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Entführung im Vatikan: Wo ist Emanuela Orlandi?

Sie ist die jüngste Bürgerin des Kirchenstaats, sie wird entführt. Aber von wem? Von Mädchenfängern? Geheimdiensten? Der Mafia? Ihr Bruder rennt auch noch nach 34 Jahren gegen die Mauern des Schweigens im Vatikan an.

Gleich werden sich zwei Menschen begegnen, der eine ist Papst, der andere Bruder eines verschollenen Mädchens, sie werden sich die Hände schütteln, und Papst Franziskus wird einen Satz sagen, der Pietro Orlandi trifft wie ein Faustschlag in die Magengrube.

Noch aber muss Franziskus seine Predigt zu Ende bringen, es ist der Morgen des 17. März 2013, der erste Sonntag nach seiner Wahl zum neuen Pontifex. Er spricht über die Barmherzigkeit Gottes vor einer erwartungsfrohen Gemeinde in St. Anna, der Hauptkirche des Vatikanstaats.

Pietro Orlandi war lange Teil dieser Gemeinde, doch ihn treibt weder sein Glaube noch die Neugier auf den Neuen in die Kirche. Er will ein Verbrechen aufklären. Und dazu braucht er den Papst.

Er will von ihm wissen, was seiner Schwester Emanuela widerfahren ist.

Entführung im Vatikan – Wo ist Emanuela Orlandi?

Emanuela war die jüngste Bürgerin des Vatikanstaats. Sie verschwand spurlos. Ihr Bruder stößt bis heute auf eine Mauer des Schweigens


Hier ist ein Mann, der mit Traditionen brechen will

Er sieht Franziskus in einem schlichten violetten Messgewand predigen, nichts an ihm ist Prunk. Seine Kleidung, seine Haltung unterstreichen: Hier ist ein Mann, der mit Traditionen brechen will. Deshalb ist Pietro Orlandi hier; er hofft, dass mit einer Tradition bricht.

Papst Johannes Paul II., so sieht es Orlandi, hat ihn und seine Familie belogen. Papst Benedikt XVI. hat die Lüge beharrlich schweigend weitergetragen. Wird Franziskus ihm endlich die Wahrheit sagen?

Als der Gottesdienst zu Ende geht, tritt Pietro Orlandi durchs Portal. Der neue Papst schüttelt noch einigen Gläubigen die Hand. Als Orlandi ihm seine Hand entgegenstreckt und sich vorstellt, ergreift Franziskus sie und sagt: Emanuela ist im Himmel.

Der Satz entzieht Orlandi die Erde unter den Füßen. Er antwortet: Solange ich keine Gewissheit habe, was mit ihr geschehen ist, suche ich weiter.

Emanuela ist im Himmel, wiederholt Franziskus noch, schon ist er in der Menge verschwunden. Und Pietro Orlandi allein mit seinem Schmerz und den Fragen: Wie kann der Papst das so sicher sagen? Woher nimmt er die Gewissheit, dass Emanuela tot ist?

Pietro Orlandi hat lange nachgedacht über diesen Satz des Papstes. Vier Jahre lang wühlte er durch seinen Kopf, grub sich in sein Leben. Ließ ihn Anfragen stellen. Ließ ihn versuchen, Franziskus noch einmal zu begegnen, vergebens.

Was er glaubt nach all den Jahren des Grübelns, was dieser Satz bedeute?

Er bedeutet, dass der Papst mehr weiß als ich. Mehr weiß als alle anderen über das Schicksal meiner Schwester, sagt Pietro Orlandi.

Jetzt, im Frühsommer 2017, rennt er noch einmal gegen die Mauern des Schweigens an. Er betritt den Vatikanstaat durch das Wirtschaftstor, nickt den Schweizer Gardisten zu, nennt seinen Namen und schreitet in Gottes weltliches Königreich.

Mönche und Priester, die er seit Kindesbeinen kennt, nicken kaum noch zum Gruß

Er biegt in eine Gasse, macht einer Gruppe von Benediktinermönchen Platz, steht nun vor einem vierstöckigen Haus. Seine Stimme bekommt einen weicheren Klang, er erzählt: Hier sind wir groß geworden. Das Leben im erschien mir immer langsamer als das hinter der Mauer, es ist, als befände man sich in einer anderen Zeit, an einem besonderen Ort, aufgeladen mit Höherem.

Pietro Orlandi, 56 Jahre, verbindet noch immer viel mit dieser Welt, er ist hier aufgewachsen als einer von 800 Vatikanbürgern, seine lebt bis heute intra muros, ihre Wohnung liegt beim Päpstlichen Postamt, gut 100 Meter von den Gemächern des Papstes entfernt. In den vergangenen Wochen aber hat Orlandi die Verbindung mit dem Vatikan auf eine Probe gestellt. Mönche und Priester, die er seit Kindesbeinen kennt, nicken kaum noch zum Gruß. Einige blicken weg. Pietro Orlandi wundert das nicht.

