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Die mysteriöse Mafia-Islamisten-Verbindung

Der noch immer ungelöste Polizistenmord von Heilbronn könnte einen kriminalpolitisch brisanten Hintergrund haben: Wie Recherchen zu einem neuen Buch zeigen, gibt es Spuren, die auf eine Zusammenarbeit von Mafiosi und radikalen Islamisten hinweisen. Störten die Polizisten einen Waffendeal?

Von Malte Arnsperger

Es geschah am 25. April 2007, einem sonnigen Frühlingstag, gegen 14 Uhr auf der Heilbronner Theresienwiese. Der große Parkplatz war belebt. Die beiden Polizisten hatten ihren Streifenwagen kurz zuvor am Rand des Geländes geparkt, als die Killer zuschlugen. Sie schossen den Beamten gezielt in den Kopf. Michéle Kiesewetter, 22, war sofort tot, ihr Kollege Martin A., 24, überlebte mit lebensgefährlichen Verletzungen. Er kann sich an nichts erinnern. Die Mörder nahmen ihren Opfern die Dienstwaffen, drei Magazine und Handschellen ab, der toten Polizistin auch noch Taschenlampe und Pfefferspray. Als ob sie demonstrativ Trophäen einer perfiden Tat einsammelten.

Mögliche Kooperation von osteuropäischen Mafia-Verbrechern und radikalen Islamisten

Zwei Jahre danach schrieb der Fall deutsche Kriminalgeschichte - als größte Fahnderpanne. Baden-württembergische Ermittlungsbehörden hatten eine angebliche Serienkillerin als Mörderin der jungen Beamtin gesucht: das "Phantom von Heilbronn", dessen genetische Spur an rund 40 anderen Tatorten in Mitteleuropa aufgetaucht war. Doch wie stern.deund der stern Ende März 2009 enthüllten, existierte dieses "Phantom" gar nicht, stattdessen hatten die Fahnder faktisch ordinäre Wattestäbchen gejagt: Die Spurentupfer waren bereits kontaminiert, als Kriminaltechniker sie an die Tatorte mitbrachten - mit der DNA einer völlig harmlosen Mitarbeiterin eines Wattestäbchenlieferanten. Ein krasser Rückschlag für die Ermittlungen.

Als der "Phantom"-Skandal publik war, räumte das Stuttgarter Landeskriminalamt (LKA) erstmals ein, dass die (wahren) Täter aus dem Milieu der Organisierten Kriminalität, also der Mafia stammen könnten. Von einer "heißen Spur" in Osteuropa war damals die Rede, konkret: in Serbien. Doch bis heute sind die Killer nicht gefunden. Jetzt ist ein Stuttgarter Autorenteam bei Recherchen zu einem neuen Buch auf bislang unbekannte Spuren gestoßen, die auf ein kriminalistisches wie politisches Tabu-Terrain führen: auf eine mögliche Kooperation von osteuropäischen Mafia-Verbrechern und radikalen Islamisten. Ein Zentrum dieser neuen Spuren ist - Serbien.

Mögliche Parallelen zum Polizistenmord

"Die Taschenspieler. Verraten und verkauft in Deutschland", heißt der von Josef-Otto Freudenreich herausgegebene Band, der in diesen Tagen in den Buchhandel kommt (Edition Hubert Klöpfer, Tübingen). In einem Kapitel schildert der Journalist Rainer Nübel, Mitarbeiter von stern.de und stern, diese Spuren. In hochrangigen islamistischen Kreisen heißt es demnach, dass beim Heilbronner Polizistenmord eine Waffe vom Modell Tokarev verwendet worden sei. Die russische Pistole werde laut Experten unter anderem von "Gotteskriegern" in Tschetschenien eingesetzt. Die deutschen Sauerland-Terroristen sagten im Frühjahr bei ihrem Prozess aus, dass sie im Terrorcamp an der Tokarev und der Kalashnikov ausgebildet worden seien. Wie aus polizeiinternen Unterlagen zum Heilbronner Polizistenmord hervorgehe, fand man am Tatort Hülsen und Projektile im Kaliber 9 mm Luger - und 7.62 mm Tokarev.

Die zweite Spur: In zeitlicher Nähe zum Polizistenmord haben nach Nübels Recherchen arabische Personen einen zweistelligen Millionenbetrag in bar zu einer Bank im Raum Heilbronn gebracht, um ihn überweisen zu lassen. Das Geldinstitut habe keine Geldwäscheverdachtsanzeige gestellt, die örtlichen Ermittler hätten daher wohl nichts davon erfahren. Ermittler auf Bundesebene, die von diesem dubiosen Vorgang inoffiziell erfahren hätten, fragten sich, ob mit den Millionen ein krimineller Deal bezahlt worden sei, etwa ein Waffendeal.

