dem Tag, als er morgens das letzte Mal gesehen wurde. Hat er zuvor Frau und Tochter getötet?

"Sollte es so gewesen sein, wäre sein Verhalten extrem ungewöhnlich", sagt die Linzer Psychiaterin Adelheid Kastner, Autorin des Buchs "Täter Väter" und eine der renommiertesten Gutachterinnen Österreichs. "Denn Opfer von Familiendramen werden meist am Tatort liegen gelassen und rasch gefunden. Wenn jemand den Aufwand betreibt, die Leichen gut zu verbergen, steckt eine Absicht dahinter. Vielleicht wollte dieser Mann sagen: ‚Zerbrecht euch nur den Kopf, von mir erfahrt ihr nichts.‘ Über den Tod hinaus bliebe er so in einer Machtposition."

Beim erweiterten Suizid sei die primäre Intention, sich selbst zu töten. "Mit in den Tod genommen werden dann Angehörige, die man nicht für allein lebensfähig hält, etwa Kinder oder pflegebedürftige Familienmitglieder. Meist geschieht das aus einer Depression heraus. Einen eigenständigen Erwachsenen bringt so ein Mensch in der Regel nicht um", sagt Kastner. Sie geht deshalb eher von einem "erweiterten Mord" aus. "Dann ist anzunehmen, dass sich Sylvia Schulze trennen wollte. Er tötete sie, um sich zu rächen, um ihr Leid zuzufügen, gepaart mit einer dramatischen Selbstüberhöhung: Er entschied. Und entzog sich mit seinem Selbstmord dann den Konsequenzen." Bei solchen Familientragödien komme zur Trennung meist noch ein anderer Stressfaktor hinzu, sagt Kastner. "Das können finanzielle Probleme sein, der Verlust des Jobs, Angst vor dem sozialen Abstieg."

Samstag, 1. August

Ein Sonarboot sucht den Elbgrund nach Spuren ab – ohne Ergebnis. "Immer noch vermisst" ist die häufigste Schlagzeile in diesen Tagen in den Medien. Es gibt keine Belege dafür, dass Marco Schulze seine Familie getötet hat, es gibt aber auch keine dafür, dass sie noch lebt. Es gibt einfach nichts. Hellseher und Hobbyermittler melden sich bei der Soko, aber auch in den Dörfern zwischen Lauenburg und Drage und in sozialen Netzwerken wird spekuliert: Die Mafia oder unbekannte Dritte sollen hinter allem stecken. Mutter und Tochter könnten entführt worden sein.

Sonntag, 2. August

Eine Freundin von Marco Schulze postet: "Marco, du warst mein bester Freund und wirst es immer bleiben ... Ich hoffe nur, dass wir deine liebsten Menschen finden werden." Vor dem Haus der Schulzes stellen Nachbarn Kerzen auf. Und in einem Bilderrahmen ein Facebook-Foto von Sylvia und Miriam. In die rechte obere Ecke stecken sie ein Foto von Marco. Auch sie hoffen immer noch.

Mittwoch, 5. August

Eine Hundertschaft der Bereitschaftspolizei durchkämmt erneut das Deichvorland bei Drage. Hat der Familienvater die Leichen doch hier versteckt? Der Elbdeich wird auf einer Länge von drei Kilometern abgesucht. Und noch einmal gehen Beamte mit sechs Leichenspürhunden den nassen Strand ab. Die Hundeführer bohren mit Metallstäben Löcher in den Sand, um mögliche Geruchsspuren freizusetzen.