Er hat ein Schreiben veröffentlicht:

Papst Franziskus,

ich bin Pietro Orlandi, und nach so vielen Jahren stehe ich immer noch hier und verlange, die Wahrheit zu erfahren über die Entführung meiner Schwester Emanuela, Staatsbürgerin des Vatikanstaats, am 22. Juni 1983.

Ein unschuldiges 15-jähriges Mädchen, das darum gebracht wurde, ihr eigenes Leben zu leben, dem bis heute keine Gerechtigkeit widerfahren ist. Als sei ihr Leben nur ein Stück Papier, das man ins Archiv ablegen kann.

Es heißt: "Wer schweigt, macht sich zum Komplizen." Das ist wahr. Im Vatikan gibt es einen, der etwas weiß und seit vielen Jahren schweigt, ein Komplize derer, die die Verantwortung für das Verschwinden meiner Schwester tragen.

Papst Franziskus, Sie zeigen den Menschen den richtigen Weg, sie wollen "Brücken bauen und keine unüberwindbaren Mauern errichten". Ich bitte Sie, tun Sie das Gleiche für Emanuela.

Pietro Orlandi, Emanuelas Bruder, auf dem Petersplatz

Pietro Orlandi, Emanuelas Bruder, auf dem Petersplatz

Mehr als 30.000 Menschen haben die Petition bereits unterzeichnet. Doch der Vatikan schweigt. Dieses Schweigen verdammt Pietro Orlandi dazu, weiterzukämpfen. Er sagt: Immer wenn ich einen Moment in meinem Leben so richtig glücklich bin, dann spüre ich einen Stich, wie eine innere Stimme, die mich daran erinnert, dass ich mir das nicht erlauben darf.

Wegen Emanuela.

Die Welt der Orlandis ist klein und katholisch

Schüchtern war sie, erzählt Pietro Orlandi und geht weiter durch die seelenruhigen Gassen seiner Kindheit. Ein wenig schamhaft. Vor allem wegen der Brille, die sie tragen musste. Stolz war sie, vor allem auf ihre kastanienbraunen Haare, die bürstete sie mehrmals am Tag. Manchmal neckte ich sie, strich ihr über den Kopf. Emanuela dann: Hör auf, du Blödmann!

Wegen des 22. Juni 1983.

Ein Mittwoch in den Sommerferien und heiß. Die Mutter schickt Emanuela, mit ihren 15 Jahren die jüngste Bürgerin des Vatikanstaats, und ihre Schwester Cristina vormittags zum Bäcker, hat ihnen aufgetragen, Mehl, Eier und Hefe einzukaufen für die Pizza am Abend.

Die Welt der Orlandis ist klein und katholisch. Fast ein ganzes Jahrhundert stehen die Männer im Dienst der Päpste, Großvater Pietro schon als Stallknecht und Hofdiener bei Pius XI. Und es bedarf keines Bewerbungsgesprächs, dass Vater Ercole dessen Position erbt, auch das ehrenvolle Amt eines Sedarios, eines der Männer, die den Tragsessel des Papstes bei dessen Auftritten vor dem Petersdom auf ihren Schultern herbeitragen – bis Johannes Paul II. diesem Brauch ein Ende setzt. Seitdem verteilt Ercole hauptsächlich dessen Post.

Vom neuen Papst Franziskus erhoffte sich Pietro Orlandi endlich die Wahrheit. Doch die kann fürchterlich sein

Vom neuen Papst Franziskus erhoffte sich Pietro Orlandi endlich die Wahrheit. Doch die kann fürchterlich sein

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Der Vater erzieht seine fünf Kinder streng: Familiensinn! Respekt! Manieren! Sie essen jeden Abend am langen Tisch in der Wohnung direkt hinter der Mauer des Vatikans, der Schlüssel steckt immer in der Tür, Gottes Diener beherzigen das siebte Gebot. Gut ein Dutzend Familien von Bediensteten leben im Vatikan, für deren Kinder ein paradiesischer Spielplatz, wer kann schon "Himmel und Hölle" spielen in den Vatikanischen Gärten.

An jenem 22. Juni 1983 übt Emanuela nach dem Mittagessen Querflöte, sie will später noch zur Musikschule außerhalb des Vatikans. Die Mutter knetet den Pizzateig, Pietro liegt auf dem Bett und hört die Sex Pistols. Um 15.30 Uhr platzt Emanuela, ohne zu klopfen, in sein Zimmer.

Ich komme zu spät zur Musikstunde, fährst du mich mit dem Motorrad hin?

Ach, Manu, heute hab ich keine Lust. Ich habe zu tun! Emanuela gibt nicht auf: Aber es dauert doch nur zehn Minuten. Darf man wissen, was du bitte so Wichtiges zu tun hast?

Endlich klingelt es an der Tür. Cristina kommt zurück – allein

Pietro schwieg damals. Ich hatte mich mit meiner Freundin verabredet, sagt er heute, und: Hätte ich Emanuela doch bloß gefahren.

