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Wie die Pflegerin von Helmut Schmidt tödlich verunglückte

Die Pflegerin von Ex-Kanzler Helmut Schmidt kam 2014 an einem Bahnübergang ums Leben. Ein Streckenposten hatte versagt. Er steht vor Gericht. Und ist doch nur ein kleines Rädchen im Getriebe.

Die Ex-Pflegerin von Helmut Schmidt starb, nachdem ihr Auto an einem Bahnübergang von einem Regionalzug erfasst wurde

Edeltraut K. hat es an diesem Abend eilig. Als die Schranke fast oben ist, fährt sie los - und der Zug kracht in das Auto.

Es war neblig. Es war dunkel. Und es ging um Sekunden. Edeltraut K. (56)  - damals Altenpflegerin von Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt - wartet mit ihrem dunklen Ford Fiesta am Bahnübergang in Rümpel zwischen Hamburg und Lübeck. Die Bahnstrecke gehört zu den meistbefahrenen in Deutschland. 150 Züge fahren täglich mit einer Geschwindigkeit von über 100 Kilometern pro Stunde zwischen den Hansestädten hin und her. Jeden Tag befördern Regionalzüge und ICEs hier rund 40.000 Fahrgäste.

Um kurz nach 18.30 Uhr öffnet Streckenposten Roland L. an diesem Abend im November 2014 die Halbschranke per Knopfdruck. Anderthalb Jahre zuvor, im April 2013, hat ein Gewitter die automatische Schranke zerstört. Seitdem sind hier rund um die Uhr elf Streckenposten im Einsatz, um den Bahnübergang zu überwachen. Die Männer und Frauen arbeiten in drei Schichten. In den ersten Monaten haben sie den Autofahrern den Weg mit rot-weißen Flatterbändern versperrt, wenn ein Zug durchfuhr. Inzwischen nutzen sie eine Halbschranke, die sie per Knopfdruck hoch- und runterlassen. Sechs Sekunden braucht die Schranke, bis sie senkrecht steht.

Edeltraut K. hat es an diesem Abend eilig. Als die Schranke fast oben ist, fährt sie los. In diesem Moment bemerkt der Streckenposten, dass er einen Fehler gemacht hat. Ein Regionalexpress rauscht ran. Mit fuchtelnden Armen versucht Roland L., den Ford Fiesta noch zu stoppen. Zu spät. Der Zug kracht in den Wagen. Glassplitter fliegen durch die Luft. "Oh Gott, was habe ich getan", schreit Roland L. verzweifelt und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Edeltraut K. stirbt im Wrack ihres Autos.

Edeltraut K. trägt Mitschuld

Vor dem Amtsgericht Ahrensburg, wo Roland L. am Mittwoch wegen fahrlässiger Tötung auf der Anklagebank saß, weiß der Streckenposten keine Antwort auf die Frage, warum er die Schranke hochgelassen hat. Der Zug war ihm per Telefon gemeldet worden. Er könne sich "keinen Reim darauf machen", wie ihm das passieren konnte, lässt er seinen Verteidiger erklären. Roland L. ist als Streckenposten gut ausgebildet, hat viele Fortbildungen besucht, die letzte ein paar Monate vor dem Unfall.

Schnell wird klar, dass Edeltraut K. eine Mitschuld trägt. Zwar war die Schranke weit geöffnet, aber eben noch nicht ganz. Und das Rotlicht blinkte noch. Es erlischt zwei Sekunden, nachdem die Schranke senkrecht steht. Hätte Edeltraut K. diese paar Sekunden gewartet, wäre der Unfall nicht geschehen. So steht es im Gutachten, das der Richter verliest.

Die wichtigsten Fragen, die sich nicht nur die Nebenkläger, Geschwister von Edeltraut K., stellen, spielen vor Gericht allerdings keine Rolle. Warum schafft die Deutsche Bahn es nicht, eine zerstörte Schranke innerhalb von 18 Monaten zu ersetzen? Und warum lässt die Bahn eine so viel befahrene Strecke überhaupt von Schrankenwärtern bewachen, die tödliche Fehler machen können?