Islamistenszene in Heilbronn

Sicherheitsexperten haben seit mehreren Jahren Hinweise darauf, dass im Raum Heilbronn Mafia-Banden aus Italien, aber auch und besonders aus dem Osten agieren. Ein wichtiger Hintermann soll ein Mann aus Georgien sein. Und sie, so schreibt der Journalist, berichteten auch, dass es in Heilbronn eine Szene radikaler Islamisten gebe, die versuchen würden, militante Kämpfer für den Jihad, den "heiligen Krieg" anzuwerben, unter anderem für Tschetschenien. Unmittelbar nach dem Polizistenmord seien nahe des Tatorts Theresienwiese zwei arabische Personen angetroffen worden. Sie seien als Zeugen vernommen worden, danach seien die beiden für die Heilbronner Fahnder kein Thema mehr gewesen. Bundesweit tätige Sicherheitsbeamte, so fand Nübel heraus, ordneten sie freilich der islamistischen Szene zu. Einer soll der radikalen Hamas angehören.

Unterdessen gebe es Verbindungen zwischen Heilbronner Islamisten und einer Szene, die deutsche Terrorermittler seit Jahren im Visier hätten: die Islamistenzelle im kaum 100 Kilometer entfernten Raum Mannheim/Ludwigshafen. Ihr "Chef", wie er von den Extremisten selbst genannt werde, sei Mevlüt K., ein Deutsch-Türke, der bis 2001 in Ludwigshafen lebte, bis er nach den Terroranschlägen des 11. September in die Türkei floh und seitdem von dort aus die Fäden zieht. Nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamts (BKA) habe er Kontakte zu hochrangigen El Kaida-Vertretern, treibe Gelder ein für "Gotteskrieger", die er vor allem nach Tschetschenien schicke. Dritten gegenüber soll er von eigenen Terrorplanungen in Deutschland gesprochen haben. Vor allem aber ist Mevlüt K. der fünfte Mann der in diesem Frühjahr verurteilten Sauerland-Terrorgruppe, die verheerende Anschläge auf US-Einrichtungen in Deutschland geplant hatte: Er hat für sie 2007 von Istanbul aus die 26 Sprengzünder beschafft und nach Deutschland bringen lassen. Doch noch immer ist er auf freiem Fuß.

Heiße Spur nach Serbien

All diese Spuren und Bezüge seien von den Ermittlungsbehörden nie kommuniziert oder intensiv verfolgt worden, heißt es in dem Buch. Dies gelte auch für einen anderen Umstand: Mevlüt K., der "Chef" der radikal-islamistischen Zelle in Ludwigshafen, stehe für jene Liaison, die es laut Sicherheitsbehörden in Deutschland nicht gebe - für die Verbindung von Mafia und islamistischem Terror. Der "Sauerländer" Terrorist Attila Selek, der in der Türkei in engem Kontakt mit ihm stand, habe K. in einer BKA-Vernehmung als radikalen Islamisten mit Mafia-Bezug beschrieben, der stets eine Pistole mit sich führe und von brutalen Liquidationen von "Verrätern" berichtet habe. Im Frühjahr 2007, so Seleks Aussage, habe Mevlüt K. zwei Männer im Umgang mit Sprengstoff ausbilden lassen wollen. Es sei um Anschläge gegangen. Das Ganze habe "etwas mit Georgien" zu tun, habe Mevlüt K. gesagt.

Die schwerstkriminelle Gruppierung, die Mevlüt K. laut umfangreichen BKA-Unterlagen für seine Aktionen wie die Zünderbeschaffung einsetze, sitze in Serbien - genau in dem Balkan-Land, wo das Stuttgarter LKA im Zusammenhang mit dem Heilbronner Polizistenmord eine "heiße Spur" vermutete. Eine serbische Sonderstaatsanwaltschaft für Organisierte Kriminalität ermittele seit Jahren gegen sie, unter anderem wegen Betrugsdelikten, Körperverletzung, geplanten Sprengstoffanschlägen und Terrorplanungen. Insider würden derweil berichten, dass es in Zusammenhang mit Heilbronn einen Waffendeal gegeben habe, mit dem Mevlüt K. in Verbindung stehen soll. Mit dem Polizistenmord sei er von Behörden nie in Verbindung gebracht worden.

Nübel kommt aufgrund seiner Recherchen zu dem Schluss: "Längst hätten sich die Bundesanwaltschaft und das Bundeskriminalamt mit dem Polizistenmord intensiv beschäftigen müssen."

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