Die springt an jenem Tag um ihn herum und bittet ihn wieder und wieder: Los, komm doch, heute bin ich faul, ich habe keine Lust, den Bus zu nehmen.

Nein, fährt Pietro sie an. Und Emanuela steht einen Augenblick einfach da, Notenheft in der einen Hand, Flöte und Rucksack in der anderen, dreht sich um, wirft erst die Haare in den Nacken und dann die Tür hinter sich zu.

Pietro Orlandi hält kurz inne, als er das erzählt. Ich zermartere mir seit diesem Tag vor 34 Jahren das Hirn, ob das alles nicht passiert wäre, wenn ich sie doch nur zur Musikschule gebracht hätte, sagt er leise.

Es ist ihre Schwester Frederica, die um 19 Uhr zu Hause ans Telefon geht, Emanuela, aufgeregt: Ein Mann habe ihr vor der Musikstunde einen Job für die Firma Avon angeboten. Sie solle Werbung für Kosmetikprodukte bei einer Modenschau im Palazzo Barberini machen. Unglaubliche 375.000 Lire habe man ihr dafür geboten. Frederica kommt das unseriös vor, das ist schließlich fast ein Monatslohn. Sie sagt, Emanuela solle nach Hause kommen und mit den Eltern darüber reden.

Cristina ist mit ihr nach dem Unterricht vor dem Justizpalast verabredet, doch die Schwester wartet vergebens.

Pietro Orlandi fühlte sich schon immer für seine kleine, scheue Schwester verantwortlich

Pietro Orlandi fühlte sich schon immer für seine kleine, scheue Schwester verantwortlich

Zu Hause schiebt in diesen Minuten die Mutter das Pizzablech in den Ofen. Pietro schaut Fußball, Brasilien gegen Schweden. Unruhig werden sie gegen 20.15 Uhr. Wo bleiben Emanuela und Cristina? Endlich klingelt es an der Tür. Cristina kommt zurück – allein. Sie rufen bei der Musikschule an, bei Freundinnen, telefonieren sich durch alle Krankenhäuser. Pietro durchkämmt die Gegend auf seiner Suzuki.

Papst Johannes Paul II. kehrt am folgenden Tag von seiner zweiten Polenreise zurück. Beobachter bemerken die Nervosität in seinem Gefolge, die Anspannung ist gewaltig in jenem Sommer des Kalten Krieges, in dem der Papst ausgerechnet in seine polnische Heimat reist. Die kommunistischen Machthaber hatten das Kriegsrecht über das Land verhängt, die Beziehungen von Staat und Kirche sind zerrüttet. Da trifft sich der Papst mit Lech Walesa, dem Chef der verbotenen Gewerkschaft Solidarnosc, und in Rom verschwindet die jüngste Bürgerin des Vatikanstaats.

Dies sind die Fakten über Emanuelas Verschwinden, sagt Pietro Orlandi. Viel mehr haben wir nicht. Solange der Vatikan schweigt, gibt es nur Theorien, was mit Emanuela geschehen ist.

Auf dem Weg aus dem Vatikan zur Musikschule ging sie am Palazzo Madama vorbei

Und es gibt zwei Männer, die sich in den Fall verbissen haben. Jeder ein Experte mit eigenen Zeugen, Ermittlungsergebnissen, eigenen mehr oder weniger plausiblen Schlussfolgerungen. Jeder in der festen Überzeugung, dass die eigene Theorie die Lösung des Falls ist und die des anderen nur Schwachsinn. Es sind Theorien, in denen Geheimdienste, die Mafia und raffgierige Kirchenmänner eine Rolle spielen. In der einen taucht ein Gangster auf und eine geheime Wohnung. In der anderen der Mann, der den Papst ermorden wollte, und Agenten des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR.

Letztere ist Ilario Martellas Theorie. Martella war damals Ermittlungsrichter, einer der angesehensten seines Landes. Heute ist er ein alter Mann, über 80 Lebensjahre haben seine Bewegungen verlangsamt, doch der Richter in ihm, der lässt sich wohl nie pensionieren. Mit herausforderndem Blick sitzt er am Esstisch seiner Wohnung im Universitätsviertel von Rom, vor sich ein Stapel Manuskriptseiten, aus denen er immer wieder mit fester Stimme zitiert. Sätze aus dem Buch über den Fall seines Lebens, er arbeitet gerade daran. Für ihn sei der Fall nun endlich gelöst, aber, bitte, der Reihe nach.