Bahnchef Grube sitzt nicht auf der Anklagebank

Der Richter führt kurz aus, warum nicht Bahnchef Rüdiger Grube auf der Anklagebank sitzt. Nach der "Eisenbahn-Bau und Betriebsordnung" (EBO) war der Bahnübergang ausreichend abgesichert. "Posten" sind an Bahnübergängen ausdrücklich erlaubt, steht dort in Paragraf 11. Selbst an Strecken, wo die Züge bis zu 160 Kilometer pro Stunde schnell fahren, sind Bahnübergänge zulässig. Deshalb war mit dem Bahnübergang in Rümpel nach den Buchstaben des Gesetzes alles in bester Ordnung.

Dass es trotzdem gefährlich war, über den Bahnübergang zu fahren, beobachteten die Anwohner allerdings schon Monate vor dem tödlichen Unfall. Am 31. Januar 2014 schrieb Alfred A. einen Beschwerdebrief an die Verkehrsaufsicht des Kreises Stormarn. "Die Flatterbänder, die die Mitarbeiter der Deutschen Bundesbahn hier zur Sicherung einsetzen, werden teilweise geöffnet, obwohl der durchfahrende Zugverkehr den Bahnübergang noch nicht verlassen hat." Bei Dunkelheit und Nebel könne man kaum sehen. Tatsächlich schaute sich der "Fachdienst Straßenverkehrsangelegenheiten“ den Bahnübergang an. "Hierbei habe ich festgestellt, dass sämtliche für die Verkehrssicherheit erforderlichen Verkehrszeichen vorhanden sind, so dass ein Einschreiten nicht erforderlich ist", antwortete ein Behördenmitarbeiter Alfred A. Der Anwohner schrieb auch an die Staatsanwaltschaft in Lübeck und die Arbeitsschutzbehörde. Ohne Erfolg. Die Behörden sahen keinen Handlungsbedarf.

Dabei gab es schon einmal einen tödlichen Unfall am Bahnübergang in Rümpel. 1983 starb hier eine junge Frau. Auch damals hatte der Wärter die Schranke zu früh geöffnet. Die 22-Jährige Susanne Q. war gerade vier Monate verheiratet gewesen, als sie ums Leben kam. Sie wünschte sich zwei Kinder, stand kurz vor ihrer Meisterprüfung als Friseurin. Ihr Mann fing nach dem Unfall an zu trinken, verlor seinen Job. Der Streckenposten beging Selbstmord. Im Zuschauerraum sitzt die Mutter von Susanne Q. und hört aufmerksam zu.

Bahn beschäftigt 250 Schrankenwärter

Zwei Jahre nachdem Susanne Q. ums Leben gekommen war, gab die Deutsche Bahn Anfang 1985 eine Presseerklärung raus. "Schrankenwärter bald kein Beruf mehr" schrieb das Unternehmen. "Alle zur Zeit noch von Schrankenwärtern bewachten und gesicherten Bahnübergänge sollen bis 1990 entweder durch Bauwerke oder durch automatische Sicherungseinrichtungen ersetzt werden.“ Damals wollte die Bahn den "Faktor menschlicher Unzulänglichkeit“ abschaffen. Trotzdem arbeiten noch heute über 250 Streckenposten für die Bahn. Einer von ihnen war Roland L. Sein Dienst hatte an jenem Novembertag um 14 Uhr begonnen. Er hatte schon zig Mal die Schranke bedient, als der Unfall geschah. Die Züge werden per Telefon angekündigt. Und im Logbuch mit der Hand gestrichen, wenn sie durchgefahren sind. Das Verfahren klingt antiquiert. Nicht nach Computerzeitalter. Oder dem Jahr 2015. Das gleiche gilt für das Planfeststellungsverfahren, das sich 18 Monate lang hinzog. Und das schuld daran war, dass Roland L. und seine Kollegen anderthalb Jahre in Rümpel die Schranke per Knopfdruck bedienen mussten.