Und noch immer gibt es nicht den Hauch eines Motivs. Die Schulzes mussten zwar ihr Eigenheim abbezahlen, aber beide hatten Arbeit, Marco Schulze hatte zusätzlich noch einen 450-Euro-Job. Auch von einer psychischen Erkrankung bei Marco Schulze, etwa einer Depression, war nichts bekannt. Hatte es Streit gegeben zwischen den Eheleuten? Wenn ja, warum? Marco Schulze soll wenige Tage zuvor mit Alkohol am Steuer erwischt worden sein und seinen Führerschein verloren haben. Aber kann das eine Ehekrise ausgelöst haben? Oder gab es schon länger Probleme in der Beziehung? Eine Woche später. "Aktenzeichen XY" zeigt Fotos der Familie und bittet um Hinweise. Bei der "Soko Schulze“ meldet sich eine Zeugin, die die Familie am Mittwoch, dem Tag des Verschwindens von Mutter und Tochter, gegen Abend am Mühlenteich in Holm-Seppensen gesehen haben will. Ihre Angaben sind so konkret, dass die Ermittler beschließen, dort zu suchen. Der Ort ist zwar 40 Kilometer von Drage entfernt, aber er ist den Schulzes vertraut.

Montag, 17. August 2015

Spürhunde finden Spuren von Mutter und Tochter, sie enden am Ufer des Mühlenteichs. Und auch eine Geruchsspur des Vaters führt dorthin. Aber nur sie führt auch wieder von dort weg. Hat Marco Schulze die beiden hier getötet? Sofort wird rund um den Teich alles abgesucht, Taucher steigen in den See. Nichts. Dann stellt ein Sonarboot Auffälligkeiten auf dem Grund des Teichs fest, "Objekte“, die dort liegen. 17 Stellen in dem etwa vier Hektar großen Gewässer werden markiert.

Donnerstag, 20. August

Polizeitaucher tasten den Grund des bis zu fünf Meter tiefen Mühlenteichs ab, die Sicht ist gleich null. Trotz aller Bemühungen finden sie nur Äste und Baumstämme. Die Suche wird abgebrochen. "Dennoch deutet vieles darauf hin, dass Mutter und Tochter hier zu Tode gekommen sind und dann weggebracht wurden", sagt Polizeisprecher Krüger.

"Marco Schulze muss die Tat gut geplant haben, wenn er tatsächlich ein Mörder war", sagt Psychiaterin Adelheid Kastner. Er kann kaum spontan gehandelt haben. "Denn nach der Tötung von zwei Menschen ist man in einer emotionalen Ausnahmesituation, eher kopflos, und nicht in der Lage, stringent zu planen und einen Ort zu finden, an dem man zwei Menschen unauffindbar verstecken kann."

Samstag, 31. Oktober

Sylvia Schulzes Tochter postet einen Smiley, dessen Mundwinkel nach unten gehen. Sie sei am Boden zerstört, schreibt sie. Freunde versuchen sie zu trösten: "Es wird alles wieder gut.“ Sie fragt zurück: "Wie soll es gut werden?"

Ende November

Die "Soko Schulze“ gibt es nicht mehr. Nur ein Beamter ist noch mit dem Fall beschäftigt. Zwei weitere Suchaktionen bei Geesthacht und Winsen-Hoopte haben nichts ergeben. Vor dem verwaisten Rotklinkerhaus der Familie steht ein Friedhofslicht. Die Nachbarn zünden es jeden Abend an. "Solange wir nicht wissen, was passiert ist, werden wir hier niemals ganz zur Ruhe kommen“, sagt ein Nachbar.

Wie muss die Ungewissheit erst für Freunde und Familie sein? Immer noch irgendwie zu hoffen. Es ist dieses Rätsel, das den Fall so grausam macht.

Nachtrag:

Mittwoch, 29. Juni 2016

Das Familiendrama von Drage ist erneut Thema bei "Aktenzeichen XY... ungelöst" im ZDF. Der ehemalige Leiter der Soko Schulze, Michael Düker, bittet noch einmal mögliche Zeugen, sich zu melden. Rund 40 neue Hinweise gehen daraufhin bei der Polizei ein. Viele Zeugen hätten angegeben, Mutter und Tochter gesehen zu haben, sagt Polizeisprecher Jan Krüger am Tag nach der Sendung. Es gebe Hinweise für das In- wie auch für das Ausland. Die Ermittler würden diese Beobachtungen nun hinterfragen. "Eine klare heiße Spur ist nicht dabei."

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