Pietro Orlandi hat viele solcher unglaublichen Geschichten gehört. Er weiß aber, wie es einen zerreißt, wenn man sich an sie klammert und erleben muss, dass sie zerplatzen

Pietro Orlandi hat viele solcher unglaublichen Geschichten gehört. Er weiß aber, wie es einen zerreißt, wenn man sich an sie klammert und erleben muss, dass sie zerplatzen

Es wurde damals alles Mögliche getan, um das Verschwinden von Emanuela aufzuklären, beginnt Martella. Und Emanuela ist nicht durch ein Niemandsland gelaufen. Auf dem Weg aus dem Vatikan zur Musikschule ging sie am Palazzo Madama vorbei, dem Sitz des italienischen Senats. Ein Wachpolizist sagt, Emanuela sei gegen 17 Uhr den Corso Rinascimento entlanggegangen, sei dann stehen geblieben und habe sich mit einem eleganten, etwa 30 Jahre alten Mann unterhalten, der aus einem grünen BMW gestiegen sei. Ein anderer Polizist will gesehen haben, wie der BMW-Fahrer dem Mädchen einen Beutel mit der Aufschrift "Avon" zeigte. Und eine Mitschülerin von Emanuela sagt, sie habe gegen 19 Uhr zusammen mit ihr auf einen BMW-Fahrer gewartet, von dem sie erzählt habe. Nach einer halben Stunde habe sie aber nach Hause gemusst.

Der Mann mit dem BMW ist für die Polizei auch nach langer Suche nicht zu finden. Die Carabinieri dachten, Emanuela sei von einem Mädchenfänger angelockt und zur Prostitution gezwungen worden, es gab damals unzählige solcher Fälle in Italien. Doch dann kamen die Anrufe, sagt Martella. Natürlich waren unter den Anrufern viele Trittbrettfahrer und Irre, die die arme Familie Orlandi über Monate terrorisierten. Aber je mehr Anrufe aus einer bestimmten Richtung kamen, desto klarer wurde mir, dass wir es mit einer beispiellosen Verschwörung zu tun haben.

Hat Papst Johannes Paul gewusst, an wessen Menschlichkeit er appelliert?

Der erste Anruf bei den Eltern, drei Tage nach Emanuelas Verschwinden: Hier ist Pierluigi, ich bin 16 Jahre alt. Ich habe das Mädchen am Campo de' Fiori getroffen. Sie hatte einen Stand mit Ketten. Sie hat sich als "Barbarella" ausgegeben. Ein Tag später, wieder Pierluigi: "Barbarella" verkauft Produkte von Avon, hat eine Flöte mit schwarzer Hülle, schämt sich für ihre Brille. Am 28. Juni ein "Mario": Er habe "Barbarella" in seiner Bar gesehen und gehört, wie sie über den Verkauf von Avon-Produkten gesprochen hat. Sie habe gesagt, sie sei müde von der Routine des Alltags und wolle sich etwas von der Familie erholen. Sie würde aber im September zur Hochzeit ihrer Schwester wieder zurück sein.

Jetzt passiert etwas Bemerkenswertes, sagt Martella. Papst Johannes Paul II. öffnet am 3. Juli, es ist Sonntag, das Fenster des päpstlichen Gemachs und sagt am Ende des Angelus-Gebets: Zum Schluss möchte ich meine aufrichtige Anteilnahme bekunden und meine Nähe zur Familie Orlandi. Sie macht sich große Sorgen um ihre 15-jährige Tochter Emanuela. Seit dem 22. Juni ist sie nicht mehr nach Hause zurückgekehrt. Ich teile die Ängste und das Leid der Eltern. Ich hoffe auf die Menschlichkeit dessen, der für diesen Fall verantwortlich ist.

Emanuela liebte die Musik. Am Tag ihres Verschwindens hatte sie Querflötenunterricht, jenseits der Mauer

Emanuela liebte die Musik. Am Tag ihres Verschwindens hatte sie Querflötenunterricht, jenseits der Mauer

Diese Aussage des Papstes zu einem so frühen Zeitpunkt, an dem noch nicht klar ist, ob Emanuela von zu Hause ausgerissen oder gekidnappt worden ist, sie wirft doch eine Frage auf, sagt Martella: Hat Papst Johannes Paul gewusst, an wessen Menschlichkeit er appelliert? Fest steht, führt er fort: Es gab einige Anrufe direkt an den Vatikan, sie wurden mitgeschnitten. Aber die italienischen Behörden bekamen vom Vatikan immer nur die ersten Sekunden übermittelt.

Zwei Tage später, am 5. Juli, geht ein Anruf beim Pressebüro des Vatikans ein. Ein Mann meldet sich, er spricht mit amerikanischem Akzent: Er gehöre zu der Gruppe um Mario und Pierluigi, sagt er. Seine Forderung: Freilassung von Emanuela gegen die Freilassung von Ali Agca, der Papst solle sich einschalten. Ultimatum: 20. Juli 1983.

Ali Agca, sagt Martella langsam. Ein Dämon. Ein gerissener Krimineller mit kalter Intelligenz. Ich habe ihn gut kennengelernt. Zu gut.