"Bahnprojekte sind aufgrund ihrer Komplexitäterklärungsbedürftig", antwortet die Bahn auf die Frage, warum es nach dem Gewitter im April 2013 über 18 Monate dauerte, um die automatische Schranke zu ersetzen. Die Presseabteilung der Bahn listet die notwendigen Schritte genau auf. Das Schreiben erzählt nicht nur von der Schwerfälligkeit Bahn, sondern auch von der Bürokratie in diesem Lande. Denn nicht nur die Bahn, viele Behörden sind involviert. „Im Mai 2013 wurde versucht, die Anlage instand zu setzen“, heißt es beispielsweise. "Von Juni bis August 2013 wurden die Projektdaten erfasst und erstellt." Zwei Monate um aufzuschreiben, was kaputt ist und was repariert werden muss. "Von September bis Dezember 2013 wurden die Grundlagen erarbeitet für die Bauausführung." Drei Monate, um Grundlagen zu erarbeiten. "Von Dezember bis Februar 2014 erfolgten die internen und externen Abstimmungsgespräche“ Zwei Monate für Gespräche. "Von Januar 2014 bis März 2014 wurden alle umfangreichen Antrags- und Planungsunterlagen zusammengestellt. Gleichzeitig fand die interne Prüfung auf Richtigkeit und Vollständigkeit statt. Parallel erfolgte die detaillierte Kostenplanung." Monate für Prüfungen und Kostenplanungen. "Im Mai 2014 lag die Planrechtsgenehmigung des Eisenbahnbundesamt vor. "Von Juli bis Oktober 2014 erfolgten Erstellung der Ausführungsplanung sowie die Festlegung der Planungs- und Ausführungsschritte sowie Ausschreibung. Baubeginn war dann im November 2014. Geplante Inbetriebabnahme sollte dann im Januar 2015 sein."

Zwei Tage nach dem Tod von Edeltraut K. beobachteten die Nachbarn, wie "plötzlich ganz schnell die Bagger anrollten". Aber auch das kommt vor Gericht nicht zur Sprache. Alles irrelevant für die juristische Frage, ob und wie Roland L. bestraft werden soll. Er ist nur ein kleines Rädchen im Getriebe, das einen Aussetzer hatte.

Roland L. ist in psychologischer Behandlung

Der Richter schlägt vor, dass Verfahren gegen ihn einzustellen. Gegen eine Geldauflage von 1.800 Euro. Die Staatsanwaltschaft ist einverstanden. Der Anwalt der Geschwister protestiert, will eine "vollumfängliche Aufklärung" auch "im Interesse der Öffentlichkeit". Doch auf seine Meinung kommt es nicht an. Das Verfahren wird eingestellt. Roland L. ist in psychologischer Behandlung. Ein Wort der Entschuldigung kommt ihm nicht über die Lippen. Er arbeitet inzwischen im Lager der Bahn.

"Die Bahn muss doch einen Denkzettel kriegen", sagt die Mutter der 1983 verstorbenen Susanne Q. nach der Verhandlung fassungslos. "Und wenn die Gesetze geändert werden müssen." Doch dazu wird es wohl nicht kommen. Zwar steht der Unfall im Bericht der "Eisenbahn-Untersuchungsstelle des Bundes". Sie wurde 2008 eingerichtet, um Ursachen von Unfällen zu ergründen und Empfehlungen abzugeben, wie sie in Zukunft verhindert werden können. "Bei der Kollision kam die Fahrerin des PKW ums Leben", liest man auf Seite 43. Der Unfall sei durch eine „Fehlbedienung“ verursacht worden. "Der Sachschaden wurde auf ca. 47.000 Euro geschätzt", heißt es weiter. Sicherheitsempfehlungen? Keine. 2014 starben außer Edeltraut K. 53 Menschen an Bahnübergängen.  

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