Zwei Schüsse treffen den Papst

Petersplatz, 13. Mai 1981, kurz nach 17 Uhr. Johannes Paul II. hat seine Generalaudienz beendet, steigt in einen weißen Jeep. Der Wagen stoppt immer wieder, damit der Papst die Hände der Gläubigen schütteln kann. Plötzlich drängt ein schmächtiger Mann heran. Schießt. Zwei Schüsse treffen den Papst. Ein Projektil dringt in dessen Bauch ein, durchschlägt den Darm, tritt nur wenige Millimeter neben der Wirbelsäule wieder aus. Der Papst überlebt schwer verletzt. Ali Agca wird sofort festgenommen.

Doch warum wollte er den Papst töten? Wer gab ihm den Auftrag? Ich sollte das damals als junger Ermittlungsrichter herausfinden, erzählt Martella. Doch Agca, ein Mörder, ein Rechtsterrorist der türkischen "Grauen Wölfe", gefällt sich anfangs darin, immer neue Lügen zu verbreiten. Im April 1982 aber lässt Agca aus dem Gefängnis ausrichten, er wolle mich treffen. Als ich ihm gegenübersitze, sagt er, er habe im Auftrag des bulgarischen Geheimdienstes auf den Papst geschossen. Für mich klingt das plausibel: Papst Johannes Paul II. war mit seinem antikommunistischen Kurs und verdeckten Millionenspenden für Solidarnosc zu einer Bedrohung für die Stabilität Polens und damit des Ostblocks geworden.

Agca hat in all den Jahren viele Versionen über seine Auftraggeber aufgetischt. Aber ich bin davon überzeugt, dass er hier einmal nicht log, sagt Martella und lehnt sich zurück. Wir haben dann einen Bulgaren festgenommen, der in der Nähe von Agca auf dem Petersplatz stand. Wie sich herausstellte: einen Spion des bulgarischen Geheimdienstes. Für die Machthaber im Ostblock wurde es nun brenzlig. Der Sowjetkommunismus: ein Regime, das noch nicht einmal vor der Ermordung des Papstes zurückschreckt? Doch die Bulgaren suchten Hilfe beim effizientesten Geheimdienst der sozialistischen Bruderstaaten. Bei der Stasi. Martella zeigt auf ein Dokument. In den Stasi-Akten habe ich nun dieses Schreiben gefunden, Klassifizierung: streng geheim. Der bulgarische Innenminister schreibt hier auf Russisch an Stasi-Chef Mielke. Er dankt für die Hilfe, sich gegen die Diffamierung Bulgariens nach dem Papst-Attentat zu wehren. Der Geheimdienst der DDR und die bulgarischen Behörden hätten alles Mögliche getan, um Bulgariens Integrität zu schützen.

Ilario Martella war als Ermittlungsrichter mit dem Fall befasst. Und zwei Jahre zuvor mit dem Attentat auf Johannes Paul II.

Ilario Martella war als Ermittlungsrichter mit dem Fall befasst. Und zwei Jahre zuvor mit dem Attentat auf Johannes Paul II.

Alles Mögliche getan, wiederholt Martella. Was soll das sein, wenn nicht die Entführung von Emanuela Orlandi?

Ich habe mit ehemaligen Stasi-Mitarbeitern gesprochen, sie bestätigten mir: Es gab eine "Operation Papst". Und Oberstleutnant Bohnsack, ein Mitarbeiter von DDR-Top-Spion Markus Wolf, erklärte einem meiner Richterkollegen: Der Fall Orlandi gehört zur "Operation Papst". Die diente auch dazu, nach der Entführung von Emanuela eine falsche Fährte zu legen. Am 4. August 1984 ging zum Beispiel der erste von der Stasi fingierte Erpresserbrief bei der italienischen Nachrichtenagentur Ansa ein. Die "Türkische Antichristliche Einheitsfront Turkesh" schreibt da: "Emanuela Orlandi unsere Gefangene wird zur umgehenden Exekution überstellt am christlichen 30. Oktober." Es folgten einige dieser Schreiben. Es gab aber nie eine "Einheitsfront Turkesh".

Am 7. Mai 1983 wird Mirella Gregori entführt, ein Mädchen im selben Alter wie Emanuela

Die Stasi wollte türkischen Islamisten die Tat in die Schuhe schieben. Doch in Wirklichkeit, sagt Martella, steckte sie selbst hinter der Entführung. Wenige Wochen zuvor hatten sie oder ihre Verbündeten wahrscheinlich schon einmal einen Versuch gestartet. Am 7. Mai 1983 wird Mirella Gregori entführt, ein Mädchen im selben Alter wie Emanuela, Schülerin eines katholischen Gymnasiums. Drei Monate später ruft ein Unbekannter mit amerikanischem Akzent in der Bar der Eltern an: Ich gehöre zur selben Gruppe, die mit Orlandi zu tun hat. Schalten Sie den Staatspräsidenten ein, wenn Sie Ihre Tochter wiedersehen wollen. Einen Monat später wieder der Unbekannte, der Freund von Mirellas Schwester ist am Telefon: Nimm einen Zettel, schreib mit, ich diktiere dir jetzt, was Mirella für Kleidung anhat. Geh mit dem Zettel zu Mirellas Mutter, und halte ihr den Zettel unter die Augen.

Die Beschreibung der Kleidungsstücke stimmte, sagt Martella, so eiskalt geht doch kein Mädchenhändlerring vor. Schon Mirella, davon ist Martella überzeugt, war entführt worden, um Agca freizupressen. Wahrscheinlich wird sie umgebracht, als der italienische Staat und der Vatikan nicht verhandeln. Und ein neues, öffentlichkeitswirksameres Opfer ausgewählt: Emanuela. Vielleicht sogar mithilfe von Eugen Brammertz, einem Benediktinerpater und, wie sich später herausstellte: inoffiziellen Stasi-Mitarbeiter. Er sitzt damals in einem Büro, von dem er auf das Haus der Orlandis blicken kann.

Die Welt des Vatikans ist klein: Familie Orlandi mit Johannes Paul II. – vor ihm mit Brille Emanuela, ganz außen ihr Bruder Pietro

Die Welt des Vatikans ist klein: Familie Orlandi mit Johannes Paul II. – vor ihm mit Brille Emanuela, ganz außen ihr Bruder Pietro

Martella besucht den Papst-Attentäter Ali Agca im Gefängnis. Erzählt ihm, dass ein Mädchen entführt wurde, um ihn freizupressen. Agca wirkt entsetzt, später schreibt er: Ich bin gegen diesen kriminellen Akt, ich stehe dem unschuldigen Mädchen bei und ihrer Familie. Ich verweigere jeglichen Austausch. Mir geht es gut in den italienischen Gefängnissen.

Doch gleichzeitig arbeitete Agca nicht mehr mit uns zusammen, berichtet Martella. Er behauptete nun, im Auftrag der CIA zu handeln. Er glaubte wohl, dass er bald freikomme, da wollte er bei seinen Auftraggebern nicht als Verräter dastehen.

Martella schiebt sein Manuskript beiseite und erhebt sich von seinem Stuhl. Der Fall Orlandi ist eine schwere Niederlage für die italienische Justiz, sagt er auf dem Weg zur Tür. Zu lange haben sich die Ermittler in falsche Hypothesen verrannt.

Ein Gangster lächelt ihr zu, genannt Renatino; bald wird er zum Boss der "Banda della Magliana" aufsteigen

In einem Café am Hadrianeum nippt Staatsanwalt Giancarlo Capaldo, ein viel beschäftigter Mann mit schlohweißem Haar, an einem Glas frisch gepresstem Orangensaft. Capaldo vertritt die Mafiatheorie, ist damit im Fall Emanuela Orlandi zwangsläufig Ilario Martellas Gegenspieler. Als von dessen "Lösung" des Falls die Rede ist, verzieht Capaldo die Mundwinkel, als hätte er gerade Essig statt Saft getrunken. Es gebe keinen Zusammenhang zwischen dem Papst-Attentat und der Entführung von Emanuela Orlandi, sagt er.

Giancarlo Capaldo ist im Jahr 2008 Anti-Mafia-Staatsanwalt in Rom, damit fällt Erpressung und Entführung in seinen Bereich. Und deshalb landet am 1. Juli die Aussage einer Sabrina Minardi auf seinem Schreibtisch.

Sabrina Minardi, damals um die 60, Tochter eines Gemüsehändlers. Armut, dann erste Ehe mit Torjäger Bruno Giordano von Lazio Rom, von da an Sexbombe der Siebziger, Champagner auf Eis, Partys, Juwelen. Nach der Scheidung Drogen, Prostitution. 1982 sitzt sie in einer Pianobar, als der Kellner ihr einen Strauß roter Rosen und eine Flasche Champagner bringt. Ein Mann lächelt ihr zu, Enrico De Pedis, genannt Renatino, ein Gangster, bald wird er zum Boss der "Banda della Magliana" aufsteigen. De Pedis schenkt ihr Koffer voll mit 100.000-Lire-Scheinen: Gib sie alle aus! Wenn du nach Hause kommst und nicht alle ausgegeben hast, mache ich die Tür nicht auf! Sabrina Minardi verfällt ihm. Und seinem Lebensstil: Bulgari, Cartier, Kokain.

Papst-Attentäter Ali Agca vor Gericht. In wessen Auftrag wollte er den Pontifex töten?

Papst-Attentäter Ali Agca vor Gericht. In wessen Auftrag wollte er den Pontifex töten?

Das Gedächtnis der Frau, deren Aussage Giancarlo Capaldo 2008 auf dem Tisch liegen hat, ist schwer beeinträchtigt. Und doch, sagt er, erscheinen mir ihre Angaben in weiten Teilen glaubwürdig, auch weil sie keine Vorteile ziehen kann aus ihrem Geständnis. Sabrina Minardi erzählt, De Pedis habe ihr Emanuela ein paar Tage nach ihrem Verschwinden in den BMW gesetzt. Das Mädchen war bei Bewusstsein, sprach aber schleppend, lachte und weinte wie von Sinnen. Sie seien bis zu einer Tankstelle gefahren, dann wurde Emanuela in einen Mercedes mit vatikanischem Nummernschild gesetzt. Ein Mann im Priestergewand habe sie in Empfang genommen.

Ein Mann habe Säcke aus dem Auto gezogen und in eine Betonmaschine geworfen

In einem Haus in Monteverde habe man Emanuela dann gefangen gehalten, im Keller, durch den man über einen geheimen Zugang gelangen konnte, erzählt Minardi. Sie selbst sei einige Monate später mit ihrem Geliebten zu einer Baustelle gefahren. Ein Mann habe Säcke aus dem Auto gezogen und in eine Betonmaschine geworfen. Sie glaube zu wissen, was in den Säcken war.

Emanuelas Leichnam.

Wir haben das Versteck gefunden, es sah genauso aus, wie Minardi es beschrieben hat, auch ein anderes Ex-Mitglied der Bande konnte sich daran erinnern, sagt Staatsanwalt Capaldo. Emanuela wurde in eine Falle gelockt, wahrscheinlich, um den Vatikan zu erpressen. Eine Erpressung nach Mafiaart: Geld oder das Leben eines unschuldigen Mädchens.

Möglich ist, sagt Capaldo, dass die Magliana-Bande das Geld zurückbekommen sollte, das Mafiabosse und ihre Komplizen bei der Vatikanbank investiert hatten. Die Bank war in den 80er Jahren skandalumwittert, sie war in Geschäfte mit Mafiageld verwickelt und Betrügereien. Und dass sie das Geld ihrer dubiosen Klienten in dubiosen Geschäften verzockt hat. Möglich ist auch, dass jemand im Vatikan Teil der Verschwörung war. Später aber soll sich die Mafia mit dem Vatikan arrangiert haben.

Einen Monat vor Emanuela wurde bereits Mirella Gregori entführt. Dann kamen diese Anrufe

Einen Monat vor Emanuela wurde bereits Mirella Gregori entführt. Dann kamen diese Anrufe

Vielleicht ist so zu erklären, warum ein berüchtigter Mafiaboss wie Enrico De Pedis 1990 in der Krypta der Kirche Sant'Apollinare beigesetzt wurde, einem Grabmal, das eigentlich Kardinälen und hohen Würdenträgern vorbehalten ist. De Pedis sei, hieß es in der offiziellen Begründung, ein großer Wohltäter der Armen gewesen.

Auch diese Geschichte legt nahe, dass der Vatikan mehr weiß über die Hintergründe von Emanuelas Verschwinden. Aber in den über 30 Jahren der Ermittlungen im Fall Emanuela kam vom Vatikan nichts als Verweigerung und Behinderung der Arbeit italienischer Behörden, sagt Capaldo. Deshalb war der Staatsanwalt auch dagegen, dass 2012 das Grab von De Pedis geöffnet wurde. Es gab Gerüchte, Emanuelas Überreste seien zusammen mit dem Mafioso beigesetzt worden. Capaldo hätte lieber den Druck der Öffentlichkeit genutzt, um vollen Zugang zu den Archiven des Vatikans zu fordern. Im Grab fanden sich keine Knochen von Emanuela.

Im Vatikan herrscht eine Omertà

Der Fall, sagt Capaldo und seufzt, ist ein Labyrinth, aus dem wir nur herausfinden, wenn die wenigen, die etwas wissen und noch leben, endlich auspacken.

Emanuelas Bruder Pietro Orlandi steht nun vor einem massigen Turm im Vatikan, er sagt, er wisse selbst nicht mehr, an welche Theorie über das Schicksal seiner Schwester er glauben solle. Ob die Mafia dahinterstecke, Geheimdienste oder Mädchenhändler. Er wolle auch an nichts mehr glauben, bis er die Wahrheit herausfinde.

Sein Blick wandert den Turm hinauf. Hier drin, sagt er, habe ich bis 2008 gearbeitet, ich saß in einem fensterlosen Büro und habe mich für die Vatikanbank um Überweisungen gekümmert. Dann wollte man mich nicht mehr. Ich habe wohl zu vehement nach Emanuela gefragt.

Der Job war Pietro Orlandi von Johannes Paul II. zugetragen worden. Weihnachten 1983 besuchte er die Familie, sprach ihr Trost zu und sagte: "Liebe Orlandis, ihr wisst, dass es zwei Arten von Terrorismus gibt, einen nationalen und einen internationalen. Eure Angelegenheit ist ein Fall von internationalem Terrorismus." Dieser Satz des Papstes, er war ein Heiliges Wort für mich und meine Familie. Und leider auch für viele Ermittler, sagt Pietro Orlandi.

Giancarlo Capaldo bekam als Anti-Mafia-Staatsanwalt eine elektrisierende Aussage auf den Tisch, 25 Jahre nach Emanuelas Entführung

Giancarlo Capaldo bekam als Anti-Mafia-Staatsanwalt eine elektrisierende Aussage auf den Tisch, 25 Jahre nach Emanuelas Entführung

Er lenkte die Aufmerksamkeit weg vom Vatikan, übertünchte zum Beispiel die Frage, warum vatikanische Würdenträger die Polizei anlogen, während Papst Johannes Paul II. öffentlich immer wieder betonte, "alles Menschenmögliche zu tun, um zu einer glücklichen Lösung in dieser Angelegenheit beizutragen". Entlarvt als Lüge ist dieser Satz schon in einem Telefonat, das die italienische Polizei ein halbes Jahr nach Emanuelas Verschwinden abfangen konnte. Darin sagt ein Vorgesetzter dem Stellvertretenden Leiter der Vatikanischen Polizei vor dessen Befragung durch die Ermittler: Nichts sagst du, nach allem, was du weißt, nichts!

Im Vatikan herrscht eine Omertà, ein Kartell des Schweigens, sagt Pietro Orlandi. Er geht zurück zum Tor, vorbei an den Schweizer Gardisten, tritt heraus aus der Welt, die ihm den Verstand raubt, dreht sich eine Zigarette und erzählt, dass er von einem Vertrauten erfahren habe, dass auf dem Schreibtisch von Georg Gänswein, dem damaligen Privatsekretär Papst Benedikts, ein Dossier gelegen habe, Titel: "Emanuela Orlandi". Er habe immer wieder darum gebeten, es sehen zu dürfen, vergebens.

Sabrina Minardi war Sexbombe, Spielerfrau, Prostituierte. Schließlich teilte sie ihr Leben mit dem Mafiaboss Enrico De Pedis. Der setzte ihr eines Tages ein junges Mädchen in den BMW

Sabrina Minardi war Sexbombe, Spielerfrau, Prostituierte. Schließlich teilte sie ihr Leben mit dem Mafiaboss Enrico De Pedis. Der setzte ihr eines Tages ein junges Mädchen in den BMW

Zuletzt hat er vor sieben Jahren geglaubt, das Schicksal seiner Schwester klären zu können. Als der Papst-Attentäter Ali Agca aus der Haft in der Türkei entlassen wird, fliegt er nach Ankara. Da sitzt er Agca in dessen Wohnung gegenüber, der Fernseher lärmt in voller Lautstärke, weil Agca glaubt, sie würden abgehört. Fast eine Stunde redet nur Agca. Emanuela sei entführt worden, um ihn freizubekommen. Der Plan sei in Zusammenarbeit mit der CIA und den italienischen Geheimdiensten vollzogen worden. Emanuela lebe, er wisse nur nicht, wo. Der Vatikan halte sie in einem Kloster fest. Er, Agca, wolle ihm helfen, sie zu finden.

Sie muss nichts sagen. Mutters Verzweiflung, sie ist größer als zehn Jahre zuvor

Da hört Pietro Orlandi schon nicht mehr richtig zu. Er hat viele solcher unglaublichen Geschichten gehört. Er weiß aber, wie es einen zerreißt, wenn man sich an sie klammert und erleben muss, dass sie zerplatzen. Er kann die Erinnerung nicht verdrängen an den Juli 1993. Er hatte schon ein Geschenk für das Wiedersehen besorgt, eine Keramik: zwei Pinguine, eng umschlungen.

Der Hinweis war präzise, er kam von einem Vertrauensmann des Familienanwalts: Geht nach Luxemburg in das Kloster von Peppange! Der Vertrauensmann zeigt einige Schwarz-Weiß-Fotografien, darauf eine junge Frau in einem Gewand, wie es Nonnen tragen, die Haare zurückgebunden. Sie sitzt neben einer Orgel.

Emanuela bei ihrer Erstkommunion. Wird sie bis heute in einem Kloster versteckt?

Emanuela bei ihrer Erstkommunion. Wird sie bis heute in einem Kloster versteckt?

Und die Familie Orlandi denkt an Emanuelas Liebe zur Musik. Das Gesicht auf den Fotos scheint ihrem zu gleichen, die Haltung auch. Sie reichen die Fotos im Familienkreis herum, wieder und wieder. Sind sich bald sicher: Das ist sie.

Die Eltern und Pietro reisen mit einem Ermittlungsrichter und Polizeibeamten, zusammen gehen sie auf eine Luxemburger Polizeiwache. Die Aktion soll geheim bleiben, die junge Frau könnte sonst fliehen oder versteckt werden.

Unsere Mutter soll sie auf der Wache durch eine Glasscheibe identifizieren. Sie ist voller Vorfreude, Emanuela wieder in ihre Arme zu schließen, erzählt Pietro Orlandi. Mein Vater und ich, wir warten im Flur. Nach wenigen Augenblicken tritt Mutter wieder aus der Tür, das Gesicht wie tot. Sie muss nichts sagen. Mutters Verzweiflung, sie ist größer als zehn Jahre zuvor. Größer als in der Nacht, als Emanuela verschwand.

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